https://www.faz.net/-gpf-88ejh

Bilanz Thüringen und Hessen : Die Aufbauhilfe war nicht vergebens

  • -Aktualisiert am

Hier verlief die innerdeutsche Grenze: die Werrabrücke zwischen Hessen und Thüringen Bild: Ullstein

25 Jahre nach dem Ende der deutschen Teilung haben Hessen und Thüringen wirtschaftlich noch nicht ganz gleichgezogen. Eine Erfolgsgeschichte ist die Zusammenarbeit der beiden Länder trotzdem.

          6 Min.

          Vielleicht hat Karl Marx ja doch recht. Nicht das Bewusstsein bestimme das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewusstsein der Menschen. Weil also Susanne Hennig-Wellsow die Partei- und Fraktionsvorsitzende der Linken in Thüringen ist, die nach eigener Diktion aus der SED als „Quellpartei“ hervorgegangen ist, zwingt sie allein schon ihr „gesellschaftliches Sein“ als Vorsitzende der einstigen und heutigen Regierungspartei zu dieser Feststellung: „Auch bei Anerkennung alles inzwischen Gelungenem ist zu konstatieren, dass Ostdeutschland weiterhin strukturell benachteiligt wird.“ Das sei vor allem die Folge einer verfehlten Politik der Bundesregierung. Die von anderen zu verantwortende materielle und mehr noch die mental-kulturelle Ausgangslage des Jahres 1990 erwähnt die Politikerin nicht. Die Wirtschaftsleistung des Ostens erreiche nur 67 Prozent des Westens. Die Arbeitslosenquote liege im Osten mit 9,8 Prozent weit über der in Westdeutschland mit sechs Prozent. Bedrückend sei der erhebliche Ost-West-Unterschied bei Löhnen, Gehältern und Renten: „Das kann man 25 Jahre nach der deutschen Vereinigung niemandem mehr erklären“, meint Hennig-Wellsow.

          Doch hier irrt sie. Auch 25 Jahre nach der Vereinigung sind die Unterschiede zu erklären. Und jeder, der die DDR in der Agonie ihrer letzten Tage noch aus eigenem Erleben kennt, hält es für ein Wunder, dass der rein in Zahlen zu messende ökonomische Unterschied zwischen Ost und West in nur einem Vierteljahrhundert so gering geworden ist. Der Begriff des Aufholens beschreibt nur unzulänglich, was geschehen ist, denn der Westen blieb seinerseits nicht stehen. Seine Wirtschaft wuchs dynamisch und erwirtschaftete vor allem mit ihrem Vorsprung jene Mittel, die das Wachstum im Osten überhaupt erst ermöglichten. Thüringen und Hessen, historisch die Mutter und die Tochter, die bis 1248, als sich Hessen mit seiner Gründung in Marburg von Thüringen trennte, eine starke politische Einheit in der Mitte Deutschlands bildeten, sind ein Beispiel für den unbestreitbaren Erfolg, den die Deutschen erreicht, aber wegen ihres fortwährenden Gezänks um die wechselseitige Bevor- und Benachteiligung zwischen Ost und West womöglich gar nicht wahrgenommen haben.

          Der Prototyp des arroganten Wessis

          Die Hessen leisteten Aufbauhilfe. Ob Ministerien, Behörden, Wirtschaftskammern und -verbände, Staatsanwaltschaften und Gerichte, Sparkassen und Genossenschaftsbanken, Parteien und Gewerkschaften: alle halfen sie. Unter den hessischen Aufbauhelfern war zum Beispiel auch der heutige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei. Er war Gewerkschafter in Mittelhessen und errichtete in Erfurt mit starker Hand die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen, bis diese mit der ÖTV in Verdi auf- oder auch unterging - wie es Ramelow vielleicht damals empfand.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.