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25 Jahre deutsche Einheit : Skepsis im Osten, Bewunderung im Westen

Joachim Gauck spricht im Herbst 1989 in der Marienkirche in Rostock. Bild: dpa

Joachim Gauck ist ein sehr beliebter Bundespräsident. Einst verhinderte Bundeskanzlerin Merkel seinen Weg an die Spitze und ausgerechnet aus seiner Heimat schlägt ihm Skepsis entgegen. Warum?

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          Er steht in der Kirche, als könne er nicht anders. Rücken gerade, Kopf hoch. Das Mikrofon steht vor ihm, seine Predigt hält er auf weißem Papier in der Hand. Um ihn herum stehen und sitzen Menschen dicht beieinander. Es ist der Herbst 1989. Die DDR zerfällt. Und in der Rostocker Marienkirche steht Joachim Gauck, der Pfarrer. Es ist eines der berühmtesten Bilder von ihm. Im Anschluss an die Friedensandacht werden die Menschen auf die Straßen ziehen und demonstrieren.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Wenige Monate später wird es den Staat nicht mehr geben. Fünfundzwanzig Jahre später ist der Prediger Bundespräsident. „Es gibt viele Menschen, deren Augen feucht werden, wenn sie den Namen hören, weil sie sich an die Andachten erinnern oder weil sie in seiner Gemeinde waren“, sagt Pastor Tilman Jeremias, der heute jeden Sonntag in der Marienkirche predigt. „Ich glaube aber auch, dass Gauck nirgendwo so umstritten ist wie hier in Rostock.“

          Gauck ist als Bundespräsident in ganz Deutschland sehr beliebt, und doch, so legen es auch Umfragen nahe, schlägt ihm gerade in seiner Heimat, in Rostock, im Osten, immer wieder Skepsis entgegen.

          In Rostock fing alles an. Hier ist Gauck aufgewachsen, hier hat er studiert, hier wurde er 1971 Pastor. Er zog nach Evershagen, in einen Stadtteil, der damals aus dem Matsch wuchs, Plattenbau neben Plattenbau neben Plattenbau. Eine Gemeinde gab es nicht. In seinen Erinnerungen schreibt Gauck: „Es war die Entsendung in ein Missionsland.“ Er zog von Tür zu Tür und fand ein paar Christen, es war eine schwierige Arbeit.

          Die Gemeinde wuchs, Gauck übernahm andere Aufgaben und wurde bald auch über die Grenzen von Evershagen bekannt. Als schließlich schon andere angefangen hatten, Friedensandachten zu halten, und immer mehr Menschen kamen, wurde Gauck gebeten, in der Marienkirche zu predigen. Er hatte einen Ruf als großer Redner. Also stellte sich Gauck vor das Mikrofon, gerader Rücken, Kopf hoch.

          Gauck hat auch viele Kritiker

          Pastor Jeremias führt durch die Kirche, ein Backsteinbau am großen Markt. Es ist heller als einst, durch die hohen Fenster fällt Licht auf die weiß getünchten Wände. Jeremias ist 1993 aus dem Westen gekommen, den Namen Gauck kannte er damals nur aus den Zeitungen: Gauck-Behörde. Jeremias ist ein freundlicher Mann mit garfunkelhaftem Haarwuchs und breitem Lächeln. Gauck sei für ihn der richtige Mann zur richtigen Zeit, sagt er. „Er hat dem Amt die Würde zurückgegeben.“ Doch Jeremias kennt auch die Kritiker:

          Joachim Gauck als Bundespräsident...

          Pastoren, die auf Gaucks Aussagen zu Militäreinsätzen mit einem empörten Brief reagierten („Wir dürfen in der Kirche ruhig lauter Pazifisten sein“); alte Bürgerrechtler, die sich daran stören, dass Gauck nun von vielen als der Bürgerrechtler gesehen werde („Er ist auf den Zug mit aufgesprungen und nicht der Begründer gewesen“); die alten Genossen, denen er mit der Arbeit in der Stasi-Unterlagenbehörde auf den Schlips getreten sei („Die sind natürlich von ihm brüskiert worden“); Rostocker, die sich an seiner eitlen Art störten; Verlierer der Einheit, die er manchmal vor den Kopf stoße; Ostdeutsche, die lieber von der Couch aus klagten und lieber ihren Frieden hätten, als sich von ihm fordern zu lassen. Besucht Gauck seine Heimatstadt, ist ein Grüppchen Protestler nicht weit.

          Zwei ostdeutsche Politiker an der Spitze Deutschlands

          Es ist ein hübscher Winkelzug der Geschichte, dass ausgerechnet zwei ostdeutsche Politiker an der Spitze des Staates stehen: Joachim Gauck und Angela Merkel, die Kanzlerin. Auch Merkel war Gauck nicht geheuer – 2010 verhinderte sie noch erfolgreich Gaucks Weg an die Spitze. Später mag sie das bereut haben und musste dafür büßen, als die FDP ihr in den Rücken fiel und damit Gauck im zweiten Anlauf 2012 ins Schloss Bellevue brachte.

          ... und im Jahr 1990 als Abgeordneter der DDR-Volkskammer

          Merkel kannte Gauck gut genug, um zu wissen, dass Anpassung nicht eben seine Lieblingsdisziplin ist. Doch sollte sie gefürchtet haben, dass ihr seine gelegentlich etwas überbetonte Liebe zur Freiheit zum Problem werden könnte, so kann sie längst beruhigt sein. Von manchen Einstellungen aus der Zeit, als er im linksprotestantischen Milieu der DDR unterwegs war, hat er sich getrennt. Die Reise ins autoritär geführte Russland des Präsidenten Putin sagte er ab, die in die Vereinigten Staaten tritt er an. Nicht alle in seiner Heimat werden das verstehen.

          „Eine beeindruckende Persönlichkeit“

          Werner Schulz hingegen schon. Er kennt Gauck lange, im Neuen Forum begegnete er ihm Ende 1989. „Er war eine beeindruckende Persönlichkeit“, sagt Schulz. Später teilten sie sich als Abgeordnete der Volkskammer ein Büro im ehemaligen Zentralkomitee, sie arbeiteten Tag und Nacht, bis es die Volkskammer nicht mehr gab.

          Während Gauck dann im wiedervereinigten Deutschland die Stasi-Unterlagenbehörde führte, erkämpfte sich Schulz eine Karriere bei den Grünen. Er gehört zu den wenigen Bürgerrechtlern, die sich im wiedervereinigten Deutschland politisch durchsetzen konnten. Bis heute sind Gauck und er enge Freunde. Bei einem Tee sitzt Schulz in einem alten Pfarrhaus in der Uckermark, das er aufwendig restauriert hat.

          Schulz ist stolz auf diesen Bundespräsidenten. „Er hat dieses Amt wiederaufgerichtet“, sagt er. Dass die Begeisterung für ihn aber ausgerechnet im Osten etwas geringer ist als im Westen, hat für ihn, grob gesagt, zwei Gründe: Linke und ostdeutsche Befindlichkeiten.

          „Der PDS ist es gelungen, Gauck zu diffamieren.“

          Schulz hält nicht viel von der Linkspartei, oder PDS, wie er meist sagt. Eines aber hat die Partei in seinen Augen geschafft: „Der PDS ist es gelungen, Gauck zu diffamieren.“ Als Gauck die Stasi-Unterlagenbehörde geführt habe, sei der Eindruck erweckt worden, als ob Gauck mit den „Gauck-Akten“ in seiner „Gauck-Behörde“ nun alle „gaucke“. Dabei sei niemand „gegauckt“ worden, und Gauck-Akten gab es nicht, sondern nur schlicht Stasi-Akten. Doch manche hätten es so empfunden, als ob sie von Gauck bedroht worden seien.

          Dabei sei er nie Richter gewesen. Und dann kommen die ostdeutschen Befindlichkeiten dazu. „Nach 89 gab es die Unwilligkeit des Sichinfragestellens bei den Ostdeutschen“, sagt Schulz. „Was hab ich dazu beigetragen? Wie hab ich mich verhalten? Diese Fragen sind von Joachim Gauck aufgeworfen worden. Das hat man ihm auch übelgenommen.“

          Angela Merkel heute und im Jahr 1990.

          Gauck war kein Widerstandskämpfer, er hat das auch nicht von sich behauptet. Er war aber ein nicht angepasster Pfarrer, der sich manche Freiheiten herausnahm. Als die Wiedervereinigung kam, ging Gauck wieder seinen Weg. Er war schon 50 Jahre alt, viel älter als Merkel. Andere in der Altersgruppe sahen ihr Lebenswerk zerstört. Er schaffte es, noch einmal anzufangen, seine Vergangenheit dabei als festen Bestandteil seines Lebens einzubeziehen, aber trotzdem vor allem das Gute und die Chancen im neuen Leben in einer freiheitlichen Demokratie zu sehen.

          Ramelows Geschichte ebenfalls erstaunlich

          Gerade das stört viele Landsleute in Ostdeutschland. Seiner Meinung nach sind das die Leute, die zu viel klagen und zu wenig erkennen. Als er kürzlich, im Zusammenhang mit Ausschreitungen gegen Flüchtlinge, von „Dunkeldeutschland“ sprach, mag er tatsächlich nicht die neuen Länder gemeint haben, auf die der Begriff gelegentlich gemünzt wird. Aber vielleicht hat Sigmund Freud ihm doch die Lippen geführt. So oder so: Für Empörung hat es gesorgt. Zum Beispiel bei Bodo Ramelow.

          Mittlerweile ist er Thüringens Ministerpräsident: Bodo Ramelow heute und vor neun Jahren.

          Ramelows Geschichte ist ebenfalls erstaunlich. Aus dem Westen kam er nach der Wende in den Osten, um als Gewerkschafter für die Rechte der Arbeiter zu kämpfen. Fünfundzwanzig Jahre später ist er in Thüringen der erste Ministerpräsident der Linkspartei. Er hat dabei viel gelernt über den Osten und die Ostdeutschen. Nun sitzt Ramelow in seinem Büro und sagt: „Ich finde die Wortwahl zu Dunkeldeutschland unangenehm.“ Auch wenn Ostdeutschland da sprachlich nicht drin sei, so sei es doch gemeint.

          Er wolle nichts schönreden, es gebe auch Probleme. Aber so entwerte man die „tausendfache Arbeit und die tausendfache Mühe“ von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, die hart an einer Willkommenskultur und Weltoffenheit gearbeitet hätten. Ramelow sagt auch: „Das ist für mich leider keine glückliche Amtsführung, als ob man sich irgendwie Westdeutschland anheischig machen wollte.“ So etwas ist im Osten ein schwerer Vorwurf.

          Stets war die Linkspartei gegen Gauck. Kurz vor Ramelows Wahl zum Ministerpräsidenten zahlte es Gauck ihr heim. Er fragte: „Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?“ Es gebe Teile in der Linkspartei, die ihn wie viele andere davon abhielten, dieses Vertrauen zu entwickeln. Dafür gab es Kritik nicht nur aus dem Osten.

          Damals und heute: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im Jahr 1991.

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