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TV-Kritik „Zug in die Freiheit“ : Es herrschte die nackte Angst

Mussten noch einmal durch die DDR: Flüchtlinge auf der Fahrt in die Freiheit im Film von Sebastian Dehnhardt und Matthias Schmidt Bild: MDR/Broadview TV

Jubel, Freude, „Freiheit!“-Rufe: Nach Genschers berühmtem Satz blenden Dokumentationen für gewöhnlich ab. „Zug in die Freiheit“ dagegen zeigt, wie die Menschen im Herbst 1989 über Prag in die Bundesrepublik ausreisten - und dabei noch einmal durch die DDR fahren mussten.

          Seinen vermeintlichen Höhepunkt erreicht dieser Film bereits nach 25 Minuten, als Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 auf den Balkon der Deutschen Botschaft in Prag tritt. Fünftausend DDR-Flüchtlinge, die seit Wochen auf dem Gelände unterhalb der Prager Burg campieren, feiern den Außenminister der Bundesrepublik wie einen Rockstar. Und dann sagt Genscher den Satz, der zum Hit des Herbstes 1989 werden sollte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Der Rest versinkt in Jubel, Freude, „Freiheit!“-Rufen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Für gewöhnlich blenden Dokumentationen an dieser Stelle ab: Tausende reisen aus, sechs Wochen später fällt die Mauer, elf Monate danach ist Deutschland vereint. Doch an jenem Abend in Prag hat Genscher noch eine zweite Botschaft im Gepäck, und als er die verkünden muss, weicht der Jubel blankem Entsetzen. Die Züge mit den Flüchtlingen sollen nicht direkt in die Bundesrepublik, sondern durch die DDR fahren. „Da erschallte ein tausendkehliges ,Nein!‘“, erinnert sich Frank Elbe, Genschers damaliger Büroleiter.

          An dieser Stelle gewinnt das Doku-Drama „Zug in die Freiheit“ quasi mit den Flüchtlingszügen an Fahrt. Mehr als ein Jahr haben sich die Regisseure Sebastian Dehnhardt und Matthias Schmidt durch Archive gewühlt, Schauplätze gesichtet und Zeitzeugen gesucht. Flüchtlinge, Politiker, Diplomaten, Polizisten, ein Lokführer kommen zu Wort und vermitteln ein lebendiges, dichtes, wenn auch an mancher Stelle sehr euphorisch geratenes Bild der Ereignisse nach der Botschaftsbesetzung.

          Sonderzüge am Prager Bahnhof

          An jenem Abend in Prag fürchten die DDR-Bürger nicht zu Unrecht, dass die Zugfahrt durch das Land, das sie verlassen haben, ein Trick der Regierung ist. Genscher ahnte das, und er hatte sich vorbereitet. Am Morgen des 30. September war er von der Generalversammlung der Vereinten Nationen aus New York zurückgekehrt. Immer mehr DDR-Bürger, darunter viele Familien mit Kindern, verlangen Einlass auf das überfüllte Gelände, die Versorgung ist schwierig, die hygienischen Verhältnisse sind prekär, und das Wetter nass und kalt.

          Ost-Berlin aber stellt sich stur, erst auf Druck des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse gibt die SED-Führung nach, unter einer Bedingung: Ausreise nur über die DDR. Es war unmittelbar vor dem 40. Jahrestag der Republik ein verzweifelter Akt, der zeigen sollte: Nicht die Leute fliehen, der Staat entlässt sie in den Westen. Genscher hatte mit Ost-Berlin vereinbart, dass er und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters die Züge begleiten. Doch als sie an jenem Abend in Prag eintreffen, gilt die Zusage nicht mehr.

          Genscher, geboren in Halle an der Saale, musste Überzeugungsarbeit leisten: „Ich bin den Weg, den Sie jetzt gehen, 1953 selbst gegangen“, ruft er den Flüchtlingen zu. „Ich weiß, wie schwer Ihnen zumute ist, aber jeder Zug wird von Personen meines Vertrauens begleitet werden.“ Noch am selben Abend werden 5273 Flüchtlinge zum Prager Bahnhof gebracht, wo sechs Sonderzüge bereitstehen. In jedem fahren westdeutsche Diplomaten mit. Der spätere Botschafter Wolfgang Ischinger erinnert sich, dass es im Zug „vor Angst gestunken“ habe, als Mitarbeiter des DDR-Innenministeriums zustiegen, um die Personalausweise einzusammeln.

          Ein Kinderwagen auf den Gleisen

          So groß wie die Furcht in den Zügen ist an der Strecke die Hoffnung, fliehen zu können. Im vogtländischen Reichenbach, wo die Züge zum Lokwechsel halten, springen drei jungen Männer auf. Im Westen verloren sie sich schnell aus den Augen und fanden erst über das Filmprojekt wieder zueinander. Ihre Berichte zählen zu den eindrucksvollsten Momenten des Films, zeigen sie doch, wie binnen kürzester Zeit Entscheidungen getroffen wurden, in eine völlig andere Welt zu fliehen, ohne Aussicht, jemals zurückkehren zu können. Schon am 1. Oktober stürmen neue Flüchtlinge die Botschaft, zwei Tage später ist das Gelände so voll wie zuvor. Auch diese Flüchtlinge müssen via DDR ausreisen. Das sei so gewesen, als ob man mit einer brennenden Fackel durch eine Scheune laufe, sagt Hans-Dietrich Genscher. Und die DDR brannte inzwischen lichterloh.

          DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft treffen am 05.10.1989 im bayerischen Bahnhof Hof ein.

          Zehntausende stehen an der Strecke und wollen mit. Am Dresdner Hauptbahnhof kommt es zu einer Schlacht zwischen Ausreisewilligen, Polizei und Kampfgruppen; der Hauptbahnhof wird zerstört, es gibt Hunderte Verletzte. In Reichenbach und Karl-Marx-Stadt herrschen chaotische Zustände, Dutzende Menschen werden verhaftet. Die Züge sind diesmal verriegelt, niemand soll aufspringen können, und sie sollen auf keinen Fall anhalten. Ein Lokführer erzählt, wie er bremste, weil ein Kinderwagen auf den Gleisen stand, ein Mitarbeiter des Innenministeriums stand hinter ihm und legte den Hebel wieder auf „Gas“ um.

          Es gilt die Anweisung, Gruppen von bis zu fünf Personen einfach zu überfahren. Vierzehn Züge mit gut 10000 Flüchtlingen fahren von Prag über die DDR in den Westen, dann setzt die SED den visafreien Reiseverkehr mit der Tschechoslowakei aus. Als die neue DDR-Führung ihn Anfang November wieder erlaubt, füllt sich die Prager Botschaft ein drittes Mal. Doch die tschechoslowakische Regierung hat genug: Am 3. November, sechs Tage vor dem Mauerfall, erlaubt sie DDR-Bürgern auch ohne Pass und Visum die direkte Ausreise in den Westen.

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