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Republikflucht mit Flugzeug : Über den Wolken

Aus der Stasi-Akte: Das Fluchtflugzeug in der Dresdner Stasi-Zentrale. Seit 1989 ist es spurlos verschwunden Bild: Sven Döring / Agentur Focus

Mit einem selbstgebauten Flugzeug wollte Michael Schlosser 1983 aus der DDR in den Westen fliehen. Dann wurde er verraten, verhaftet und verkauft. Jetzt will er endlich beweisen, dass sein Flugzeug tatsächlich fliegen kann.

          11 Min.

          Die Bandsäge surrt, Sägespäne wirbeln im Licht, das die Sonne durch das kleine Fenster schickt. Gekonnt setzt Michael Schlosser den dreifach verleimten Holzbalken am Sägeblatt an. „Das wird die Luftschraube“, ruft er in den Lärm. Schlosser ist Fachmann, Maschinen zu reparieren, hat er gelernt und sich später, notgedrungen, selbst beigebracht, wie man ein Flugzeug baut. Er weiß, dass an diesem Holz noch sehr viel Feinschliff nötig sein wird. Bisher ist der Propeller jedenfalls nur zu erahnen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Im Februar hat Michael Schlosser begonnen, noch einmal ein Flugzeug zu bauen, es wird sein mittlerweile viertes werden. Das Tor seiner mit Ersatzteilen und Werkzeug überfüllten Scheune im Osterzgebirge steht weit offen, gleich im Eingang liegen fein säuberlich alle Zutaten: zwei Zylinder eines Trabant-Motors, Auspuff, Krümmer, Alubleche, Styropor, Leichtmetallstangen, Holzlehren. Letztere hat er selbst gebaut, um die Tragflächen optimal biegen zu können.

          In jeder freien Minute hämmert, schraubt und sägt der Mann. 70 Jahre alt ist er vor kurzem geworden, man sieht sie ihm nicht an. Mit seinem weißen Strubbelhaar wirkt er eher wie ein verrückter Erfinder. „Nach dieser Maschine mach ich definitiv Schluss“, sagt Schlosser und lacht. „Heute muss doch von hier keiner mehr fliehen – wohin denn?“

          Kein Bedarf an Selbstständigkeit

          Vor 30 Jahren war das noch anders. Am 30. März 1984 verurteilt das Kreisgericht Dresden-Ost Michael Schlosser wegen „Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall“ zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Im schweren Fall hieß: mit einem Flugzeug. Dass Leute über die Mauer steigen, durch Tunnel fliehen oder über die Ostsee in den Westen schwimmen, das alles kannte die DDR-Führung schon. Aber in einem Flugzeug? Wo käme man hin, wenn die eigenen Leute plötzlich wegfliegen?

          Das hat sich auch Michael Schlosser lange nicht vorstellen können. Er wollte ja überhaupt nicht weg. „Wirtschaftlich ging es mir super“, erzählt er. Schlosser ist Kfz-Meister und arbeitet in den Siebzigern als Fuhrparkleiter beim DDR-Fernsehen, Studio Dresden. Er besitzt ein großes Haus mit Grundstück im Süden der Stadt, repariert dort nach Feierabend Autos. Handwerker sind begehrt in der DDR, die Leute stehen Schlange, und sie lassen sich nicht lumpen. „Das Geld rollte nur so über den Tisch“, sagt Schlosser.

          Ikarus: Michael Schlosser vor der Werkstatt in Döbra in Sachsen
          Ikarus: Michael Schlosser vor der Werkstatt in Döbra in Sachsen : Bild: Amac Garbe

          Der Ärger beginnt, als er sich selbständig machen und 1972 eine Kfz-Werkstatt eröffnen will. Ausgerechnet 1972. In jenem Jahr lässt die SED fast alle noch verbliebenen Privatfirmen verstaatlichen. Eigeninitiative und Selbständigkeit gelten der Partei als suspekt, wenn nicht gar gefährlich. Schlossers Gewerbeantrag wird abgelehnt: „Kein Bedarf“, sagen die Genossen. Bis 1980 versucht er es jedes Jahr wieder – vergeblich.

          Eine Million DM vom Springer-Verlag

          Schlosser hätte jetzt den DDR-Bürger machen, Ohren anlegen und den Mund halten können. Doch in ihm wächst der Frust. Er tüftelt an Neuerungen, entwickelt kraftstoffsparende Motoren. Aber er ist auch ein Einzelgänger, am Kollektiv nicht interessiert, und so bekommt er auf seine Initiativen hin oft „Was soll das?“ oder „Lass das!“ zu hören. Bald sieht er nur noch einen Ausweg. „Was will ich noch hier? Da machste eben weg.“

          Doch Schlosser weiß: „Wer direkt über die Mauer klettert, ist wahnsinnig.“ Er überlegt, durch die Donau nach Österreich zu schwimmen. Nur kennt er weder Grenzverlauf noch Sperranlagen. Offizielle Landkarten sind frisiert, um Fluchtversuche zu verhindern. Später, als er im Westen ist, wird er sich in Braunlage im Harz die Grenze ansehen. Zwei Mauern, Hunde, Todesstreifen, Stacheldraht. Hier wäre er niemals durchgekommen.

          Aber dann ist da plötzlich die Idee. 1980 macht er wie jedes Jahr Urlaub in Doksy (Hirschberg), nördlich von Prag. Die Kleinstadt mit See und Campingplatz ist beliebt bei DDR-Urlaubern. Hier hört Schlosser im RIAS, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor, eines Tages einen Aufruf: Der Springer-Verlag verspricht demjenigen DDR-Bürger eine Million D-Mark, der mit einem selbstgebauten Hubschrauber auf dem Dach des Springer-Hochhauses in West-Berlin landet.

          Ein Meister der Improvisation

          Michael Schlosser ist elektrisiert. Er beginnt sofort zu planen und zu tüfteln. „Aber mir wurde schnell klar: Das ist unmöglich.“ Ein Hubschrauber ist laut und technisch äußerst anspruchsvoll. Und überhaupt: Befinden sich auf Hochhausdächern nicht Fahrstuhlschacht, Antennen, Lüftung? „Dort zu landen wäre nicht gegangen.“ Doch Schlosser hat schon eine andere Idee: Er hat in der NVA bei den Luftstreitkräften gedient und kennt sich mit der Fliegerei gut aus. Ein Kleinflugzeug, das müsste gehen. Aber würde es dann auch die Million geben?

          Noch vom Urlaub aus ruft Schlosser bei Springer an. Er weiß von tschechischen Freunden, dass die Telefonate sicher sind. Ist euer Aufruf eine Ente? – Nein! – Gut, geht statt eines Hubschraubers auch ein Flugzeug? – Ja, aber informieren Sie uns, bevor Sie starten! „Ab da konnte ich an nichts anderes mehr denken“, erzählt er.

          Unterwegs fotografiert er Kleinflugzeuge, um eine Vorstellung von den Proportionen zu bekommen. Literatur zum Flugzeugbau gibt es im DDR-Handel nicht, Schlosser muss improvisieren, aber darin ist er Meister. Er hat eine Werkstatt mit Ersatzteilen und Schweißgerät. Er zeichnet, rechnet, experimentiert. Und er weiß: Die Ladefläche seiner Studio-Lkws misst 5,20 Meter. Länger darf das Flugzeug nicht werden, wenn er es unentdeckt zum Startplatz transportieren will.

          Der ideale Startplatz

          Überhaupt der Startplatz. Schlosser will im Halbdunkel in etwa 20 Meter Höhe und damit unter dem Radar fliegen, und dafür braucht er Orientierung. Eine Autobahn wäre ideal: die letzten Kilometer auf DDR-Seite sind hell beleuchtet, zudem hofft er, dass so sein olivgrünes Flugzeug vom Boden aus gegen das Licht nur schwer zu erkennen ist. Die A2 bei Helmstedt hat zu viel Verkehr, die A4 bei Eisenach ist unterbrochen, aber die A9 zwischen Schleiz in Thüringen und Rudolphstein in Bayern könnte gehen. Hier passieren nur wenige Autos die Grenze, und er könnte gut auf der anderen Seite landen.

          Die „Geruchsprobe“ der Stasi
          Die „Geruchsprobe“ der Stasi : Bild: Sven Döring / Agentur Focus

          Der Zufall will es, dass Schlosser zu Dreharbeiten auf Schloss Burgk bei Schleiz abgeordnet wird. Nach Feierabend fährt er los, um einen Startplatz zu finden und Hindernisse wie Freileitungen auszukundschaften. Schlosser kennt die Gegend, er ist nicht weit von hier aufgewachsen. In Forstarbeiterkluft und mit einer Kettensäge im Rucksack durchstreift er die umliegenden Wälder des Grenzgebiets. Als „normaler“ Mopedfahrer hätte er sich hier sofort verdächtig gemacht.

          Irgendwann glaubt er den idealen Platz gefunden zu haben: eine Lichtung in der Nähe des Örtchens Blintendorf, leicht abschüssig, von drei Seiten mit Wald umgeben und zur Autobahn hin offen. Hat er die erst mal erreicht, sollte es ein Leichtes sein, daran entlang in den Westen zu fliegen. Auch wenn der hier im Süden liegt.

          „Nur eine Bodenfräse“

          Schlosser stürzt sich in den Flugzeugbau. Seine Fabrik ist ein fensterloser Schuppen auf der Rückseite seines Grundstücks, der von dort nur über eine Leiter zu erreichen ist. Fast alles, was er braucht, bietet seine Werkstatt: den Zweizylindermotor vom Trabant, die Benzinpumpe vom Wartburg, den Schalldämpfer vom Robur-Lkw, Räder von Schubkarren. Profileisen für den Rumpf und Aluminium für die Tragflächen kauft er in Läden und im Fernsehstudio, wo gebrauchte Kulissen ausrangiert werden. Schlosser legt Wert darauf, stets alles bezahlt zu haben. „Ich habe nie etwas aus dem Betrieb entwendet.“ Dennoch nervt ihn die ständige Fragerei von Kollegen und Verkäufern: „Wofür brauchen Sie denn das?“ oder „Na, was haste denn damit vor?“

          Gut ein Jahr baut er an seinem Flieger, stolz präsentiert er noch heute die technischen Daten: 265 Kilogramm Startgewicht, etwa 250 Kilometer Reichweite bei einer Geschwindigkeit von rund 120 km/h. Sein Weg in den Westen würde, wenn alles glatt geht, nur 20 Kilometer lang sein, der Flug nur etwa acht Minuten dauern.

          Schlosser hat niemanden in seine Pläne eingeweiht. Er lebt allein, Frau und Kinder sind nach der Scheidung weggezogen. Den Schuppen hat er streng gesichert, auch im Haus sind überall Schlösser angebracht. Die Nachbarn lassen ihn in Ruhe, einmal erkundigt sich einer nach dem Motorgeräusch. „Nur eine Bodenfräse“, weicht Schlosser aus.

          Plötzlich treten Sowjetsoldaten aus dem Wald

          Im August 1983 ist das Flugzeug fertig. Aber fliegt es auch? Nördlich von Dresden liegt im Wald ein sowjetischer Truppenübungsplatz mit Start- und Landebahn. Schlosser kennt ein paar illegale Zufahrten und weiß, dass dort sonntags nichts los ist. An einem Freitag fährt er nach dem Dienst im Lkw nach Hause und parkt an der Rückseite seines Grundstücks. In der Nacht zum Sonntag schleift er das Flugzeug über eine Wiese und einen Bach und wuchtet es auf die Ladefläche. Die abgeschraubten Tragflächen umwickelt er mit schwarzem Stoff, sie sind sechs Meter lang und ragen hinaus.

          In aller Frühe fährt er los. Es ist der 14. August 1983, ein Tag nach dem 22. Jahrestag des Mauerbaus. Das Datum sei reiner Zufall gewesen, sagt Michael Schlosser. Die Sonne geht gerade auf, als er am Rande der schmalen Betonbahn parkt. Niemand ist ihm gefolgt, nur die Vögel zwitschern, sonst herrscht vollkommene Stille. Schlosser geht nach hinten und öffnet gerade die Heckklappe, als eine Gruppe Sowjetsoldaten aus dem Wald tritt. Nu schto, towarisch? Was soll das werden, Genosse?, fragt der Unteroffizier.

          Zwei Flaschen Wodka für alle Fälle

          Schlosser braucht einen Moment, um sich zu fassen. Ich arbeite beim Fernsehen, sagt er und zeigt auf die Aufschrift an der Fahrertür. Wir drehen eine neue Serie, für die ich das Flugzeug testen muss. Die „Russen“, wie Schlosser sie nennt, sind verwundert. „Ich wusste, dass die meisten Soldaten die DDR-Gesetze nicht kannten“, sagt er. Aber er ist illegal auf einem Truppenübungsplatz. Angriff ist die beste Verteidigung, denkt er sich und holt zwei Flaschen Wodka hervor, die er „für alle Fälle“ eingesteckt hat.

          Die Stimmung hellt sich auf. Die sieben Soldaten helfen ihm jetzt sogar, das Flugzeug abzuladen und die Tragflächen zu montieren. Dann setzen sie sich ins Gras und schauen seinem Startversuch zu. Schlosser steigt mit dem linken Fuß auf die linke Tragfläche, zieht sich hoch, quetscht sich auf den schmalen Sitz – ein Holzstuhl ohne Beine – und lässt den Motor an. Das Flugzeug holpert über die Piste, Schlosser gibt Vollgas; er hat keinen Tachometer, seine einzigen Instrumente sind ein Drehzahlmesser und eine angeschraubte kleine Wasserwaage, um die Maschine gerade in der Luft zu halten.

          Und dann hebt er ab. Er fliegt nur zwei Meter hoch, dann muss er schon wieder landen, weil das Ende der Piste in Sicht ist. Aber er jubelt innerlich. „Ich wusste: Wenn es zwei Meter hoch geht, schaff ich auch 20 Meter.“ Er dreht auf der Piste, rollt zurück zum Start. Die Soldaten gratulieren und helfen, das Flugzeug wieder zu verladen. Es ist noch früh am Morgen, als der Lkw mit der geheimen Fluchtfracht wieder vom Gelände rollt.

          Operative Personenkontrolle „Ikarus“

          In seiner Stasi-Akte, die er Jahre später in den Händen halten wird, ist die Episode mit keinem Wort erwähnt. Die Soldaten haben den Vorfall offenbar nicht gemeldet. Und dann sagt er: „Ich hätte damals direkt abfahren und sofort rüberfliegen sollen.“ Doch er hat den 11. November als Fluchttag geplant, ein Freitag, Faschingsbeginn mit vielen Feiern und, so hofft er, wenig Aufmerksamkeit. Aber bis dahin sind es noch fast drei Monate.

          In der folgenden Zeit fährt er weiter zur Arbeit von der Südhöhe durch das weithin unbebaute Dresdner Zentrum hinauf zum Studiogelände im Stadtteil Wilder Mann. Doch jetzt macht er einen verhängnisvollen Fehler. Am Kiosk kauft er eine Motor-Revue, ein Magazin aus Ungarn, das in der Augustausgabe einen Bericht über den Bau von Motordrachen bringt. Schlosser ist fasziniert, liest in der Pause und lässt die Zeitschrift auf dem Tisch liegen.

          Ein Kollege, der unter dem Decknamen „Jens Trädner“ für die Stasi spitzelt, berichtet darüber seinem Führungsoffizier sowie über seinen Verdacht, dass Schlosser „möglicherweise spektakulär die Grenze zur BRD durchbrechen“ will. Er glaube nicht, dass er bereits ein Fluggerät gebaut habe, bemerke aber bei ihm „seit kurzer Zeit starkes Interesse an Literatur und Zeitschriften, welche Hinweise auf den Bau von Flugkörpern“ enthielten. Erst jetzt legt die Staatssicherheit, Bezirksverwaltung Dresden, die Operative Personenkontrolle (OPK) „Ikarus“ an und instruiert den IM, Beweise zu „erarbeiten“.

          Um drei Uhr morgens kam die Stasi

          Michael Schlosser sagt heute, er habe nichts geahnt. Im Gegenteil. „Mehrfach hat er mir z. B. meinen Wagen repariert, ohne dafür übertrieben viel zu verlangen, eben so wie man es unter Koll. macht“, notiert „Jens Trädner“ in seinem Treffbericht für die Stasi am 8. Oktober 1983. „Auch den Wagen meines Vaters hat er schon in seiner Werkstatt zu Hause gehabt.“ Der IM berichtet seinen Auftraggebern von Alublechen, die er auf dem Grundstück gesehen hat, von Sicherheitsschlössern, mit denen alle Türen, ja selbst die des Hühnerstalls, verriegelt seien, obwohl Schlosser gar keine Hühner habe.

          Die Stasi ist alarmiert; eine Flucht mit Flugzeug wäre ein gefundenes Fressen für die Westpresse. Sie „qualifiziert“ die OPK „Ikarus“ zum Operativen Vorgang (OV) „Röhre“ und ordnet eine „konspirative Durchsuchung“ an – Termin: 28. Oktober, 3 Uhr morgens. Zehn Offiziere und ein Staatsanwalt durchsuchen die Nebengebäude und den Schuppen. Sie fotografieren ein „fertiggestelltes Einmann-Kleinstflugzeug sowie an der Wand stehende Tragflächen“, sie finden „Reste von Stangen, Rohren, Glasseide und Werkzeug“ sowie eine Sauerstoffflasche und ein Elektroschweißgerät. Um 4 Uhr verlassen sie das Grundstück wieder.

          „Bei Fluchtversuch machen wir von der Schusswaffe Gebrauch“

          Michael Schlosser sagt, er habe fest geschlafen und von all dem nichts mitbekommen. Als er am Morgen auf den Hof tritt, wundert er sich über die vielen Fußspuren im Kies direkt vor seiner Werkstatt. Als er die Tür öffnet und den zerrissenen Sicherheitsfaden sieht, weiß er, dass in der Nacht jemand hier war. Aber waren es Einbrecher, war es die Polizei oder doch die Stasi? „Irgendwie ahnte ich: Die haben mich“, sagt Schlosser. Er fährt ins Büro und will um 9 Uhr, wenn die Banken öffnen, sein Konto leerräumen, zu Fuß in die Tschechoslowakei und von dort aus irgendwie in den Westen flüchten.

          Kurz vor 9 Uhr verlässt er seinen Arbeitsplatz und geht zum Auto. Den Weg schneidet ihm ein auf den Hof rasender Wartburg ab, aus dem drei Männer in Zivil springen. „Ministerium für Staatssicherheit“, ruft einer und zeigt seinen Ausweis. „Steigen Sie ein, wir haben Fragen an Sie!“ – „Bin ich verhaftet?“, fragt Schlosser. „Bei Fluchtversuch machen wir von der Schusswaffe Gebrauch“, lautet die Antwort. Im Auto schaut er sich um: keine Türöffner.

          Die Fahrt geht zur Dresdner Stasi-Bezirksverwaltung. Die Genossen dort sind stolz auf ihren Fang und schicken sofort ein Telegramm an Minister Mielke in Berlin. Schlosser bekommt blauweiß gestreifte Unterwäsche, einen weinroten Sportanzug und eine Blechmarke mit der Kennung „III 27/2“ – dritte Etage, Zelle 27, Schlafplatz 2. Er heißt jetzt nicht mehr Michael Schlosser, sondern Häftling „27/2“. In den folgenden fünf Monaten wird er ständig verhört. Immer wieder legen ihm die Ermittler Farbfotos seines Flugzeugs vor und fragen: „Was wollten Sie damit?“

          Für 500 Mark verraten

          Schlosser sagt nichts, und die Stasi kann ihm keinen Fluchtplan beweisen. Sie setzt IMs in seine Zelle, sie lockt mit gutem Essen und Hafterleichterungen. Nach zwei Monaten in Untersuchungshaft muss Schlosser Haus, Grundstück und seinen gesamten Besitz einem Nachlassverwalter überlassen. Nach vier Monaten U-Haft „feiert“ er seinen 40. Geburtstag. Nach fünf Monaten kann er nicht mehr und gesteht. Die Verhandlung dauert eine halbe Stunde, dann verliest der Richter das bereits ausgefertigte Urteil: Bautzen. Vier Jahre und sechs Monate.

          Acht Monate später darf Schlosser ausreisen; für 96.000 D-Mark hat ihn die DDR in den Westen verkauft. Er zieht in die Nähe von Ludwigshafen und fängt dort noch einmal von vorn an – mit einer eigenen Kfz-Werkstatt. 2004 kehrt er zurück nach Dresden. Heute führt er als Zeitzeuge durch die einstigen Gebäude der Stasi-Bezirksverwaltung und die Untersuchungshaftanstalt, in der er selbst einsaß. Die Rückkehr sei wichtig für ihn gewesen, sagt er. Jahrelang habe er unter starken Rückenschmerzen und Migräne gelitten, für die es keine Erklärung gab. Die Rückkehr an den Ort des Schreckens habe wie eine Schocktherapie gewirkt. „Heute sind alle Schmerzen weg.“

          Doch ganz lässt ihn die Vergangenheit nicht los, schon gar nicht, wenn er in seiner Stasi-Akte blättert, 4000 Seiten ist sie dick. Darin kann er lesen, dass in der Haft in Bautzen sieben IMs auf ihn angesetzt waren, dass der Stasi-Oberleutnant für seine Entdeckung die Verdienstmedaille der NVA in Bronze erhielt und vor allem auch, wer ihn ans Messer geliefert hat. IM „Jens Trädner“, sein Kollege, erhielt dafür 500 Mark Prämie.

          Nur „Schrottgeld“ für das Originalflugzeug

          Schlosser hat weder Haus und Grundstück noch sein Hab und Gut zurückerhalten. Als er 2007 erfährt, dass einer der beiden IMs noch immer fürs Fernsehen arbeitet, reicht es ihm. Er schreibt beiden Briefe, in denen er Schmerzensgeld und Entschädigung fordert, anderenfalls werde er alles öffentlich machen. Die einstigen Spitzel gehen zur Polizei, der Staatsanwalt klagt ihn an. Es gibt 2100 Euro Strafe wegen versuchter Erpressung.

          Sein Flugzeug bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Schlosser weiß, dass es bis zum Mauerfall in der Dresdner Stasi-Zentrale aufbewahrt wurde, doch nach deren Erstürmung verliert sich seine Spur. Alles, was ihm geblieben ist, sind Fotos aus seiner Stasi-Akte. Für Filmaufnahmen hat Schlosser eine Kopie gebaut, die heute das Mauermuseum in Berlin besitzt, und seine dritte Maschine steht seit kurzem in der Dresdner Stasi-Gedenkstätte.

          Wegen des Verlusts des Originals hatte Schlosser Entschädigung beantragt. Das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen gestand ihm ein „Schrottgeld“ über gut 1000 Euro zu. Schlosser reichte Klage ein; seine Maschine bestand aus Neuteilen. Vor Gericht ging es dann 2009 um die Frage, ob das Flugzeug überhaupt fliegen konnte. „Aber natürlich“, sagte Schlosser und präsentierte die technischen Daten. Die Richterin sagte, dass er dem Gericht die Arbeit erleichtert hätte, wenn sein Flugzeug damals beim DDR-Luftfahrtministerium angemeldet gewesen wäre. Michael Schlosser verließ daraufhin grußlos den Saal. Mit seiner vierten Maschine, das hat er sich geschworen, wird er eine Ehrenrunde über dem Erzgebirge drehen.

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