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Erinnerung an 1989 : Gauck: „Befreiung ist noch beglückender als Freiheit“

Bundespräsident Gauck am Donnerstag in Leipzig Bild: dpa

Bundespräsident Gauck erinnert in Leipzig an die Montagsdemonstrationen vor 25 Jahren. Ohne dieses Aufbegehren der Bevölkerung hätte es das epochale Ereignis des Mauerfalls nicht gegeben.

          Bundespräsident Joachim Gauck hat in Leipzig dazu aufgerufen, die Erinnerung an die Friedliche Revolution von vor 25 Jahren zu bewahren. „Gerade in Zeiten, in denen alte Ordnungen in Frage stehen und für Viele Gewissheiten verloren gehen, sollten wir uns an unsere Erfahrungen von 1989 erinnern“, sagte Gauck am Vormittag bei einem Festakt im Leipziger Gewandhaus. Gauck rief die Deutschen dazu auf, darüber nachzudenken, welche Mitverantwortung sie angesichts der veränderten Lage in der Welt mitzutragen bereit sind. Es sei nicht einfach, Freiheit und Recht zum Sieg zu verhelfen. „Aber dass es möglich ist, ist unser gemeinsames Leipziger Wissen.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In einer gut 30-minütigen Rede erinnerte Gauck an die Montagsdemonstrationen in Leipzig, die sich im Herbst 1989 an die Friedensgebete in der Nikolaikirche anschlossen. Waren es zunächst nicht mal 100 Demonstranten, wuchs die Schar der Protestierenden Montag für Montag an. Am 9. Oktober 1989 waren schließlich mehr als 70.000 Bürger auf der Straße. Angesichts dieser unerwartet großen Menge griffen Polizei, Armee und Kampfgruppen, welche die DDR-Regierung in der Stadt zusammengezogen hatte, am Ende nicht ein.

          „Die überwältigten Unterdrücker streckten ihre Waffen vor den überwältigenden Massen“, sagte Gauck. Das sei eine epochale Zäsur, die letztlich zum Mauerfall geführt habe. „Hier und heute sagen wir es noch einmal ganz deutlich: kein 9. November ohne den 9. Oktober. Vor der Einheit kam die Freiheit.“

          „Die DDR war ein Unrechtsstaat“

          Auch deshalb hatte Gauck zum Jubiläum des Herbstes 1989 nach Leipzig eingeladen und dabei nicht nur an die Revolutionäre von damals, sondern auch an die Wegbereiter des Umbruchs in Osteuropa erinnert. Stellvertretend für sie hatte er die Präsidenten Polens, Ungarns sowie der Tschechischen und der Slowakischen Republik eingeladen. Die Wege all dieser Länder in die Demokratie seien verschieden gewesen, sagte Gauck. Die Begriffe dafür lauten heute singende, stille, samtene oder eben friedliche Revolution. Dennoch eine alle Osteuropäer die Jahrzehnte lange Erfahrung von Unrecht und Unterdrückung sowie die Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie.

          Das Friedensgebet am 09. Oktober in der Leipziger Nikolaikirche

          Den Herbst 1989 stellte Gauck in eine Reihe revolutionärer Bewegungen wie der Französischen Revolution, der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und der deutschen Freiheitsbewegung von 1848. Nachdem es im 20. Jahrhundert soviel Unrecht, Verbrechen und Versagen gegeben habe, könnten Ost- wie Westdeutsche gemeinsam stolz auf die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung Deutschlands blicken.

          Stellvertretend für viele Bürgerrechtler nannte Gauck Bärbel Bohley und Jutta Seidel, die im September 1989 das „Neue Forum“ gegründet hatten, die Leipziger Pfarrer Christoph Wonneberger und Christan Führer, welche die Friedensgebete in der Nikolaikirche initiiert hatten sowie Rainer Eppelmann, Marianne Birthler, Ulrike und Gerd Poppe sowie Jens Reich, die sich mit Mut für Veränderungen einsetzten. Ihr Engagement sei äußerst riskant gewesen. „Die DDR war ein Unrechtsstaat, es gab keine unabhängige Gerichtsbarkeit, Willkür regierte das Land.“ Wer von der herrschenden Linie abwich, habe mit Berufsverbot und Gefängnis rechnen müssen.

          Warnung vor Demokratiemüdigkeit

          Nicht zuletzt würdigte Gauck auch die vielen Flüchtlinge und gab zu, dass auch er wie viele andere ihren Freiheitswillen damals nicht zu würdigen vermocht habe. „Wir fühlten uns damals im Stich gelassen“, sagte Gauck, der einst auch seine beiden Söhne, die Ende der achtziger Jahre die DDR verließen, heftig dafür kritisiert hatte. „Ihrem ‚Wir wollen raus!‘ hielten wir fast trotzig unser ‚Wir bleiben hier!‘ entgegen“, sagt Gauck. Erst später habe auch er begriffen, welche Bedeutung die Flüchtlinge für die Delegitimierung der DDR hatten.

          Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ gewannen die Bürger im Herbst 1989 ihre Würde und Selbstachtung zurück. „Es war der Übergang vom Untertan zum Citoyen“, sagte Gauck. „Befreiung, so empfinde ich es heute, ist noch beglückender als Freiheit.“ Die darauf folgende Wiedervereinigung Deutschlands sei dann der erste Schritt zum Beitritt der osteuropäischen Staaten zur Europäischen Union gewesen. „Für mich ist dieser Schritt wie eine zweite Gründung der EU“, sagte Gauck.

          Heute sieht Gauck Deutschland so einig wie nie in den vergangenen 24 Jahren. Die Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschen seien spürbar zurückgegangen. „Die Nation wächst zusammen. Die Einheit gelingt.“ Zugleich warnte Gauck angesichts sinkender Wahlbeteiligungen aber auch vor Demokratiemüdigkeit und „selbstverschuldeter Ohnmacht“. Die Deutschen dürften nie vergessen, dass die Demokratie nicht nur von Extremisten bedroht werde, sondern dass sie auch „ausgehöhlt werden und ausdörren kann, wenn die Bürger sie nicht mit Leben erfüllen“. Gauck mahnte zur politischen Teilhabe, denn „wer nur abseits steht und sich heraushält, wird zum beherrschten Objekt. Wer mit der Selbstermächtigung hingegen seine Angst vertreibt, gewinnt Handlungsmöglichkeiten und Zukunft.“ Das gelte im Innern, aber auch nach außen.

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