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Barbara Klemm : Bilder der Einheit

Am 3. Oktober 1990 feiern die Berliner auf den Straßen und Plätzen die Wiedervereinigung. Bild: Barbara Klemm

Barbara Klemm ist die Foto-Chronistin der deutschen Einheit. Mit ihrem Gespür für den richtigen Augenblick hat sie Bilder geschaffen, die bleiben. Eine Galerie.

          Nun stand sie auf der Mauer, war eine Leiter hochgeklettert, die irgendjemand mitgebracht hatte, auf der Berliner Mauer, dem „antifaschistischen Schutzwall“, wie sie die Propaganda in der DDR nannte. Das schändliche Bauwerk erschien plötzlich ganz harmlos, ein großes Spielgerät, dazu da, es zu überwinden, es sich darauf bequem zu machen, die Aussicht zu genießen. Dicht gedrängt saßen Ost- und West-Berliner nebeneinander, die Stimmung war heiter, friedlich. Ein klammer Novembertag, niemanden anscheinend störte das Wetter.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Junge Frauen schäkerten mit Grenzbeamten, Männern, mit denen sonst nicht gut Kirschen essen war, allzeit zu Schikanen in der Lage, berüchtigt für ihre Kontrollwillkür, jetzt lächelten manche zurück, als falle eine Last von ihnen ab. Über Nacht hatte sich alles geändert. Ein Mädchen, auf der Mauer sitzend, wendet sich neckisch einem Uniformierten zu, was den ganz offensichtlich freut: eine Flirtszene, wo noch immer die innerdeutsche Grenze verlief. Die Fotografin hat sie festgehalten. Und damit auch den Moment, in dem sich die Welt lockerte, sich die Anspannung löste, sich das Unglaubliche anschickte, Wirklichkeit zu werden.

          Der erste Tag der deutschen Einheit, Berlin 3. Oktober 1990, Bilderstrecke

          Ein Vierteljahrhundert später. Barbara Klemm ist über einen Stapel Kopien gebeugt. Eine türkische Familie, die von einem Podest in Kreuzberg aus über die Mauer in den Osten der Stadt schaut. Ein kleines Mädchen, das verloren in einer Leipziger Turnhalle an den Ringen hängt. Die Öffnung des Brandenburger Tors am 22. Dezember 1989. Jubelnde Menschen am 3. Oktober 1990, als Deutschland wiedervereinigt wurde und russische Schirmmützen und Ostblock-Fahnen auf einmal nur noch Dekorations- und Modeobjekte waren. Das Mädchen vom Flirt-auf-der-Mauer-Foto ist viele Jahre später von ihren Eltern wiedererkannt worden, als sie eine Ausstellung mit Klemm-Bildern in der Hauptstadt besuchten.

          Und dann das Gorbatschow-Foto, aufgenommen am 7. Oktober 1989, am 40. Jahrestag der DDR-Gründung. „Ich hatte keine Akkreditierung“, erzählt Barbara Klemm, „ich bin durch die Straßen gelaufen, viele junge Leute haben ,Gorbi, Gorbi‘ gerufen.“ An Schinkels Alter Wache hatte der freundliche Hoffnungsträger einen Kranz niedergelegt, mit einem Mal stand die Fotografin vor ihm, etliche Kollegen drängten sich an ihn heran, sie aber machte das Bild, das wie kein anderes zum Symbol einer neuen sowjetischen Offenheit wurde.

          Gespür für den richtigen Augenblick

          29 Motive aus der DDR und der alten Bundesrepublik, aus der bleiernen Zeit der Teilung und aus der großen Umbruchsphase sind jetzt im öffentlichen Raum in Frankfurt am Main zu sehen, wo die Feierlichkeiten aus Anlass der deutschen Wiedervereinigung vor 25 Jahren ihr Zentrum haben, 29 Bilder im Riesenformat, großflächige Plakate, an Fassaden und Stellwände montiert. Die Stadt Frankfurt hatte Anfragen an etwa 50 Institutionen gerichtet, Behörden, Museen, Unternehmen, die Beteiligten suchten die Aufnahmen aus. Sie zeugen in der Innenstadt, aber auch am Anlagenring, in Bonames, an der Galluswarte, am Frankfurter Berg, in Sachsenhausen und am Flughafen vom bewegendsten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte: „Bilder zur Einheit“.

          Mit ihrem Gespür für den richtigen Augenblick, die charakteristische Situation, den aussagekräftigen Moment hat die Fotokünstlerin in der Wendezeit Bilder geschaffen, die bleiben. Wie das von Willy Brandt in der Menge, ebenfalls aufgenommen an jenem 10. November, als Barbara Klemm von zehn Uhr morgens bis nachts um elf in Berlin herumlief, sich ab und an in ein Telefonhäuschen begab, um nachzufragen, ob und wo es etwas Neues gebe.

          Sie war auch schon in den Jahren zuvor immer wieder für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Berlin und in der DDR unterwegs gewesen, fotografierte Großereignisse wie die Ostseewoche und die Weltjugendspiele. Sie sei, sagt Barbara Klemm, sehr froh darüber, damals im Osten Deutschlands Bilder gemacht zu haben, denn die Erinnerung verblasse schnell. Sie hat den raschen Schulterschluss beider deutscher Staaten dokumentiert, die kurz nach dem Mauerfall vollzogene Einheit und die städtebaulichen, landschaftlichen Narben, die überall klafften.

          Barbara Klemm war dabei, als am 4. November eine halbe Million Menschen in Ost-Berlin demonstrierten und sich Künstler für einen Wandel der politischen Verhältnisse aussprachen. „Niemand hat damals gewusst, ob es gut ausgeht“, sagt sie. Aber die Ereignisse überschlugen sich.

          Am 3. Oktober besiegelten Bundeskanzler Helmut Kohl und andere Politiker vor dem Reichstag die Einheit, unter ihnen ein gerührter Willy Brandt, ein zufriedener Hans-Dietrich Genscher, ein Lothar de Maizière, der sich keine Illusionen darüber zu machen scheint, dass sein Auftritt in der Politik eine Episode bleiben wird. Und ein Oskar Lafontaine, der sich trotz seiner Kritik an der Wiedervereinigung freudestrahlend in Szene setzt. Barbara Klemm hat mit diesem Foto den Gemütszustand einer neuen Bundesrepublik getroffen.

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