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RB Leipzig : Der Störenfried aus dem Osten

RB Leipzig ist inzwischen in der zweiten Fußball-Bundesliga angekommen – es soll noch weiter gehen. Bild: dpa

Die Fußball-Bundesliga blüht nur im Westen, die Ostklubs rutschen in die Drittklassigkeit. Nun ist Leipzig auf dem Weg nach ganz oben – dank Red Bull, der Speerspitze der Kommerzialisierung.

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          Die Mauer war gerade 48 Stunden offen, als Reiner Calmund in Ost-Berlin ankam. Der Manager von Bayer Leverkusen wollte sich so schnell wie möglich ein Bild von den Zuständen in der DDR machen. Und er witterte eine Chance. Schon für das Länderspiel zwischen Österreich und der DDR am 15. November 1989 plante Calmund in Wien die ersten Kontakte zu den besten Spielern aus dem Osten. Den Chefscout seines Klubs ließ er mit einer Fotografenakkreditierung in das Innere des Stadions einschleusen. Alles lief wie am Schnürchen, der Ausverkauf des DDR-Fußballs begann.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Am Tag nach dem Spiel traf sich Calmund schon mit Andreas Thom, und am folgenden Wochenende waren die Verträge, trotz großer Konkurrenz aus der Bundesliga, mit Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Thom unter Dach und Fach. Zehn Tage zuvor hatte die Mauer noch gestanden. Aber dann schaltete sich Helmut Kohl ein.

          Der Kanzler machte nach seiner Rede in Dresden dem Vorstand der Bayer AG unmissverständlich klar, dass es nicht gut sei, wenn sich ein Weltkonzern die besten Spieler aus der DDR für ein paar Millionen ganz allein unter den Nagel reiße. Bayer wagte nicht, sich dem Kanzler zu widersetzen. Der Konzern ließ Sammer nach Stuttgart ziehen.

          Trotz der Intervention des Kanzlers ist 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die berühmte Angleichung der Lebensverhältnisse wohl nirgendwo so leicht erkennbar schiefgelaufen wie beim Lieblingssport der Deutschen. Es wirkt wie die Ironie der Fußballgeschichte, dass die Speerspitze der Kommerzialisierung des Fußballs, RB Leipzig und Red Bull, zur großen Fußball-Hoffnung im Osten wurde, wo einst die Marktöffnung eine ganze Sportart abstürzen ließ.

          Der Fußball im Osten ist untergegangen

          Die Anhänger von RB Leipzig träumen dank des Investments des österreichischen Unternehmens von der Bundesliga, sogar von Meisterschaft und Champions League - während nicht zuletzt im Westen die Fans wegen des Engagements von Red Bull den Untergang des Fußballs beschwören. In Wirklichkeit ist der Fußball nur im Osten untergegangen.

          Red Bull hat mit seinem künstlichen Klub eine neue Zeitrechnung im deutschen Profifußball eingeläutet. Auch wenn der Fußball als dynamische Branche angesehen wird, erst durch den Einstieg des Brauseherstellers ist der Markt in Bewegung geraten. Denn seit der Wiedervereinigung hat sich bis zum Aufstieg von RB Leipzig die Fußballlandschaft kaum verändert. Sie blüht nur im Westen. Und im Kern sind im Profifußball diejenigen unter sich geblieben, die schon 1990 da waren.

          Von den achtzehn westdeutschen Klubs aus der Saison nach der Wiedervereinigung spielen zehn weiterhin in der ersten und sechs in der zweiten Liga: eine geschlossene Gesellschaft. Nachdem sich auch tapfere, strukturell jedoch hoffnungslos unterlegene Ostklubs wie Hansa Rostock und Energie Cottbus nach jahrelangen Kraftakten nicht mehr in der Bundesliga halten konnten - und bald auch nicht mehr in der zweiten Klasse -, sieht man von der Ostsee bis zum Erzgebirge die Bundesliga nur noch im Fernsehen. Seit sechs Jahren schon.

          Red Bull hat 2009 mit seinem Einstieg eine Aufbauhilfe Ost hingeklotzt, wie sie zuvor weder der Deutsche Fußball-Bund noch irgendein Sponsor hinbekommen haben. Allerdings funktioniert der Red-Bull-Klub nach ganz eigenen Regeln. Zunächst übernahm das Unternehmen das Oberliga-Startrecht des bedeutungslosen SSV Markranstädt, gab seiner Schöpfung dann den holprigen Namen RasenBall Leipzig, weil es in Deutschland verboten ist, einen Fußballverein wie eine Firma zu nennen, außer man heißt Bayer Leverkusen und hat die Tradition im Rücken.

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