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25 Jahre Wiedervereinigung : Ausgerechnet Bananen

Der Künstler und die Banane: Thomas Baumgärtel Bild: ddp Images

Sie ist die Frucht der Einheit, aber auch die Frucht der Zwietracht. Ein Deutscher ging für sie sogar ins Gefängnis. Doch ist die Banane am Ende nur ein großes Missverständnis?

          Wie die Banane zur deutschen Nationalfrucht wurde, ist immer noch ein Rätsel der Geschichte. Gerne wird Konrad Adenauer zitiert, um das Phänomen zu erklären. „Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle“, sagte er im Wirtschaftswunderland, und von da ist es nicht mehr weit zu Otto Schily. Der zog vor 25 Jahren eine Banane aus der Tasche, um im Fernsehen das Ergebnis der ersten freien Volkskammerwahl zu erklären. Jeder verstand sofort, was gemeint war. Die CDU hatte angeblich gewonnen, weil sie den Ostdeutschen versprochen hatte, was sie haben wollten: Wohlstand, Luxus, Bananen. Was hätte Schily wohl aus der Tasche gezogen, wenn die SPD gewonnen hätte?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Schily wollte natürlich auch sagen, dass die Wiedervereinigung auf diesem Wege nur auf eine Bananenrepublik hinauslaufen könne. Wolfgang Schäuble warf ihm im Bundestag vor, die Deutschen in der ehemaligen DDR zu Affen gemacht zu haben. Schily musste sich für die Bananengeste entschuldigen. Aber seine Wahlanalyse ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. „Hundert Tage Rot-Rot-Grün, und es gibt noch überall Bananen“, sagte Bodo Ramelow, nachdem er in Thüringen zum Ministerpräsidenten gewählt worden war.

          Thomas Baumgärtel ist für die Banane sogar ins Gefängnis gegangen. Das war noch zu einer Zeit, als ihn niemand kannte, allenfalls war er einer eingeschworenen Gemeinde als „Bananensprayer“ bekannt. Er verewigte sich an Häuserwänden mittels einer Schablone mit einer kleinen Banane. Anfangs fanden das die Besitzer – Baumgärtel bevorzugte Galerien und Museen – gar nicht lustig. Später wurde es zum Gütesiegel. Wer eine Banane hatte, galt etwas in der Kunstszene. Als das noch nicht so war, irgendwann in den achtziger Jahren muss es gewesen sein, stand plötzlich ein Polizist hinter Baumgärtel, als der gerade die Grundierung auftrug. Dumm gelaufen. Dann ging es in Untersuchungshaft.

          Ein Akt des Widerstands

          Wie kam er auf die Südfrucht? Baumgärtel wurde durch die Banane überhaupt erst zum Künstler. Im Zivildienst arbeitete er Anfang der achtziger Jahre in einem Krankenhaus in seiner niederrheinischen Heimat. Dort ging es streng katholisch zu, über den Betten hingen Kruzifixe. Als eines der Kreuze heruntergefallen war, befestigte er nicht den Christus wieder am Kreuz, sondern eine halbgeschälte Banane an der Wand. Ein absoluter Skandal. Baumgärtel hatte das Kreuz entweiht und gleich auch noch die Banane zum Götzen erhoben. Das wurde als übler Scherz verbucht und vertuscht, aber die gekreuzigte Banane hatte Baumgärtels Leben verändert. Das wollte er fortan in der Kunstwelt ausleben: als einen Akt des Widerstands, des Humors, der Kritik.

          Otto Schily hätte wahrscheinlich zu den Patienten gehört, die damals im Krankenhaus über Baumgärtels Aktionskunst lachten. Er hätte sofort verstanden, worin der Widerstand besteht, obwohl er ein paar Jahre später nicht verstehen konnte, was daran so erstrebenswert und wertvoll sein sollte, die Banane haben zu wollen. Die Verständnisschwierigkeiten liegen wohl darin, dass Wohlstand haben zu wollen für die westdeutsche Gefühlswelt nicht gerade mit einem Akt des Widerstands verbunden wird. Die Banane als ein Freiheitssymbol? Ein Mann wie Bodo Ramelow, nach der Wende vom Westen in den Osten gekommen, steht da in einer ganz anderen Tradition. Die Banane gilt darin eher als Symbol für Konsumterror.

          Alles, was sich irgendwie bananisieren lässt

          Die Freiheitsstatue mit der Banane in der Hand statt der Fackel, die gibt es von Thomas Baumgärtel natürlich auch. Es ist eine Karikatur über das deutsche Freiheitsgefühl. Wie es überhaupt alles von dem Künstler gibt, was sich irgendwie bananisieren lässt. Noch immer ist damit mitunter eine Provokation verbunden, aber Baumgärtel erging es ähnlich wie den DDR-Bürgern. Wenn man die Freiheit erst einmal hat, dann werden alte Widerstandssymbole schnell zum Schmuck, zum Design, zur Marke, zum Alltag.

          Baumgärtel hat ein Mittel dagegen, das ihn zum Künstler macht. Es fällt ihm in seinem Kölner Atelier immer wieder etwas Neues ein, und jedes Mal, wenn er die Banane einsetzt, hat er ein neues Konzept gefunden. Nebenbei: Das ginge alles nicht, wenn die Banane nicht krumm wäre. Die DDR-Bevölkerung hatte es da schwerer. Wer heute in der ehemaligen DDR demonstrativ eine Banane in die Hand nimmt, wird ausgelacht – und wer an die Bananen erinnert, die vor 25 Jahren tonnenweise gekauft wurden, der tut das wahrscheinlich nur, um zu zeigen, wie peinlich das doch gewesen sei.

          Ist die Banane also ein großes Missverständnis? „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“, sagte die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley über das wohl größte Missverständnis der deutschen Einheit. „Wir wollten Banane und bekamen Pegida“, könnte eine aktuelle Anverwandlung heißen. Die Dresdner Protestbewegung lebt von den Illusionen, Enttäuschungen, aber vor allem von den Missverständnissen der Einheit. Der Politikwissenschaftler Hans Vorländer aus Dresden bezeichnete es als das größte dieser Missverständnisse, dass die Wutbürger des Ostens glaubten, Politik in der Bundesrepublik funktioniere im Prinzip so wie in der DDR: Das Volk macht eine Eingabe, und der Staat muss es ausführen. Das Volk will Banane, der Staat gibt Banane.

          In Wahrheit aber funktioniert es ganz anders. In Wahrheit funktioniert das Leben in Deutschland so wie das Atelier von Thomas Baumgärtel in Köln: Wo Wohlstand, Freiheit und Humor sich erst einmal wie selbstverständlich ausgebreitet haben, ist alles Banane. Und das kann, wie selbst Westdeutsche zu ihrem Leidwesen wissen, alles Mögliche bedeuten.

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