https://www.faz.net/-gpf-7w2ck

Biermanns Attacke gegen Linke : Der elende Rest

Immer eigen: Auftritt Wolf Biermanns am 8. November im Berliner Ensemble Bild: AFP

Der Frontalunterricht Wolf Biermanns für die Linksfraktion war großartig. Besser kann man Erinnerung und Gegenwart der friedlichen Revolution von 1989 nicht lebendig werden lassen. Ein Kommentar.

          Auf den preußischen Ikarus ist Verlass: Es war wohl der härteste, weil ins Schwarze treffende Vorwurf, den Wolf Biermann den Abgeordneten der Linksfraktion während der Feierstunde im Bundestag zur Deutschen Einheit machen konnte, dass sie nämlich gar nicht Linke seien, sondern Reaktionäre. Denn sie seien „der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde“, der Rest der „Drachenbrut“ der DDR. Der kurze Disput zwischen Biermann und der Linksfraktion - inklusive das halb ironische, halb ernste Scharmützel mit dem Parlamentspräsidenten über das Rede- und Singrecht im Deutschen Bundestag -  sagte alles, was über das Verhältnis der Linkspartei zur deutschen Demokratie zu sagen ist.

          Zu den Paradoxien der 25 Jahre, die nach der friedlichen Revolution von 1989 ins Land gegangen sind, gehört es jedoch, dass ebendiese reaktionären Linken das Lied, das Biermann anschließend sang, die „Ermutigung“, auf sich selbst bezogen haben dürften: „Lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.“ Denn es war schon immer eine Kunst der real existierenden Linkspartei, sich als Opfer zu verkaufen, das Widerstand leistet, und nicht als Täter, der Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen hat.

          Was Gregor Gysi anschließend zur deutschen Revolution, zur Wiedervereinigung und zu deren Nachgeschichte zu sagen hatte, bestätigte das auf eindrucksvolle Weise. Gysi hielt an seiner DDR fest, als ginge es darum, die Ehre des Volkes zu retten (und seine eigene). Dabei war es gerade dieses Volk, das weder die Gründung der DDR wollte noch deren Fortbestand (das ist der Unterschied zu Gysi). Kein Politiker der Linken ist außerdem so virtuos wie Gysi darin, alles Negative dem Einfluss aus dem Westen, alles Positive dem Einfluss aus dem Osten zuzurechnen.  

          Was davon zu halten ist, dass in Umfragen die Bundesrepublik gegenüber der DDR in etlichen Punkten schlechter abschneidet, Punkte, die Gysi genüsslich zitierte, stellte der CDU-Redner Arnold Vaatz anschließend klar: Viele Bedürfnisse, auf die der Mensch besonderen Wert legt, können auch im Gefängnis sehr gut bedient werden.

          Die Gegenrede zu Gysi und die rhetorische Ergänzung zur „Ermutigung“ Biermanns aber hielten die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring Eckardt und die Thüringer SPD-Abgeordnete Iris Gleicke. Natürlich sei die DDR ein Unrechtsstaat gewesen, sagten sie, und Gleicke wünschte sich für einen Augenblick die Begeisterung zurück, die in den Tagen des Mauerfalls ganz Deutschland erfasst hatte. Da sprachen sie vielen aus dem Herzen - die meisten davon dürften dieser Tage allerdings in ihrer Heimat, in Thüringen zu finden sein.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Im Smarthome auf Verbrecherjagd? Video-Seite öffnen

          Innenministerkonferenz : Im Smarthome auf Verbrecherjagd?

          Der Nutzung von Alexa oder Siri zur Überwachung Verdächtiger hat die Innenministerkonferenz in Kiel eine Absage erteilt. Andere Themen der Konferenz waren unter anderem die Bekämpfung der Clan-Kriminalität und des Kindesmissbrauchs.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Smartphone-App der Bank N-26

          Nach Betrugsfällen : Volksbank sperrt Zahlungen an N26

          Nutzen Betrüger Sicherheitslücken bei Finanz-Start-ups aus, um Geld von Bankkonten zu ergaunern? Einige Volksbanken haben dazu eine klare Meinung – und gehen lieber auf Nummer sicher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.