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Prominenter Wendebau : Die Platte über dem Führerbunker

Das Restaurant inspirierte Rolf Hochhuth zu dem Gedicht „Peking-Ente mit Kanzlerin” Bild: Julia Zimmermann

Einst verlief vor diesem Plattenbau die Berliner Mauer. Damals wohnte Günter Schabowski hier. Dann kamen Angela Merkel und Birgit Breuel. Heute blickt Rolf Hochhuth aus seiner Wohnung auf die Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden. Eine Ortsbegehung von Tobias Rüther.

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          Das erste Haus hinter der Grenze. Ein Riegel von Plattenbauten. Er steht am Rande des Lochs, das der Krieg und die Teilung mitten in Berlin hineingeschlagen haben. Auf das Niemandsland der Mauer hatte man von hier früher den besten Blick, und über die Jahre seither dann darauf, wie sich das Loch langsam wieder füllte: links mit den Spektakelbauten vom Potsdamer Platz, dann mit dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals, rechts mit dem Hotel Adlon, dem Haus der Commerzbank und zuletzt mit der neuen amerikanischen Botschaft. Hier wohnte vor dem Mauerfall Günter Schabowski. Und danach Angela Merkel.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dieser Blick. Er verschlägt einem kurz den Atem, wenn man die Wohnung von Rolf Hochhuth betritt. Fünfter Stock, Wilhelmstraße, Ecke Behrenstraße. Die Fensterfront öffnet sich direkt zu den Stelen. Früher konnte der Dichter und Dramatiker Hochhuth von seinem Wohnzimmertisch, auf dem seine Schreibmaschine in einem Meer von Papieren und Faxen und Büchern ruht, noch auf das Brandenburger Tor und den Reichstag schauen. Das hat ihn angezogen, deswegen ist er hier irgendwann in den frühen neunziger Jahren eingezogen. An das Datum kann er sich nicht mehr genau erinnern. Es wird um die Zeit gewesen sein, als klar wurde, dass ihm bald das Theater am Schiffbauerdamm gehören würde und dass er deswegen „am Tatort“ sein muss, wie Hochhuth sagt. Ab 1993 ungefähr.

          Das Wesen eines Wendebaus

          Manchmal war er allein zu Hause, seine Frau am anderen Wohnsitz an der Schweizer Grenze. Das behagte Hochhuth überhaupt nicht, weil rings um den Plattenbau nichts fertig war. „Es gab keine Bank, kaum Läden, kaum Kneipen“, sagt Hochhuth, „die Behrenstraße war noch gar nicht asphaltiert“. Also ging er zum Schlafen in die Akademie der Künste im Tiergarten. „Warum tun Sie das?“, habe ihn eines Tages sein Hausmeister gefragt. „Aus Angst“, antwortete Hochhuth. „Aber Sie haben doch die ganze Nacht die Polizei im Treppenhaus.“ Das wusste Hochhuth nicht. „Die Chefin der Treuhand wohnt doch bei Ihnen“, erklärte der Hausmeister, „und die neue Frau von der CDU.“ Sie kamen erst nicht auf den Namen, aber dann fiel er ihnen wieder ein. „Und so erfuhr ich“, sagt Hochhuth, „welche bedeutenden Damen in den Etagen über mir wohnten.“ Birgit Breuel. Und Angela Merkel.

          Stillleben mit Hochhuth im fünften Stock

          Das Haus an der Wilhelmstraße gehört zu einem Riegel von Plattenbauten, die in den späten Jahren der DDR hochgezogen wurden, Teil der Ost-Berliner Aufpolierungen zur 750-Jahr-Feier von 1987. Dort, wo an der alten Wilhelmstraße früher Ministerien waren und Hitlers Reichskanzlei, stand jahrelang gar nichts. Die DDR wollte so nah an der Mauer nicht bauen. Als dann in den Achtzigern die Plattenbauten fertig wurden, wofür die Reste des Führerbunkers gesprengt werden mussten, zog die Elite der DDR ein: Katarina Witt zum Beispiel und Günter Schabowski. Das Eckhaus von Hochhuth, Merkel und Breuel wurde erst nach dem Fall der Mauer fertig. „Es ist ein sogenannter Wendebau“, erklärt Hartmann Vetter, der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, der im selben Haus sitzt, in Räumen, die für die Interflug, die Fluggesellschaft der DDR, vorgesehen waren. „Er ist vor der Wende begonnen und nach der Wende fertiggestellt worden. Das ist das Wesen eines Wendebaus.“

          Ein Stück gegen Breuel

          Denjenigen, der diese sogenannte Wende mitbaute, Günter Schabowski also, hat Hochhuth noch auf der Straße getroffen, wie Kati Witt aber lebt er nicht mehr hier. Mit der Kanzlerin von heute, die damals Frauenministerin war, fuhr Hochhuth im Fahrstuhl. „Das war sehr interessant“, sagt er. „Eine junge Dame, höchst gebildet, von der man aber das Gefühl hatte, sie glaubt noch an den Storch. Ich denke jetzt immer an den Prolog zu Schillers ,Wallenstein': Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.“

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