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Bilanz Thüringen und Hessen : Die Aufbauhilfe war nicht vergebens

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Hier verlief die innerdeutsche Grenze: die Werrabrücke zwischen Hessen und Thüringen Bild: Ullstein

25 Jahre nach dem Ende der deutschen Teilung haben Hessen und Thüringen wirtschaftlich noch nicht ganz gleichgezogen. Eine Erfolgsgeschichte ist die Zusammenarbeit der beiden Länder trotzdem.

          Vielleicht hat Karl Marx ja doch recht. Nicht das Bewusstsein bestimme das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewusstsein der Menschen. Weil also Susanne Hennig-Wellsow die Partei- und Fraktionsvorsitzende der Linken in Thüringen ist, die nach eigener Diktion aus der SED als „Quellpartei“ hervorgegangen ist, zwingt sie allein schon ihr „gesellschaftliches Sein“ als Vorsitzende der einstigen und heutigen Regierungspartei zu dieser Feststellung: „Auch bei Anerkennung alles inzwischen Gelungenem ist zu konstatieren, dass Ostdeutschland weiterhin strukturell benachteiligt wird.“ Das sei vor allem die Folge einer verfehlten Politik der Bundesregierung. Die von anderen zu verantwortende materielle und mehr noch die mental-kulturelle Ausgangslage des Jahres 1990 erwähnt die Politikerin nicht. Die Wirtschaftsleistung des Ostens erreiche nur 67 Prozent des Westens. Die Arbeitslosenquote liege im Osten mit 9,8 Prozent weit über der in Westdeutschland mit sechs Prozent. Bedrückend sei der erhebliche Ost-West-Unterschied bei Löhnen, Gehältern und Renten: „Das kann man 25 Jahre nach der deutschen Vereinigung niemandem mehr erklären“, meint Hennig-Wellsow.

          Doch hier irrt sie. Auch 25 Jahre nach der Vereinigung sind die Unterschiede zu erklären. Und jeder, der die DDR in der Agonie ihrer letzten Tage noch aus eigenem Erleben kennt, hält es für ein Wunder, dass der rein in Zahlen zu messende ökonomische Unterschied zwischen Ost und West in nur einem Vierteljahrhundert so gering geworden ist. Der Begriff des Aufholens beschreibt nur unzulänglich, was geschehen ist, denn der Westen blieb seinerseits nicht stehen. Seine Wirtschaft wuchs dynamisch und erwirtschaftete vor allem mit ihrem Vorsprung jene Mittel, die das Wachstum im Osten überhaupt erst ermöglichten. Thüringen und Hessen, historisch die Mutter und die Tochter, die bis 1248, als sich Hessen mit seiner Gründung in Marburg von Thüringen trennte, eine starke politische Einheit in der Mitte Deutschlands bildeten, sind ein Beispiel für den unbestreitbaren Erfolg, den die Deutschen erreicht, aber wegen ihres fortwährenden Gezänks um die wechselseitige Bevor- und Benachteiligung zwischen Ost und West womöglich gar nicht wahrgenommen haben.

          Der Prototyp des arroganten Wessis

          Die Hessen leisteten Aufbauhilfe. Ob Ministerien, Behörden, Wirtschaftskammern und -verbände, Staatsanwaltschaften und Gerichte, Sparkassen und Genossenschaftsbanken, Parteien und Gewerkschaften: alle halfen sie. Unter den hessischen Aufbauhelfern war zum Beispiel auch der heutige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei. Er war Gewerkschafter in Mittelhessen und errichtete in Erfurt mit starker Hand die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen, bis diese mit der ÖTV in Verdi auf- oder auch unterging - wie es Ramelow vielleicht damals empfand.

          Noch heute gilt der auf Effizienz orientierte moderne Manager der Arbeiterbewegung vielen im Osten als Prototyp des arroganten Wessis. Aber auch der väterlich wirkende Bernhard Vogel hatte als CDU-Vorsitzender schon einmal Anlass, seine Thüringer Partei vor jeder Art von Fremdenfeindlichkeit zu warnen. Auch vor jener, die sich gegen Inländer richtet. Denn einerseits war die Hilfe aus dem Westen willkommen. Andererseits erzeugte sie beim Gegenüber offenbar häufig ein Gefühl der Unterlegenheit, das es zu kompensieren galt. Vor allem die Gutwilligen aus Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammern kehrten am Wochenende nachdenklich in den Westen zurück, und die Eisenacher hielten die Schilder „Hurra, die Hessen kommen“ nicht ewig in die Höh’. Dennoch schuf die Wirtschaft gemeinsame Strukturen. Die Bauindustrie bildete in Hessen und Thüringen einen Verband ebenso wie die Sparkassen, und die Helaba ist die Landesbank beider Länder und ihrer kommunalen Kreditinstitute, während mit der Fusion der DGB-Strukturen von Hessen und Thüringen die Gewerkschaft der Politik in der eigenverantwortlichen Gestaltung der Zukunft weit vorausschritt.

          Die Bilanz in harten Zahlen

          Phänomenologisch hat Thüringen nicht nur aufgeholt, sondern überholt, wie eine Reise an der Werra offenbart. Die Grenze ist nicht mehr zu erkennen. Die Dörfer im Osten sind herausgeputzt, und erst beim hessischen Wommen wenige Kilometer vor der Grenze zu Thüringen wird die Autobahn 4, die von Hersfeld nach Görlitz führt, sechsstreifig. In Hessen gibt es selbst 25 Jahre nach der Wiedervereinigung über viele Kilometer noch nicht einmal einen ordentlichen Standstreifen. In keinem anderen deutschen Land wurde hingegen in dieser Zeit so viel Geld je Einwohner in Verkehrsinfrastruktur investiert wie in Thüringen.

          Gemessen in harten Zahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, liegt Thüringen hingegen - wie alle östlichen Länder - noch zurück. Doch der Zugewinn von 6500 Euro im Jahr 1991 auf 23.300 Euro im Jahr 2013 verlief unglaublich steil. Damit hat Thüringen zwar nicht den deutschen Durchschnitt von 33.400 Euro, geschweige denn den hessischen Durchschnitt von 38.500 Euro erreicht. Aber zum einen ist Hessen mit Bayern auch der wirtschaftsstärkste Flächenstaat in einem der reichsten Länder der Welt. Zum anderen sind Hessen und Bayern nicht flächendeckend gleichermaßen stark. In Hessen nimmt Frankfurt mit einem Bruttoinlandsprodukt von 78.877 Euro je Einwohner den Spitzenplatz ein. Wiesbaden und Darmstadt kommen auf gut 50.000, aber auch das vermeintlich strukturschwache Kassel schneidet mit gut 43.000 Euro weit über dem Durchschnitt ab. Die Stadt im Norden steht für den Strukturwandel, der sich in Hessen seit der Wiedervereinigung vollzogen hat. Der Norden hat Fuß gefasst. Nicht wegen der Stärke Thüringens, sondern weil mit dem Mauerfall der Regierungsbezirk Kassel mit seiner Mittelpunktlage auch einen neuen Zugang zur Wiederentdeckung seines Selbstbewusstseins gefunden hat, das die (verfluchte) Zonenrandförderung ausgelöscht hatte.

          Nordhessen am ehesten mit Thüringen vergleichbar

          Die wirtschaftlich schwächsten Landkreise in Hessen sind Darmstadt-Dieburg (22.108 Euro je Einwohner) und Rheingau-Taunus (22.589 Euro je Einwohner). Etwa auf dem Thüringer Wohlstandsniveau liegen der Werra-Meißner-Kreis, der mit einer Wirtschaftskraft von 23.509 Euro je Einwohner der schwächste Kreis im Norden ist, der Vogelsbergkreis in Mittelhessen (22.776 Euro) und der Wetteraukreis (24.249 Euro), in dem es sich unmittelbar vor den Toren Frankfurts zwar statistisch auf Ost-Niveau, aber doch wohl alles andere als ärmlich leben lässt.

          Beispiel für vielfältige Zusammenarbeit: 1992 unterzeichneten die Ministerpräsidenten von Thüringen und Hessen, Bernhard Vogel (CDU) und Hans Eichel (SPD), einen Staatsvertrag über die Schaffung einer gemeinsamen Sparkassenorganisation.

          In Nordhessen, das sich aus seiner Geschichte heraus und wegen bestimmter Strukturen wie der mittelständischen Prägung seiner Unternehmen am ehesten mit Thüringen vergleichen lässt, sank ebenso wie in Thüringen die Arbeitslosenquote stark. In Thüringen war sie nach dem Zusammenbruch der personell überbesetzten DDR-Betriebe in den späten neunziger Jahren sogar auf fast 19 Prozent gestiegen, aber die Erwerbstätigenquote, also der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung, lag immer schon so hoch wie in Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz. Das heißt: Obwohl es mehr Arbeitslose gab als andernorts, hatten im Verhältnis ebenso viele Thüringer eine Arbeit wie im Westen. Heute ist die Arbeitslosenquote in Thüringen auf unter acht Prozent gesunken und in Hessen, wo sie der Zehn-Prozent-Marke zweimal nahe gekommen war, unter sechs Prozent. In Hessen war der Rückgang 2000 bis 2014 im Norden größer als im Süden. Seit fünf Jahren ist die Arbeitslosenquote in allen drei hessischen Regierungsbezirken nahezu gleich. 2014 war sie im Bezirk Darmstadt mit 5,8 Prozent sogar höher als im Bezirk Gießen (5,5) und Kassel (5,6).

          Die Nachhut des Sozialismus

          Gegensätzlich entwickelte sich aber die Einwohnerzahl in beiden Ländern. Von 1991 bis 2013 gewann Hessen 3,6 Prozent Einwohner hinzu und zählte damit 6,05 Millionen. Thüringen verlor hingegen etwa 400.000 Einwohner und zählt nur noch 2,16 Millionen Menschen. Die Thüringer folgten der Arbeit, und grenzte ihr Land nicht im Westen und Süden an Niedersachsen, Hessen und Bayern, wohin die Thüringer zur Arbeit pendeln, wäre der Aderlass noch größer gewesen. Immerhin fahren etwa 20.000 bis 25.000 Thüringer zur Arbeit nach Hessen. Hingegen halten sich Zu- und Fortzüge in Thüringen etwa wieder die Waage, was darauf hindeutet, dass das Land Tritt fasst. Doch es war ein langer Kampf gegen die Nachhut des Sozialismus, die die Wirtschaft noch Jahrzehnte niederrang.

          Es vollzog sich noch ein ganz anderer Wandel, der schwerer wiegt. Die Thüringer passten - technisch gesagt - ihr Reproduktionsverhalten den Hessen an. Sie bekamen zunächst trotz ihres fulminanten Krippen-, Kindergarten- und Schulhortwesens weniger Kinder und diese immer später. Damit glich sich die Jugend mehr und mehr dem Lebensgefühl der Gleichaltrigen im Westen an. Auch die ostdeutschen Frauen bekommen ihre Kinder heute in einem Alter, als ihre Großmütter noch die ersten Enkel in den Armen hielten, und seit dem Jahr 2000 hat sich die Kinderzahl je Frau in Hessen wie in Thüringen bei 1,34 eingependelt. 2013 stieg sie in Thüringen mit 1,49 über das hessische Niveau.

          Auch bei der Zahl der Eheschließungen je 1000 Einwohner unterscheiden sich die Hessen und Thüringer seit 2007 kaum mehr. In Hessen trauten sich über die Jahre weniger und in Thüringen wieder mehr. Schließlich hat sich auch die Zahl der Scheidungen 2013 auf dem gleichen Niveau eingependelt. Das ist insofern ein gutes Zeichen, als es belegt, dass sich die Deutschen beiderseits der Werra in zentralen Haltungen ähnlicher geworden sind. Ein weiterer Wandel ist schließlich ohne Vorbehalte positiv. Auf ihn weist Bodo Ramelow in seinem Grußwort für den Band „25 Jahre Deutsche Einheit“ der statistischen Landesämter beider Nachbarn in der Mitte Deutschlands hin: Die Lebenserwartung eines Neugeborenen in Thüringen habe gegenüber 1990 um sieben Jahre zugenommen, aber auch die älteren Thüringer würden heute älter, schreibt Ramelow und folgert: „In Thüringen lässt es sich gut und auch lange gut leben.“ Da hat auch er recht.

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