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Hassia im Osten : Sprudelnde Landschaften

  • -Aktualisiert am

Die Flaschen: Hassia-Abfüllanlage in Bad Vilbel Bild: Rüchel, Dieter

Die Geschichte der Hassia-Mineralquellen ist auch eine kleine Einheitsgeschichte: Nach der Wende schickte Dirk Hinkels Vater den heutigen Hassia-Chef ins tiefste Sachsen, um sprudelnde Quellen auszumachen - mit nachhaltigem Erfolg.

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          Der Student verlor sein Herz an den Osten – der gestandene Unternehmer schwärmt auch 25 Jahre später noch von den schönen Landschaften in der ehemaligen DDR. Und er schwärmt von den Menschen, von ihrer Herzlichkeit und Offenheit. Damit widerspricht er, gerade in diesen Zeiten, so ziemlich jedem „Ossi“-Klischee. Und er weiß, wovon er redet. Denn Dirk Hinkel wurde von seinem Vater nach 1990 in den Osten entsandt, um für die Hassia-Mineralquellen aus Bad Vilbel in der Nähe von Chemnitz einen modernen Brunnenbetrieb aufzubauen.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Für einen, der in Kalifornien und London studiert hatte, liegt es nicht nahe, für längere Zeit nach Niederlichtenau zu gehen. Aber es war für Dirk Hinkel offenbar nicht nur familiäre Pflicht, aus der großen weiten Welt in die sächsische Provinz einzutauchen. Unternehmerischer Ernst („Wir haben da eine Summe investiert, die einem damaligen Jahresumsatz entsprach“) und Abenteuerlust kamen zusammen. Die Entsandten aus Bad Vilbel wohnten bei Privatleuten. „Anfangs haben wir sogar im Betrieb geschlafen.“ Besonders abenteuerlich sei die Kommunikation per Telefon gewesen. Aber die Offenheit der Menschen habe für vieles entschädigt.

          Ostdeutsche Firmenkultur gefiel Hinkel

          Wie kommt ein Familienunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet auf die Idee, im tiefsten Sachsen zu investieren? „Als die Mauer gefallen war, hat ein Mitarbeiter unseres Außendienstes meinen Vater davon überzeugt“, sagt Hinkel. Und Vater Günter hörte auf den Mitarbeiter, der aus Ostdeutschland stammte. Familiäre Kontakte in die DDR hatte es schon vor der Wende gegeben. Die für Hassia geographisch naheliegende Lösung Thüringen schlug aber fehl. Dann wurden die Hinkels auf die Schloss-Brauerei Chemnitz aufmerksam, die auch ein kleines nichtalkoholisches Sortiment im Angebot hatte.

          Ungefähr an diesem Punkt der Geschichte beginnen Dirk Hinkels Augen zu glänzen, obwohl er damals noch gar nicht der Entscheider war. Im Osten hätten die Menschen nicht so klar zwischen den Herrschaften mit weißem Kragen und den Arbeitern unterschieden – dem jungen Mann aus dem Westen gefiel das. Im Grundsatz sei das bis heute so. Auch deshalb sagt Hinkel: „Da schlägt mein Herz. Ich freue mich immer, wenn ich dort bin.“

          In Lichtenau arbeiten heute 200 Menschen bei Hassia. Wobei das so niemand sagen würde, denn die Lichtenauer Mineralquellen präsentieren sich als „von hier“. Das tut dem Absatz gut, denn die ungebremste Begeisterung für alles Westliche aus der Wendezeit ist längst verflogen. Heute ist die Marke Lichtenauer in ganz Ostdeutschland Marktführer. Und Dirk Hinkel sagt lächelnd, bei den Menschen im Osten habe sich in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten der Eindruck verfestigt, „dass es diese Marke immer schon gegeben hat“. Dabei war es eine Neugründung.

          Der Chef: Geschäftsführer Dirk Hinkel

          Zwei Quellen sprudelten schon vor der Wende. Deren Kapazität hätte aber auf Dauer nicht für einen nachhaltigen Betrieb ausgereicht. Deshalb wurden schon bald nach der Unternehmensgründung neue Quellen erbohrt. Auch sonst musste so ziemlich alles neu gemacht werden. „Technisch war der alte Betrieb zwei bis drei Generationen hinter unserem damaligen Stand zurück“, berichtet Hinkel. Die Maschinen seien bis zu 40 Jahre alt gewesen. Die Entscheidung für den Standort Lichtenau fiel im Frühjahr 1990. Baubeginn war dann im Herbst. Und schon im Juli 1991 lief die Produktion an.

          Belegschaft musste reduziert werden

          Fast könnte man daran zweifeln, dass er über ein durchbürokratisiertes Land spricht – noch dazu, wo es die „Wessis“ anfangs noch mit der DDR-Bürokratie zu tun hatten. Da gab es Institutionen, die man im Westen so gar nicht kannte. „Am Anfang mussten wir zum Amt für Preise gehen und die Preise für unsere Produkte abholen.“ Trotz allem sei es meist „sehr unbürokratisch“ zugegangen. Einmal sogar so unbürokratisch, dass die Vilbeler ein Grundstück gleich zweimal kauften. Das habe sich dann aber schnell geklärt.

          Obwohl die Hinkels mit offenen Armen empfangen wurden, war nicht alles eitel Sonnenschein. Die alte Belegschaft (etwa 300 Personen) wurde schnell auf 50 verkleinert. Das schuf Unruhe. Aber diejenigen, die bleiben durften, „haben nicht groß gefragt, die haben einfach gemacht“. Aufgefallen, so Hinkel, sei ihm von Anfang an das im Vergleich zum Westen so ganz andere Frauenbild im Osten. Der Anteil weiblicher Beschäftigter war viel höher. Andererseits gebe es bis heute ein stärker obrigkeitlich geprägtes Denken. Und im Gegensatz zum Stammsitz des Unternehmens in Bad Vilbel, wo Mitarbeiter aus 21 Nationen tätig sind, gebe es in Lichtenau bis heute nur Deutsche.

          Der Erfolg der Investition stand nach einem Jahr in Frage. Der Umsatz ließ sehr zu wünschen übrig. Aber nach Überwindung dieser Durststrecke nach drei Jahren ging es aufwärts. „Es hätte nicht schiefgehen dürfen“, sagt Hinkel. Nach den wilden Anfangsjahren wirkte der künftige Geschäftsführer des Gesamtunternehmens nach 1995 für einige Jahre als Verkaufsleiter hauptamtlich in Sachsen. Das Engagement war ein Erfolg: „Ohne die neuen Bundesländer hätten wir hier in der Zentrale ein Stockwerk weniger.“

          Menschlich lässt Hinkel sowieso nichts auf seine Sachsen kommen. Zum Ende des Gesprächs geht er zum Telefon und wählt die Lichtenauer Nummer. Aus dem Lautsprecher hallt die helle Stimme der Frau in der dortigen Telefonzentrale, die ihrem Chef mit unverkennbarem Zungenschlag fröhlich über das Wetter in Sachsen und andere Kleinigkeiten berichtet. Die Einheit Deutschlands soll auch ein Vierteljahrhundert nach dem staatsrechtlichen Vollzug nicht vollendet sein? Auf zwischenmenschlicher Ebene scheint es zumindest zwischen Hessen und Sachsen ganz gut zu funktionieren.

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