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25 Jahre deutsche Einheit : Vereint und doch geteilt

Schon drei Monate vor der Wiedervereinigung kam die Währungsunion Bild: Picture-Alliance

Die Wunden der deutschen Teilung sind verheilt. Aber was tut sich unter der Oberfläche? Wie stark haben sich Ost und West einander angeglichen?

          Vor dem Brandenburger Tor und anderen Ecken Berlins markieren Pflastersteine im Asphalt, was kaum mehr vorstellbar ist: den Verlauf der Mauer, die politische und wirtschaftliche Trennung der Stadt. Ähnlich geht es den Autofahrern, die etwa auf der sechsspurigen Autobahn von Bayern nach Thüringen brausen. Ein großes Schild weist darauf hin, was das Auge kaum mehr erkennt: Ehemalige innerdeutsche Grenze 1945 bis 1990.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Stadt, Land, Natur zeigen an den alten Bruchstellen längst wieder ein harmonisches Ganzes. Wer das frühere DDR-Gebiet bereist, entdeckt von Grund auf erneuerte Städte, durchquert propere Agrarflächen und stößt an der Ostseeküste und den Seenlandschaften auf traumhafte Ferienziele. Selbst kleinere Ortschaften haben schicke neue Straßen, ordentliche Gehwege, schmucke Straßenbeleuchtungen. Die Wunden, die eine zentral gelenkte Wirtschaft ohne Rücksicht auf Umwelt und Natur hinterlassen hatte, sind verheilt. Aber wie sieht es unter der Oberfläche aus? Wie geht es den Menschen? Wie stark haben sich Ost und West einander angeglichen?

          Mit Währungsunion gegen den Wanderungsdruck

          Am Anfang haben sich die Ereignisse überschlagen. Nach dem Fall der Mauer im November 1989 machten immer mehr Bürger der DDR nicht nur einen Tagesausflug in den unbekannten Westen. Immer mehr entschieden sich dafür, für immer ihr Glück im Westen zu suchen. Diese innerdeutsche Migrationswelle beschleunigte den Prozess des Zusammenwachsens. Schnell kamen Überlegungen auf, mit einer deutsch-deutschen Währungsunion auf den Wanderungsdruck zu reagieren. Anfang Februar 1990 übermittelte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) der Regierung in Ost-Berlin das Angebot, die D-Mark als Zahlungsmittel der DDR einzuführen. Schon zum 1. Juli trat sie in Kraft. Mit dem Segen der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs folgte drei Monate später die staatliche Wiedervereinigung.

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          Schon das Projekt Währungsunion war eine mutige und radikale Entscheidung gewesen. Löhne und Gehälter wurden wie Mieten und Renten im Verhältnis eins zu eins umgestellt. Die Bestandskonten, also etwa das, was die Leute gespart hatten, wurden – bis auf einen altersabhängigen Sockelbetrag – im Verhältnis von zwei zu eins umgetauscht. Kohls berühmtes Versprechen stammt von diesem Tag. In einer Fernsehansprache sagte er: „Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“

          IG Metall drückt im Osten die Löhne nach oben

          Die Unternehmen in der DDR bekamen nun schlagartig den internationalen Wettbewerb zu spüren. Die wirtschaftliche Belastung aus der 1:1-Umstellung schien nur verkraftbar, weil dort die Menschen durchschnittlich nur rund 1000 Ostmark im Monat verdienten, während die Arbeitnehmer im Westen auf mehr als 3500 D-Mark kamen. Voraussetzung, dass das Experiment am lebenden Wirtschaftsorganismus glückte, war, dass es nicht zu großen Lohnerhöhungen kommen würde.

          Doch nicht zuletzt die IG Metall drückte im Osten schnell erhebliche Zuwächse durch. Die Folgen sind noch heute spürbar. In den jungen Bundesländern sind erheblich weniger Unternehmen im Arbeitgeberverband organisiert. Sie machen nach der Erfahrung von damals lieber ihre eigene Tarifpolitik.

          Die ostdeutschen Betriebe litten damals nicht nur unter Lohnerhöhungen, sie mussten gleichzeitig erleben, dass große Teile der Nachfrage wegbrachen. Die alten Handelspartner aus dem kommunistischen Wirtschaftsverbund litten ebenfalls unter dem Umbruch. Sie hatten auch nicht die harten Devisen, um bei den „Seitenwechslern“ wie bisher einzukaufen. Damit nicht genug: Selbst die eigenen Bürger wählten in den Regalen nicht mehr die eigenen Produkte, sondern bevorzugten die Westware. Die Erkenntnis, dass nicht alles schlecht war, was im Osten produziert wurde, kam erst später.

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