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25 Jahre Mauerfall : Verdammt lang her?

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Gemessen daran, dass die Währungsunion 1990 wie ein Schock wirkte, weil sich die DDR-Wirtschaft zu erheblichen Teilen als nicht wettbewerbsfähig erwies, habe es „ohne Zweifel große Fortschritte gegeben“, schreibt Brenke. Die Erneuerung sei überall sichtbar. Wahr bleibt aber auch: Die Zuwachsraten im Aufholprozess haben sich im Laufe der Jahre stetig verlangsamt. Von der Wirtschaftskraft Westdeutschlands und den dort erzielten Einkommen sei Ostdeutschland 25 Jahre nach dem Fall der Mauer noch weit entfernt. Und: Nicht nur beim Einkommen hinkt der Osten hinterher, die Ostdeutschen verfügen nicht mal über halb so viel Vermögen wie die Westdeutschen – vor allem, weil sie seltener ein Haus oder eine Wohnung besitzen. Vorreiter waren die neuen Länder dagegen beim Thema Kinderbetreuung und bei der Erwerbstätigkeit von Frauen. Noch immer sind Frauen im Osten nach DIW-Berechnungen etwas häufiger berufstätig als im Westen, auch wenn der Unterschied geringer geworden ist. Und noch immer gehen im Osten deutlich mehr Kinder unter drei Jahren in eine Kita.

Auf dem Weg, eine Art Historien-Disneyland zu werden?

Die Mauer ist also noch gegenwärtig, wenn auch nicht derart physisch wie im Souvenirshop von Wieland Giebel. Der war schon im Mauer-Business gewesen vor seiner Entdeckung jener tonnenschweren Überbleibsel des „Antifaschistischen Schutzwalls“ – wie die innerdeutsche Grenze im euphemistischen Staatsjargon der DDR genannt wurde. Kleine Mauerstückchen konnte man schon lange kaufen in Giebels Buch- und Souvenirshop Unter den Linden: in Acryl gefasst, mit oder ohne Plastik-Trabbi und in schrillen Farben nachkoloriert. Von den vier großen Segmenten, die er nun der Werkstatt abgekauft hat („Die haben noch jede Menge da“), hat er drei schon so gut wie weiterverkauft. Eines geht wohl an das „International Spy-Museum“ in Washington. Zwei weitere nimmt vielleicht eine Berliner Wirtschaftsberatung. Weiß gestrichen, einige mit Graffiti, für 7000 Euro das Stück – die Segmente gehören zur vierten Mauergeneration der achtziger Jahre. Verkauft werden sie allerdings ohne original „Rohrauflage“. Die war asbesthaltig.

Wieland Giebel findet, dass zumindest Berlin enorm zusammengewachsen sei in den vergangenen 25 Jahren. „In den zentralen Bereichen der Stadt sieht man keine Unterschiede mehr.“ Deshalb verkauften sich auch die Mauerstadtpläne so gut; die Touristen wollten nachvollziehen, wo der Betonwall zwischen Ost- und West-Berlin entlanggeführt hat. Viele wüssten nicht, dass der Boulevard Unter den Linden früher Osten gewesen sei, weil hier alles so schick sei. „Aber zwischen Hohenschönhausen und Wannsee gibt es immer noch keinen Kontakt, das stimmt.“ Sind Berlin und die Ex-DDR schon auf dem Weg, eine Art Historien-Disneyland zu werden? Trotz der bis in die Gegenwart reichenden Probleme und Unterschiede zwischen Ost und West? Hobbyhistoriker Giebel wehrt ab. Auch wenn er die „Clownerie“ am Checkpoint Charlie, wo Besucher sich mit verkleideten Soldaten fotografieren lassen können, fürchterlich findet – er glaubt, dass die meisten Besucher ein ernsthaftes Interesse an der Zeitgeschichte hätten, sonst würden sie nicht so gewissenhaft die Schautafeln studieren. Party und Geschichte, das verknüpfe sich eben in Berlin, sagt er.

Für Wieland Giebels Mauersegmente gilt übrigens ein Haftungshinweis: „Keine Rücknahme. Keine Garantie. Der Artikel wurde bereits genutzt. Gebrauchter Artikel.“ So ist das eben mit der Geschichte. Umtausch ausgeschlossen.

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