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Bilanz Thüringen und Hessen : Die Aufbauhilfe war nicht vergebens

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Noch heute gilt der auf Effizienz orientierte moderne Manager der Arbeiterbewegung vielen im Osten als Prototyp des arroganten Wessis. Aber auch der väterlich wirkende Bernhard Vogel hatte als CDU-Vorsitzender schon einmal Anlass, seine Thüringer Partei vor jeder Art von Fremdenfeindlichkeit zu warnen. Auch vor jener, die sich gegen Inländer richtet. Denn einerseits war die Hilfe aus dem Westen willkommen. Andererseits erzeugte sie beim Gegenüber offenbar häufig ein Gefühl der Unterlegenheit, das es zu kompensieren galt. Vor allem die Gutwilligen aus Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammern kehrten am Wochenende nachdenklich in den Westen zurück, und die Eisenacher hielten die Schilder „Hurra, die Hessen kommen“ nicht ewig in die Höh’. Dennoch schuf die Wirtschaft gemeinsame Strukturen. Die Bauindustrie bildete in Hessen und Thüringen einen Verband ebenso wie die Sparkassen, und die Helaba ist die Landesbank beider Länder und ihrer kommunalen Kreditinstitute, während mit der Fusion der DGB-Strukturen von Hessen und Thüringen die Gewerkschaft der Politik in der eigenverantwortlichen Gestaltung der Zukunft weit vorausschritt.

Die Bilanz in harten Zahlen

Phänomenologisch hat Thüringen nicht nur aufgeholt, sondern überholt, wie eine Reise an der Werra offenbart. Die Grenze ist nicht mehr zu erkennen. Die Dörfer im Osten sind herausgeputzt, und erst beim hessischen Wommen wenige Kilometer vor der Grenze zu Thüringen wird die Autobahn 4, die von Hersfeld nach Görlitz führt, sechsstreifig. In Hessen gibt es selbst 25 Jahre nach der Wiedervereinigung über viele Kilometer noch nicht einmal einen ordentlichen Standstreifen. In keinem anderen deutschen Land wurde hingegen in dieser Zeit so viel Geld je Einwohner in Verkehrsinfrastruktur investiert wie in Thüringen.

Gemessen in harten Zahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, liegt Thüringen hingegen - wie alle östlichen Länder - noch zurück. Doch der Zugewinn von 6500 Euro im Jahr 1991 auf 23.300 Euro im Jahr 2013 verlief unglaublich steil. Damit hat Thüringen zwar nicht den deutschen Durchschnitt von 33.400 Euro, geschweige denn den hessischen Durchschnitt von 38.500 Euro erreicht. Aber zum einen ist Hessen mit Bayern auch der wirtschaftsstärkste Flächenstaat in einem der reichsten Länder der Welt. Zum anderen sind Hessen und Bayern nicht flächendeckend gleichermaßen stark. In Hessen nimmt Frankfurt mit einem Bruttoinlandsprodukt von 78.877 Euro je Einwohner den Spitzenplatz ein. Wiesbaden und Darmstadt kommen auf gut 50.000, aber auch das vermeintlich strukturschwache Kassel schneidet mit gut 43.000 Euro weit über dem Durchschnitt ab. Die Stadt im Norden steht für den Strukturwandel, der sich in Hessen seit der Wiedervereinigung vollzogen hat. Der Norden hat Fuß gefasst. Nicht wegen der Stärke Thüringens, sondern weil mit dem Mauerfall der Regierungsbezirk Kassel mit seiner Mittelpunktlage auch einen neuen Zugang zur Wiederentdeckung seines Selbstbewusstseins gefunden hat, das die (verfluchte) Zonenrandförderung ausgelöscht hatte.

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