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20 Jahre nach dem Massaker : Forscher: Bosniaken ließen Massaker geschehen

Das Massaker von Srebrenica jährt sich am Samstag zum zwanzigsten Mal. Bild: AP

Nach jahrelanger Recherche erhebt der Journalist und Forscher Matthias Fink schwere Vorwürfe gegen die Führung der bosnischen Muslime in Sarajevo.

          Der Journalist und Forscher Matthias Fink erhebt in seinem kommende Woche erscheinenden Buch über die Hintergründe des Massakers von Srebrenica, das sich an diesem Samstag zum 20. Male jährt, schwere Vorwürfe gegen die damalige Führung der bosnischen Muslime und ihren 2003 gestorbenen Präsidenten Alija Izetbegović. „Bosnisch-serbische Streitkräfte begannen am 6. Juli 1995 mit dem Angriff auf die UN-Sicherheitszone Srebrenica, am Nachmittag des 11. Julis standen sie in der Stadt. In diesen sechs Tagen unternahm die Regierungsarmee nichts, um von ihrem Territorium aus die bosnisch-serbischen Linien anzugreifen und so von einer Attacke abzubringen“, sagte Fink in einem Gespräch mit der F.A.Z.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Autor, der mehrere Jahre lang intensiv die Quellen ausgewertet und Interviews mit Überlebenden und Hinterbliebenen geführt hat, legt Wert auf die Feststellung, dass die Hauptschuld selbstverständlich die Armee der bosnischen Serben unter Befehl ihres vor dem Kriegsverbrechertribunal angeklagten Generals Ratko Mladić trage. Zudem sei der Umgang der Vereinten Nationen mit der vermeintlichen „UN-Schutzzone“ Srebrenica kläglich gewesen. Doch auch die Passivität der Führung der bosnischen Muslime in Sarajevo habe das Massaker mit offiziell mehr als 8000 Toten begünstigt. „Auch in den Tagen nach dem Fall Srebrenicas, als die großen Massaker stattfanden ... gab es keine Gegenangriffe“, so Fink.

          Izetbegović hätte die bosnische Armee anweisen können, einen Entlastungsangriff gegen die bosnischen Serben zu führen. „Das wäre nach Ansicht führender Militärs, die damals in jenem Gebiet im Einsatz waren, nicht schwierig gewesen“, so Fink. Er vermutet, dass die muslimische Elite in Sarajevo eine eingehende Untersuchung dieser Hintergründe stets verhindert habe, „um nicht am Ende als Mitschuldige dazustehen“. Das in Srebrenica stationierte niederländische Blauhelmkontingent hingegen hätte nach Finks Einschätzung in einem Kampf gegen Mladićs Truppen nicht bestehen können. Dafür sei es nicht ausgerüstet gewesen.

          Juli 1995: Bosnische Muslime werden aus dem Dorf Potocari vertrieben.

          Fink wies zugleich darauf hin, dass die westliche Öffentlichkeit bis heute die bosnisch-serbischen Opfer nicht wahrnehme. Es gehe um „mehr als 1200 Menschen, die teilweise auf ganz fürchterliche Weise umgebracht worden sind. Das gehört noch aufgearbeitet, auch juristisch.“

          Unterdessen übermittelte Bundespräsident Joachim Gauck den Angehörigen des Massakers von Srebrenica anlässlich des 20. Jahrestags seine Anteilnahme. „Srebrenica ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs“, heißt es in einem am Samstag übermittelten Brief an den Bürgermeister der ostbosnischen Stadt, Camil Duraković. Der Völkermord sei „ein Symbol für das Versagen der Völkergemeinschaft“.

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