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Bilanz Thüringen und Hessen : Die Aufbauhilfe war nicht vergebens

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Nordhessen am ehesten mit Thüringen vergleichbar

Die wirtschaftlich schwächsten Landkreise in Hessen sind Darmstadt-Dieburg (22.108 Euro je Einwohner) und Rheingau-Taunus (22.589 Euro je Einwohner). Etwa auf dem Thüringer Wohlstandsniveau liegen der Werra-Meißner-Kreis, der mit einer Wirtschaftskraft von 23.509 Euro je Einwohner der schwächste Kreis im Norden ist, der Vogelsbergkreis in Mittelhessen (22.776 Euro) und der Wetteraukreis (24.249 Euro), in dem es sich unmittelbar vor den Toren Frankfurts zwar statistisch auf Ost-Niveau, aber doch wohl alles andere als ärmlich leben lässt.

Beispiel für vielfältige Zusammenarbeit: 1992 unterzeichneten die Ministerpräsidenten von Thüringen und Hessen, Bernhard Vogel (CDU) und Hans Eichel (SPD), einen Staatsvertrag über die Schaffung einer gemeinsamen Sparkassenorganisation.

In Nordhessen, das sich aus seiner Geschichte heraus und wegen bestimmter Strukturen wie der mittelständischen Prägung seiner Unternehmen am ehesten mit Thüringen vergleichen lässt, sank ebenso wie in Thüringen die Arbeitslosenquote stark. In Thüringen war sie nach dem Zusammenbruch der personell überbesetzten DDR-Betriebe in den späten neunziger Jahren sogar auf fast 19 Prozent gestiegen, aber die Erwerbstätigenquote, also der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung, lag immer schon so hoch wie in Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz. Das heißt: Obwohl es mehr Arbeitslose gab als andernorts, hatten im Verhältnis ebenso viele Thüringer eine Arbeit wie im Westen. Heute ist die Arbeitslosenquote in Thüringen auf unter acht Prozent gesunken und in Hessen, wo sie der Zehn-Prozent-Marke zweimal nahe gekommen war, unter sechs Prozent. In Hessen war der Rückgang 2000 bis 2014 im Norden größer als im Süden. Seit fünf Jahren ist die Arbeitslosenquote in allen drei hessischen Regierungsbezirken nahezu gleich. 2014 war sie im Bezirk Darmstadt mit 5,8 Prozent sogar höher als im Bezirk Gießen (5,5) und Kassel (5,6).

Die Nachhut des Sozialismus

Gegensätzlich entwickelte sich aber die Einwohnerzahl in beiden Ländern. Von 1991 bis 2013 gewann Hessen 3,6 Prozent Einwohner hinzu und zählte damit 6,05 Millionen. Thüringen verlor hingegen etwa 400.000 Einwohner und zählt nur noch 2,16 Millionen Menschen. Die Thüringer folgten der Arbeit, und grenzte ihr Land nicht im Westen und Süden an Niedersachsen, Hessen und Bayern, wohin die Thüringer zur Arbeit pendeln, wäre der Aderlass noch größer gewesen. Immerhin fahren etwa 20.000 bis 25.000 Thüringer zur Arbeit nach Hessen. Hingegen halten sich Zu- und Fortzüge in Thüringen etwa wieder die Waage, was darauf hindeutet, dass das Land Tritt fasst. Doch es war ein langer Kampf gegen die Nachhut des Sozialismus, die die Wirtschaft noch Jahrzehnte niederrang.

Es vollzog sich noch ein ganz anderer Wandel, der schwerer wiegt. Die Thüringer passten - technisch gesagt - ihr Reproduktionsverhalten den Hessen an. Sie bekamen zunächst trotz ihres fulminanten Krippen-, Kindergarten- und Schulhortwesens weniger Kinder und diese immer später. Damit glich sich die Jugend mehr und mehr dem Lebensgefühl der Gleichaltrigen im Westen an. Auch die ostdeutschen Frauen bekommen ihre Kinder heute in einem Alter, als ihre Großmütter noch die ersten Enkel in den Armen hielten, und seit dem Jahr 2000 hat sich die Kinderzahl je Frau in Hessen wie in Thüringen bei 1,34 eingependelt. 2013 stieg sie in Thüringen mit 1,49 über das hessische Niveau.

Auch bei der Zahl der Eheschließungen je 1000 Einwohner unterscheiden sich die Hessen und Thüringer seit 2007 kaum mehr. In Hessen trauten sich über die Jahre weniger und in Thüringen wieder mehr. Schließlich hat sich auch die Zahl der Scheidungen 2013 auf dem gleichen Niveau eingependelt. Das ist insofern ein gutes Zeichen, als es belegt, dass sich die Deutschen beiderseits der Werra in zentralen Haltungen ähnlicher geworden sind. Ein weiterer Wandel ist schließlich ohne Vorbehalte positiv. Auf ihn weist Bodo Ramelow in seinem Grußwort für den Band „25 Jahre Deutsche Einheit“ der statistischen Landesämter beider Nachbarn in der Mitte Deutschlands hin: Die Lebenserwartung eines Neugeborenen in Thüringen habe gegenüber 1990 um sieben Jahre zugenommen, aber auch die älteren Thüringer würden heute älter, schreibt Ramelow und folgert: „In Thüringen lässt es sich gut und auch lange gut leben.“ Da hat auch er recht.

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