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Prager Botschaft 1989 : Nackte Angst und übergroße Hoffnung

Die kleine Runde bespricht in Hubers Wohnung, wie es weitergehen soll. Genscher wird jetzt gleich zu den Leuten reden, dreißig Minuten später kommen die ersten Busse, der erste Zug geht in zwei Stunden. Familien mit Kindern sollen zuerst fahren. Dann gehen sie hinab in den mit Stockbetten vollen Kuppelsaal und von dort hinaus auf den Balkon. Es ist 18.58 Uhr. Erwartungsvoll blicken die Leute nach oben, sie rufen „Genscher, Genscher!“ und „Freiheit, Freiheit!“. An der Brüstung befestigt sieht Christian Bürger neben einer Baulampe „sein“ Megaphon, in das jetzt Genscher spricht. Bürger steht unmittelbar hinter ihm in der Balkontür.

Genschers Anrede hat er bis heute nicht vergessen: „Liebe Landsleute!“, beginnt der Außenminister. „Im Namen der Bundesrepublik begrüße ich sie als Deutsche unter Deutschen!“ Dann folgt der Satz für die Geschichtsbücher: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise - . . . “ Die drei Worte „möglich geworden ist“ gingen im Jubel unter. „Es war gigantisch“, sagt Bürger. „Eine der bewegendsten Stunden meines Lebens“, sagt Hermann Huber. Die Begeisterung jedoch schlägt um in Entrüstung, als Genscher die Bedingung verkünden muss, die Ost-Berlin gestellt hat: Alle Flüchtlingszüge fahren über die DDR in den Westen. „Dazu war niemand bereit“, erinnert sich Bürger. Für kurze Zeit habe die ganze Aktion auf der Kippe gestanden. Doch Genscher schafft es, die Stimmung zu drehen: Alle Züge werden von westdeutschen Diplomaten begleitet, und er gibt sein Ehrenwort, dass schon morgen „Sie alle in der Bundesrepublik sein“ werden.

Sechs Züge mit Flüchtlingen aus der DDR verlassen in dieser Nacht Prag. Der letzte fährt weit nach Mitternacht. In ihm sitzt Christian Bürger. Er ist ganz zum Schluss gegangen. Jetzt fährt er an seinem alten Leben vorbei, mitten durch seinen Heimatort Karl-Marx-Stadt. „Die Zugfahrt“, sagt er, „war eines meiner schlimmsten Erlebnisse.“ Sie alle haben Angst, dass das Ganze ein Trick ist, sie doch noch herausgeholt werden. Doch am Vormittag des 1. Oktober kommt auch Bürgers Zug in Hof an.

„Wir wurden empfangen, als hätten wir die Fußball-WM gewonnen“, sagt Bürger. Die Flüchtlinge bekommen Essen, Getränke, Kleidung. Die Hilfsbereitschaft zählt bis heute zu seinen schönsten Erinnerungen. Der Zug fährt weiter in Richtung Passau; an jedem Bahnhof wird durchgesagt, wie viel Platz in dem Ort für Flüchtlinge ist. Bürger, der keine Verwandten im Westen hat, steigt mit fünfzig Landsleuten in Dingolfing aus. „Nach Bayern wollte ich immer, der Ort war Zufall“, sagt er. Sie werden mit Blasmusik empfangen.

Am nächsten Tag geht er zur Sparkasse. Für 11 000 Ost-Mark, seine ganzen Ersparnisse aus 32 Jahren, bekommt er 845 D-Mark - sein Startgeld für den Westen. In Landshut findet er schon tags darauf Arbeit als Kellner in einem Restaurant. Anderthalb Jahre später wird er dort Geschäftsführer. In den Jahren darauf arbeitet er in Österreich, Südtirol und Spanien. „Ich wollte was sehen von der Welt, viel lernen und erleben.“

Neunzehn Jahre später, 2008, trifft er in einem Internetportal für Schulfreunde zufällig auf seine Tochter. Sie ist über 30 und selbst Mutter; als er sie zuletzt sah, war sie drei Jahre alt. Am Tag darauf fährt sie mit Mann und Enkel zu ihm. „Das war das Größte für mich“, sagt Bürger. Er beschließt etwas, das er eigentlich nie machen wollte: Er zieht zurück nach Chemnitz. Hier betreibt er heute einen Landgasthof, er bildet an einer Akademie Köche aus und trainiert in seinem „alten“ Fußballverein die D- und C-Jugend. Vor allem aber ist er bei seiner Familie. „Das macht mich unglaublich glücklich“, sagt er. „Ich bin zufrieden. Ich bin endlich angekommen.“

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