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Ossi-Stammtisch in Frankfurt : Ein Hoch auf uns

  • -Aktualisiert am

Darauf ein Mispelchen: Calvados auf Hessisch Bild: Patricia Kühfuss

Seit Jahren treffen sich Ostdeutsche in Frankfurt und nennen das Ossi-Stammtisch. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung - ist das ihr Ernst?

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          Doreen Steingrübner steht vorm Ebbelwei-Express und sortiert Absagen. Gestern sind schon ein paar Leute abgesprungen, und vor wenigen Minuten haben zwei geschrieben, dass sie leider verschlafen haben und es deshalb nicht schaffen. Eigentlich wollte der Frankfurter Ossi-Stammtisch an diesem Tag einen Ausflug mit dem Ebbelwei-Express machen, einer Kneipe auf Rädern. Ein schöner Beitrag zur Völkerverständigung wäre das geworden, aber das fällt jetzt aus, denn es ist niemand da. Außer Doreen Steingrübner natürlich. Sie hatte zu dem Treffen eingeladen.

          Mal ehrlich, muss es 25 Jahre nach der Wiedervereinigung überhaupt noch einen Stammtisch nur für Ossis in Frankfurt geben? Doreen Steingrübner aus Magdeburg sagt: „Wenn man in eine neue Stadt kommt, sucht man halt Anschluss. Leute, die aus Köln oder Berlin zugezogen sind, haben auch ihre eigenen Treffen.“ So einfach könnte das sein, aber so einfach ist es nie mit der deutschen Teilung, auch nicht, wenn die nun schon ein Weilchen zurückliegt, und jedenfalls dann nicht, wenn man aus dem Osten in den Westen kommt.

          „Bloß nicht so negative Jammer-Ossis“

          Einige Wochen später, der Sommer hat das Gröbste hinter sich, ruft Steingrübner auf der Internetseite des Ossi-Stammtischs noch einmal zu einem Treffen auf. Diesmal wird’s was. Im knirschenden Kies einer Bornheimer Apfelweinkneipe sitzt Heike Sievers aus Leipzig. „Den Leuten vom Ossi-Stammtisch muss man die Welt nicht erklären, man kann sofort privat werden. In Westdeutschland wissen die Menschen erstaunlich wenig über die DDR, machen aber dauernd Witze: So und so war das doch bei euch. Das nervt mich.“ Tatsächlich ist es seltsam, dieses anekdotenhafte Interesse an der DDR, an Bananen und Trabis, aber man könnte den Ostdeutschen vorwerfen, sie wollten das so: verkaufen ihre Ampelmännchen als Gummibärchen und hissen die Flagge eines untergegangenen Staates in ihren Kleingärten. Das aber zeigt höchstens Hilflosigkeit, und jeder Ossi, der bei Verstand ist, findet das peinlich.

          So geht es auch Claudia Göpfert, die aus Leipzig stammt und am Ossi-Stammtisch in Bornheim sitzt. „Bevor ich das erste Mal dabei war, hatte ich Angst, dass das alles so Ewiggestrige sind. Ich dachte, bloß nicht so negative Jammer-Ossis. Das ist zum Glück überhaupt nicht so.“ Sie hat recht. Es gibt zwar auch regelmäßig Ossi-Treffen anderswo im Rhein-Main-Gebiet, zu denen Nudeln mit Jagdwurst und Soljanka aufgetischt und DDR-Führerscheine herumgereicht werden, beim Ossi-Stammtisch in Frankfurt aber werden eine zurückliegende Bahnhofsviertel-Nacht besprochen und die Sperrung des S-Bahn-Tunnels. Kurz und unaufgeregt geht es um den Soli und um die Nazis in Heidenau, dann werden Mispelchen für alle bestellt.

          Weniger Treffen des Stammtischs

          Heike Sievers erzählt von früher, aber nur weil sie dazu aufgefordert wird: „Als meine Tochter ein Jahr alt war, wollte ich in Schwalbach eine Tagesbetreuung organisieren, weil es nicht genug Kindergartenplätze gab. Man braucht für so etwas einige Unterschriften. Ich bekam nur drei und ansonsten die Ansage: ,Du willst schon wieder arbeiten, obwohl dein Kind erst ein Jahr alt ist?‘ Ich musste dann zu Hause bleiben, drei Jahre lang.“ Ihre Tochter ist mittlerweile 13, und heute wäre das wahrscheinlich anders.

          Über den Ossi-Stammtisch, den es seit mehr als zehn Jahren gibt, haben sich einige Paare kennengelernt, es gibt so ungefähr 15 Kinder und damit ein Nachwuchsproblem, denn junge Eltern haben weniger Zeit, sich einen Abend lang Apfelwein und Mispelchen zuzuwenden, deshalb werden die Treffen seltener. Guido Müller aus Dessau hat zwei der Ossi-Stammtisch-Kinder gezeugt. Er sagt: „Wir sind alle Frankfurter geworden mit der Zeit. Es ist doch auch absurd, zurückzuwollen und sein ganzes Leben zu hadern.“

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