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25 Jahre deutsche Einheit : Zurück in den Osten

Um Erfahrungen reicher: Alexander und Magdalena Trommler Bild: Roger Hagmann

Es muss nicht immer der Westen sein: Zu Hause ist es auch ganz schön - sagen vor allem junge Menschen wie Alexander Trommler. Er ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

          Es ist schon spannend“, sagt Alexander Trommler, nachdem er eine Weile über seine Geschichte als Auswanderer und mehrfach Zurückgewanderter berichtet hat. „Als gutausgebildeter Mensch ist es heute nicht mehr notwendig, aus wirtschaftlicher Not dort zu leben, wo man nicht will.“ Man könnte es auch so sagen: Der Arbeitsmarkt in Ostdeutschland hat sich normalisiert. Inzwischen geht es einzelnen Regionen in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Sachsen so gut, dass Menschen hierher zurückkehren können, ohne große wirtschaftliche Einbußen in Kauf zu nehmen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Besonders in den Jahren 1989 und 1990 zog es viele Ostdeutsche wegen der wirtschaftlichen Misere nach dem Zusammenbruch der DDR in den Westen. Allein in diesen beiden Jahren der Wende verließen fast 400.000 Ostdeutsche ihre Heimat. In den Folgejahren waren es weniger als 200.000. Doch nach der Jahrtausendwende ging es drei Jahre lang wieder darüber hinaus. Mit immerhin 16 Prozent der in dieser Phase Abgewanderten teilt Alexander Trommler die Erfahrung, nach einigen Jahren im Westen wieder in den Osten zurückgekehrt zu sein.

          Sehnsucht nach dem kapitalistischen Teil Deutschlands

          Trommler gehört der Generation an, die den Einheitsprozess als Heranwachsende erlebt hat. Als beide Staaten den Einigungsvertrag unterzeichneten, war er zwölf Jahre alt. Vorausgegangen war eine typische DDR-Jugend: genormt, ohne große Extreme; schon als Kind entwickelte er aber unter Einfluss des Westfernsehens eine Sehnsucht nach dem kapitalistischen Teil Deutschlands. Aufgewachsen ist er in Langenhessen, nahe der sächsischen Grenze zu Thüringen, von wo es 15 Kilometer nach Zwickau sind. „Schwarzwaldklinik“ und „Soko 5113“ vermitteln ihm das Bild vom reichen Westen. Im Urlaub am ungarischen Plattensee bekommen Bürger der BRD für eine Mark 49 Forint. „Die konnten jeden Tag essen gehen“, erinnert er sich. Für eine DDR-Mark gibt es dagegen gerade einmal sieben Forint.

          Nach der Wende wartet Trommler dann, bis er 1996 das Abitur macht. Dann ist klar, dass er sein Glück im Westen versucht. Ein Ausbildungsangebot führt ihn nach Witten im Ruhrgebiet. „Ich war gespannt auf das Leben dort“, sagt er. Unter seinen Freunden ist er ein Exot. „Aber die Landung auf dem Boden war hart.“ Die Stadt in Westfalen ist nicht gerade die Erfüllung seiner Sehnsucht nach dem Westen. Ein Jahr später ist er zurück in Sachsen, um ein Studium zu beginnen. Geblieben ist ihm von damals nur seine Leidenschaft für Schalke 04.

          Wie viele Altersgenossen genießt er in den kommenden Jahren den Aufbruch im Studentenleben im Osten: gute Studienbedingungen, günstige Mieten, viele Freunde aus Kindertagen sind ebenfalls geblieben. Doch als sie mit dem Studium fertig werden, erleben sie die Kehrseite des Aufbruchs in den neuen Ländern: Es gibt nicht ausreichend Stellen, die Privatwirtschaft ist nicht stark genug, um die geburtenstarken Jahrgänge der Vorwendezeit aufzufangen. „Um 2000 herum war die Stimmung: Die Loser bleiben hier, die Gewinner gehen.“

          In dieser Zeit erzählen die etwas älteren Übersiedler auf ihren Heimatbesuchen die größten Erfolgsgeschichten. „Es entstand ein Besitzneid: Wer im Westen arbeitete, konnte sich mehr leisten.“ Für Trommler trifft es sich gut: Seine damalige Freundin studiert in Freiburg im Breisgau. Von seinen vier Stellenangeboten sucht sich der Baubetriebswirt das aus, das ihn am dichtesten an die Unistadt im Südwesten heranführt. Unter der Woche wohnt er in einer WG in Stuttgart, am Wochenende genießt er das Leben am Rande des Schwarzwaldes. Weihnachten und Ostern geht es zurück nach Hause. Viele seiner Freunde berichten so wie er von ihren Abenteuern im Westen.

          Dann wurden die Fachkräfte knapper

          Der Osten verödete noch mehr. „Das Sterben oder Nichtentstehen urbaner Kultur hatte stark mit der Abwanderung zu tun“, stellte Trommler bei seinen Heimreisen fest. „Wer geht denn schon in Kneipen oder Konzerte, wenn keiner mehr da ist? Das hat den Effekt verstärkt.“ Freiburg dagegen wird zu seiner Traumstadt. Doch allmählich tat sich etwas im Osten: Die Situation auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt verbesserte sich. Langsam kamen die geburtenschwachen Jahrgänge der Wendezeit ins Alter des Berufseinstiegs. Unternehmen aus dem Westen bauten Niederlassungen im Osten auf. Zwei Jahre nach seiner zweiten Übersiedlung erhält Trommler ein attraktives Angebot aus Erfurt. In dieser Zeit lernt er seine Frau Magdalena kennen – bei einem alten Freund in seinem Heimatort, der seinen 30. Geburtstag feierte.

          „2005 drehte sich die Lage. Der Arbeitsmarkt wurde besser, der Geburtenknick wurde deutlich spürbar“, sagt Trommler. Fachkräfte wurden knapper. Seither findet er immer wieder Arbeit in den östlichen Bundesländern: zwei Jahre Erfurt, eineinhalb Jahre Berlin. 2008 wird der Sohn geboren. Plötzlich werden ganz andere Dinge wichtig: Seine Frau hat enge Bindungen zu ihrer Familie, außerdem schätzen sie die Möglichkeiten der Kinderbetreuung im Osten. Der Wohnraum ist bezahlbar. „Das ist der Vorteil der Provinz“, sagt Trommler. „Wenn man 500 Euro weniger Miete zahlt, kann man auch Abstriche beim Gehalt machen.“

          Auch einige seiner besten Freunde ziehen in seine unmittelbare Umgebung zurück. Seine zwei Versuche im Westen bereut Trommler keinesfalls. Er hat viele berufliche Kontakte geknüpft, die ihm weitergeholfen haben, als er seine Arbeitsplätze wechselte. Und er hat andere Mentalitäten kennengelernt. Seine Neugier aber ist gestillt. „Ich weiß jetzt, dass es dort schön ist, aber nicht schöner als hier.“

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