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Prager Botschaft 1989 : Nackte Angst und übergroße Hoffnung

Der Blick auf die andere Seite: Um die Botschaft herum gibt es Polizeisperren, die die Menschen aber immer wieder durchbrechen. Bild: Antonin Novy

Heute vor 25 Jahren trat Außenminister Genscher auf den Balkon der deutschen Botschaft in Prag, um den DDR-Flüchtlingen mitzuteilen, dass ihre Ausreise möglich ist. Christian Bürger war „Lagerleiter“ der ostdeutschen Flüchtlinge. Als Genscher kam, stand er direkt hinter ihm.

          Stille. Absolute Stille. Sie kommt Christian Bürger etwas unheimlich vor, unglaublich ist sie sowieso, als er am 30. September 1989 spätabends noch einmal durch das leere Lager geht. Fünf Stunden zuvor war hier die Hölle los, Genscher auf dem Balkon, Jubel, Schreie, Ekstase. Und jetzt: Stille. Zum ersten Mal seit Monaten ist Bürger für kurze Zeit allein. Es ist dunkel, nass und kalt, aber er will Abschied nehmen von der Prager Botschaft, die mehr als drei Monate sein Zuhause war. Er blickt auf die verlassenen Rotkreuzzelte und das herumliegende Gepäck, läuft über die schlammige, zertrampelte Wiese, sieht die Müllberge im Hof. In der Botschaft brennt Licht, das Tor steht offen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Weg Christian Bürgers in den Westen beginnt gut vier Jahre zuvor in Chemnitz oder Karl-Marx-Stadt, wie seine Heimatstadt damals noch heißt. Mit zwei Freunden will er in den Westen fliehen; im Sommer 1985 erkunden sie in der DDR und der Tschechoslowakei die Grenze zur Bundesrepublik. „Ich hatte diese ständige Gängelung einfach satt“, sagt Bürger, dem die SED das Studium der Kulturwissenschaft verwehrte. Er arbeitet damals, mit Mitte 20, als Leiter des Betriebsjugendclubs eines Textilkombinats.

          Werfen Sie mit uns einen Blick in das Bildarchiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Fotos von Antonin Novy aus der besetzten Prager Botschaft erreichten uns im September 1989 per Bildfunk. Bilderstrecke

          Anfang 1986 ist ihr Fluchtplan fertig. Doch am 16. Februar wird Christian Bürger morgens am Arbeitsplatz verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung gegen ihn und einen seiner Freunde wird die Aussage des Dritten im Bunde verlesen. „Wir waren wirklich dicke Freunde“, sagt Bürger. „Aber er hat uns verpfiffen.“ Den Verräter hat er nie wieder gesehen. Bürger muss für drei Jahre ins Gefängnis und kommt bald in Haft nach Cottbus, wo er auf einen schnellen Freikauf durch die Bundesrepublik hofft.

          Doch statt seiner fährt im September 1987 Erich Honecker in den Westen. Aus diesem Anlass hat der DDR-Staatsratsvorsitzende eine Amnestie vor allem für politische Gefangene erlassen. Auch Bürger wird entlassen, er erhält drei Jahre auf Bewährung und muss zurück nach Karl-Marx-Stadt. In einem Automobilwerk macht er Strafarbeit. „Ich war sozial völlig isoliert.“ Statt eines Personalausweises erhält er ein sogenanntes PM12, eine Art Ersatzausweis für politisch Renitente. Das Land darf er nicht verlassen, nicht einmal in Richtung Osten.

          Anfang 1989 hört Bürger erstmals von Landsleuten, die in der Prager Botschaft der Bundesrepublik ihre Ausreise erzwingen. Für ihn ist das völlig neu, für die Botschaft dagegen seit Jahren schon Alltag. „Einzelne DDR-Flüchtlinge hat es in Prag immer gegeben“, sagt der damalige Botschafter Hermann Huber. Es wurde nur nicht an die große Glocke gehängt.

          Bürger aber weiß sofort: „Das war meine einzige Chance.“ Im Juni schleicht er sich nachts bei Oberwiesenthal im Erzgebirge über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. Mit dem Linienbus fährt er nach Prag, aber er hat keine Ahnung, wo die Deutsche Botschaft liegt. Taxifahrer lehnen es ab, ihn hinzufahren. Ein westdeutsches Ehepaar zeigt ihm den Weg. „Die wussten sofort, was ich vorhatte“, erzählt Bürger. Den Fotoapparat um den Hals wie ein Tourist, schlendert er die schmale Straße unterhalb der Prager Burg zu seinem Ziel.

          Direkt gegenüber liegt eine Polizeistation, zwei Milizionäre stehen davor, und als einer auf ihn zukommt, rennt Bürger die letzten Meter zur Botschaft. Das vordere Tor steht offen, er läuft zur Pforte und sagt: „Mein Name ist Christian Bürger, ich komme aus der DDR, und ich gehe hier nicht wieder weg!“ Es ist Mittwoch, der 21. Juni 1989. Drinnen erklärt ihm der für Flüchtlinge zuständige Mitarbeiter Hans-Joachim Weber, dass Botschaften kein Asyl gewähren. „Ich bleibe!“, sagt Bürger immer wieder. Gut, antwortet Weber, er könne aber nichts versprechen.

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