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Tschechoslowakei 1989 : Zehn Tage, die Prag erschütterten

  • -Aktualisiert am

Prag im November: Tausende versammelten sich auf dem Wenzelsplatz. Sie ließen sich trotz des Risikos eines militärischen Eingreifens nicht mehr davon abhalten, gegen das Regime zu protestieren. Bild: dpa

Am 17. November 1989 zogen Tausende empörte Prager auf den Wenzelsplatz, um gegen einen gewalttätigen Polizeieinsatz zu protestieren. Kurz darauf brach das Regime zusammen – aufgrund einer Falschmeldung, wie man heute weiß.

          Der 92 Jahre alte Miloš Jakeš ist ein Mann alten Schlages: einmal Kommunist, immer Kommunist. Heute erinnert man sich kaum noch an ihn, aber vor 25 Jahren war er Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ) und damit der mächtigste Mann im Staat. Am 17. November 1989, einem Freitag, hielt sich Jakeš in einem Erholungsheim im südböhmischen Orlík auf. Dort, so erzählte er kürzlich der tschechischen Zeitschrift „Reflex“, habe ihn ein Anruf von General Alojz Lorenc erreicht. Der Chef des Staatssicherheitsdienstes (StB) habe ihm berichtet, dass die angekündigte Studentendemonstration in Prag ruhig verlaufen sei: „Die Leute haben sich wieder zerstreut. Ich fahre jetzt nach Bratislava.“

          Václav Havel hatte die Woche in seinem Bauernhaus in Hrádeček (Silberstein) verbracht, rund 150 Kilometer nordöstlich von Prag, wo er eine Kundgebung für den 10. Dezember vorbereitete, den internationalen Tag der Menschenrechte. Weder der Parteichef noch der prominenteste der tschechischen Dissidenten ahnten, dass an diesem Freitag eine Kette von Ereignissen ihren Anfang nehmen würde, die das kommunistische Regime innerhalb von zehn Tagen zum Einsturz bringen sollte. Nach den Ereignissen in Polen, in Ungarn und in der DDR erwartete Havel zwar auch eine Wende in der Tschechoslowakei, sagte aber noch im Oktober 1989 einem britischen Journalisten: „Es kann einen Monat dauern, vielleicht ein Jahr, vielleicht noch länger. Vielleicht werden wir diesen Tag nicht mehr erleben. Wir wissen es einfach nicht.“

          Genehmigte Demonstration schlug um

          Der Dissident und der Parteichef sahen wenig Veranlassung, der Studentendemonstration besondere Aufmerksamkeit zu schenken, schließlich handelte es sich um eine genehmigte Kundgebung zum Gedenken an die studentischen Opfer des NS-Terrors im Protektorat. Auf den Medizinstudenten Jan Opletal war am 28. Oktober 1939, dem tschechischen Nationalfeiertag, bei einer Demonstration gegen die deutsche Okkupation geschossen worden; er starb einige Tage später an den Folgen der Verletzungen.

          Tausende Studenten kamen zu seinem Begräbnis, die in eine weitere antinazistische Kundgebung überging. Am 17. November befahl Reichsprotektor Konstantin von Neurath die Schließung aller tschechischen Hochschulen, ließ neun Studenten erschießen und mehr als tausend in Konzentrationslager deportieren. Als Internationaler Studententag war der 17. November nach dem Krieg im Kalender der genehmigten Gedenktage des kommunistischen Regimes verzeichnet.

          Antikommunistische Demonstrationen in Bratislava

          In Pressburg (Bratislava) war es bereits am Vorabend zu einer Kundgebung von Studenten gekommen, die sich gegen das Regime richtete, aber unbehelligt blieb. Am Freitag Nachmittag begaben sich die Prager Studenten zunächst vom Stadtteil Albertov zu einer Trauerkundgebung an der nationalen Gedenkstätte im Friedhof von Vyšehrad. Von dort zogen sie auf einer nun nicht mehr genehmigten Route hinunter zum rechten Ufer der Moldau und weiter auf das Stadtzentrum zu.

          Nach und nach schwoll der Zug auf mehr als 15000 Demonstranten an, die antikommunistischen Parolen skandierten: „Freie Wahlen“, „Weg mit dem StB“, „Wir wollen eine neue Regierung“, „Dubček!“, „Lang lebe Havel!“. Ganz vorne ging der StB-Leutnant Ludvík Zifčák mit, den der Geheimdienst unter falschem Namen als Provokateur in die Zirkel der oppositionellen Studenten eingeschleust hatte.

          Zu Füßen des heiligen Wenzel: Prag im November 1989 Bilderstrecke

          Am Nationaltheater bog der Zug nach rechts in die Nationalstraße ein, die zum Wenzelsplatz führt, alle anderen Straßen hatte die Polizei gesperrt. Zu spät merkten die Studenten, dass sie in eine Falle geraten waren. Plötzlich schnitten mit Helmen und Schlagstöcken bewehrte Polizisten Tausende Demonstranten vom nachfolgenden Zug ab, kreisten sie ein und begannen, wahllos auf Männer, Frauen und Kinder einzuprügeln. 600 Demonstranten wurden verletzt, einige schwer. Unter den Opfern befand sich auch eine amerikanische Journalistin, die einen Schädelbasisbruch erlitt. Erst gegen 22 Uhr wurde, wie es offiziell hieß, „die Ruhe wiederhergestellt“.

          Falsche Nachricht schockierte Prag

          Kurz danach verbreitete sich die falsche Nachricht, ein Student namens Martin Šmíd sei ums Leben gekommen. Angeblich ging sie auf die Aussage einer psychisch instabilen Zeugin zurück, die auf der Nationalstraße verletzt worden war. In der blutigen Farce, die bis heute nicht völlig geklärt ist, soll der StB-Agent Zifčák, der selbst von seinen Genossen ordentliche Prügel abbekam, die Rolle des „toten Studenten“ übernommen haben.

          Zwei Dissidenten – der Trotzkist Petr Uhl und der Katholik Václav Benda – gaben die Todesmeldung, deren Richtigkeit sie nicht überprüfen konnten, an Journalisten weiter, auch der tschechische Rundfunk übernahm sie. Der Schock, den sie in Prag auslöste, war ungeheuer. Ganz von alleine stellte sich ein Zusammenhang her zwischen Jan Opletal, dem Opfer des braunen, und Martin Šmíd, dem vermeintlichen Opfer des roten Terrors.

          Jakeš behauptet, er habe ausdrücklich den Befehl erteilt, nicht gewaltsam gegen die Demonstration vorzugehen. Die Intervention der Polizei sei Teil eines Komplotts gewesen, das hohe Parteifunktionäre gemeinsam mit dem StB und Kreisen des KGB ausgeheckt hätten, um ihn zu stürzen und eine neue Parteiführung zu etablieren. Namentlich nannte Jakeš StB-Chef Lorenc und Rudolf Hegenbart, ein Mitglied des Politbüros. Die „Machtgier“ der beiden habe „den Weg zum Staatsstreich eröffnet“. Unter „Staatsstreich“ versteht er seinen Rücktritt und den der gesamten Parteiführung, der am 24. November erfolgte, eine Woche nach der Studentendemonstration.

          Große Teile der StB-Akten wurden vernichtet

          Seit 25 Jahren wird in Prag darüber diskutiert, ob die kommunistischen Geheimdienste KGB und StB überhaupt, und wenn, mit welchen Zielen, in die Ereignisse eingegriffen haben. Völlig klären lässt sich das wohl nicht mehr, weil Lorenc noch während der bald so genannten „Samtrevolution“ einen beträchtlichen Teil der StB-Akten vernichten ließ.

          Michael Žantovský, der Havel als Freund und Pressesprecher zur Seite stand, schließt ein geplantes Eingreifen des KGB aus: „Das geostrategische Spiel war schon am Abend des 17. November zu Ende, als Polen, Ungarn und die DDR unwiederbringlich verloren waren.“ Der StB allein sei nicht mehr in der Lage gewesen, sich strategisch zu verhalten, schreibt er in seiner soeben erschienenen Havel-Biographie (Václav Havel: In der Wahrheit leben. Berlin 2014). Objektiv war das zweifellos der Fall, aber diese Einsicht muss sich nicht auch schon in den Köpfen aller Politbüro-Mitglieder und Führungskader des StB durchgesetzt haben.

          Jakeš jedenfalls hat wenig Grund, die Unwahrheit zu sagen. Er wurde strafrechtlich nicht belangt, wie übrigens keiner der führenden KP-Funktionäre mit Ausnahme des im März verstorbenen Prager Parteichefs Miroslav Štěpán, der zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Und er ist nach wie vor so felsenfest vom Kommunismus überzeugt, dass er die Anwendung von Gewalt ganz selbstverständlich als legitim erachtet, wenn es um die „Verteidigung des Sozialismus“ geht.

          Reaktion: Generalstreik

          Wie die gesamte Parteiführung wurde Jakeš völlig überrumpelt von den massenhaften Protesten der Prager Bevölkerung nach der Prügelorgie in der Nationalstraße. Noch in der Nacht hatten die Studenten zu einem Generalstreik aufgerufen, am Samstag schlossen sich ihnen die Schauspieler der Prager Bühnen an. Am selben Tag war Havel in Prag eingetroffen, am Abend wurde rasch das Bürgerforum (Občanské fórum) gebildet, dem Vertreter aus den unterschiedlichsten Oppositionsgruppen beitraten.

          Das Bürgerforum schloss sich den Forderungen der Studenten an und verlangte den sofortigen Rücktritt der gesamten Parteiführung, die Einrichtung einer Untersuchungskommission zur Polizeigewalt gegen die Studenten sowie die Entlassung aller politischen Häftlinge. Schließlich rief es zum Generalstreik auf. Am Wochenende zogen Zehntausende zum Wenzelsplatz, wo sie Kränze niederlegten und Kerzen entzündeten. Am Montag Nachmittag war der riesige Platz voll mit Demonstranten, es dürften an die 100.000 gewesen sein.

          Es wäre natürlich möglich gewesen, sagte Jakeš jetzt der Prager Zeitung „Lidové noviny“, mit Panzern gegen die Menge vorzugehen, wie es fünf Monate zuvor Deng Xiaoping auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking getan hatte. Generäle hätten ihm versichert, dass sie jederzeit bereit wären, „den Sozialismus zu verteidigen“. Aber der Einsatz der Armee sei nicht in Frage gekommen. „Anders wäre es gewesen“, fügte er mit entwaffnender Offenheit hinzu, „wenn sich die Sowjetunion dazu entschlossen hätte. Das hätte schon am zweiten Tag alles geändert.“ Moskau aber habe vorgezogen, alles „krachen“ zu lassen. Dennoch wurden am Sonntag 85.000 Männer der Volksmiliz in Alarmbereitschaft versetzt. Die Panzer waren fahrbereit.

          „Wir stehen allein wie ein Zaunpfahl“

          In Prag hielten sich nun schon Tausende ausländische Journalisten auf. Noch eine Woche zuvor hatte die amerikanische Botschafterin in Prag, Shirley Temple Black, nach Washington berichtet, der öffentliche Druck auf Reformen sei „immer noch verhalten“, was sie auf die „zutiefst risikoscheue Psychologie des tschechischen Volkes“ zurückführte. Der Vorwurf war ungerecht. Während das kommunistische Establishment in seiner Erstarrung verharrte, war die Zivilgesellschaft immer mehr in Bewegung geraten.

          „Wir stehen allein wie ein Zaunpfahl“, klagte Jakeš am 17. Juli 1989 vor führenden Parteifunktionären. Eine sich politisch immer deutlicher artikulierende Parallelgesellschaft versuchte bei jeder Gelegenheit auszutesten, wie weit sie (schon) gehen konnte. Am 21. August 1988, dem 20. Jahrestag der sowjetischen Okkupation, demonstrierten 10.000 Leute auf dem Wenzelsplatz, am 28. Oktober, dem 70. Jahrestag der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei, waren es abermals so viele. Die Polizei griff zwar ein, aber die Intervention fiel weniger entschieden aus als gewohnt.

          Erinnerung an Selbstverbrennung

          Das Jahr 1989 hatte mit der „Jan-Palach-Woche“ (hier wurde an den Studenten erinnert, der sich aus Protest gegen die Besetzung 1968 verbrannt hatte) im Januar begonnen, während der das Regime plötzlich wieder mit großer Härte gegen die Opposition vorging. Wie in alten Zeiten wurde geknüppelt und verhaftet. Havel landete wieder einmal für weitere fünf Monate im Gefängnis. Der sowjetische Botschafter berichtete am 7. Februar nach Moskau, dass „Fragen der Demokratisierung“ und der „Befreiung des politischen Lebens von Passivität und Apathie“ immer noch „außerhalb der Wahrnehmung der Regierung“ blieben. Jakeš sei vom Innenminister eine Videokassette mit der Aufzeichnung des Protests gezeigt worden, „in dessen Verlauf Parolen ,Nieder mit Jakeš‘ ertönten. Das war, wie man so sagt, der letzte Tropfen, der bei M. Jakeš das Fass zum Überlaufen brachte.“

          Aber die Palach-Woche war auch für die Opposition ein Wendepunkt. Die Mauer zwischen den Dissidenten und der Mehrheit der Bevölkerung begann zu bröckeln. Von 1988 bis 1989, schätzt Žantovský, „lag die Zahl der Demonstranten, die bereit waren, einen Hieb auf den Kopf zu riskieren oder sich vom Strahl eines Wasserwerfers auf die Straße werfen zu lassen, mehr oder weniger stabil bei 5000 bis 10.000 Personen“.

          Im März 1989 berichtete Oleg T. Bogomolow, der Leiter des Wirtschaftsinstituts der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, an das Zentralkomitee der KPdSU, „die seit langem überfälligen wirtschaftlichen und politischen Reformen“ seien „de facto eingefroren“. Die „in der jetzigen Führung dominierenden Kräfte“ versuchten, mit „zunehmend gewaltsamen Methoden“ radikale Veränderungen zu verhindern. Er halte es nicht für ausgeschlossen, dass „man die Sache bis zu einem Punkt treiben möchte, der die Sowjetunion zur offenen Einmischung provozieren würde“.

          Im Sommer wurden die Tschechen Zeugen der Massenflucht der Bürger der DDR erst über Ungarn, dann über die Deutsche Botschaft in Prag in den Westen. Die radikalen Veränderungen in den Nachbarstaaten trugen dazu bei, dass in der Tschechoslowakei eine revolutionäre Situation entstand, wie sie Lenin beschrieb – die oben konnten nicht mehr, und die unten wollten nicht mehr. Auch der Einsatz von Panzern hätte den Untergang des Regimes zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aufhalten können. Am Ende, sagt Žantovský, „war beim Untergang der Genossen nicht einmal ein ordentliches Wimmern zu hören“.

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