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25 Jahre Einheit : Das Glück der Deutschen

Symbol der Einheit: Das Brandenburger Tor, hier am Abend des 22. Dezember 1989, als es wieder geöffnet wurde. Bild: Barbara Klemm

Deutschland hat allen Grund, auf das in den vergangenen 25 Jahren Erreichte stolz zu sein. In nationale, gar nationalistische Überheblichkeit ist die Republik deshalb nicht verfallen.

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          Als vor fünfundzwanzig Jahren in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober die „Fahne der deutschen Einheit“ vor dem Reichstag in Berlin aufgezogen wurde, lag hinter den Deutschen eines der aufwühlendsten Jahre ihrer Geschichte. Nur elf Monate zuvor war die Mauer gefallen. Schon im Mai wurde der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion unterzeichnet, im August dann der endgültige Einigungsvertrag. Er regelte auf fast tausend Seiten einen Vereinigungsprozess, wie es ihn nie zuvor gegeben hatte.

          Nach vier Jahrzehnten der Trennung konnten die Deutschen wieder in Frieden und Freiheit in einem gemeinsamen Staat leben. „Vollendet“, wie es seither im Grundgesetz heißt, war die Einheit am 3. Oktober 1990 aber allenfalls im staatsrechtlichen Sinne. Auf vielen Feldern begann das Zusammenwachsen erst. Abgeschlossen ist es bis heute nicht.

          Auch ein Vierteljahrhundert später kann man noch an vielen Unterschieden erkennen, wo einst Mauer und Todesstreifen die Deutschen im Osten von denen im Westen trennten. Das Leben in antagonistischen Systemen hinterließ Spuren in den Köpfen, die nur langsam verblassen. Rasch geriet dagegen in Vergessenheit, dass die DDR vierzig Jahre nach ihrer Gründung politisch und ökonomisch bankrott war. Selbst im Westen wurden damals einige von diesem Befund überrascht.

          Der „Aufbau Ost“ kam wegen dieser Hypothek nicht so schnell voran, wie das in der ersten Begeisterung über die Wiedervereinigung erwartet worden war. Noch lange wird es ein wirtschaftliches Gefälle zwischen Ost und West geben. Auch (partei-)politisch „tickt“ der Osten nach wie vor oft anders als der Westen.

          25 Jahre Deutsche Einheit : Bilanz der sozialen Marktwirtschaft

          Doch Deutschland hält dieses Maß an Disparität gut aus. Ein gänzlich homogenes Land war es nie. Die deutschen Stämme und Länder sind nicht nur zu ihrem Glück vereint, sondern zum Glück auch verschieden.

          Ihrer Solidarität und ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl tut und tat das keinen Abbruch, der Leistungsfähigkeit und der Anziehungskraft Deutschlands auch nicht. Die nicht enden wollenden Flüchtlingsströme zeigen: Auf der ganzen Welt träumen Menschen von einem besseren Leben im vereinten Deutschland. Es ist wirtschaftlich so stark und politisch so stabil wie kein zweites Land in Europa. Kaum eine andere Nation kann sich einen Sozialstaat leisten wie die deutsche.

          Eine Jahrhundertaufgabe

          Für die Wiedervereinigung hatte es keine Blaupausen gegeben; wer Pläne für sie gehabt hätte, wäre bestenfalls als Illusionist, eher aber als Revisionist und Revanchist gebrandmarkt worden. Helmut Kohl und seine Regierung wurden 1989 im Sinne des Wortes über Nacht mit einer Jahrhundertchance und einer Jahrhundertaufgabe konfrontiert.

          Kohl hat sie couragiert ergriffen und den Einigungsprozess mit Umsicht vorangetrieben. Doch nicht allein der „Kanzler der Einheit“, viele Deutsche in Ost und West wuchsen damals und in den folgenden Jahren über sich hinaus. Auch wenn es manches gibt, was angesichts der Beispiellosigkeit der Herausforderung und unter dem herrschenden Zeitdruck falsch angepackt wurde oder noch besser hätte gemacht werden können: Deutschland hat allen Grund, auf das seither Erreichte stolz zu sein.

          Vermittler zwischen den Welten

          In nationale, gar nationalistische Überheblichkeit ist die Republik deshalb nicht verfallen. In der Europa- und Weltpolitik warf sie ihr größeres Gewicht stets in die Waagschale des Ausgleichs und der Konfliktentschärfung. Deutschland begab sich nicht auf neue Sonderwege; es ist ein Vermittler zwischen den Welten geworden, aber kein Wanderer.

          Das wiedervereinigte Land blieb das Haupttriebwerk der europäischen Einigung. Mit der größeren weltpolitischen Verantwortung, die dem Staat im Zentrum Europas zuwuchs, tat Deutschland sich anfangs noch schwer. Doch auch in diese Rolle hat es mehr und mehr hineingefunden. Deutschland ist eine Insel der Stabilität in einem Europa, das nach zwei Jahrzehnten der friedlichen Entwicklung wieder von Krisen verunsichert und erschüttert wird, die nicht mehr für möglich gehalten wurden. Auch das muss den Deutschen zeigen, welches Glück ihnen in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zuteilwurde. Es war und ist alles andere als selbstverständlich.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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