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Maueröffnung im Film : Des Zettels Traum

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Das „Kamerateam aus dem Westen“ hatte Schabowskis sensationelle Mitteilung in einer Kneipe am Prenzlauer Berg verfolgt. Gemäß ihrem Auftrag aus der Hamburger Spiegel-TV-Redaktion gingen die Reporter „dorthin, wo die Menschen hingingen“. Und das war der nächstgelegene Grenzübergangspunkt, Bornholmer Straße. Und vor ihren Augen und dem Objektiv ihrer Kamera spulte sich die Geschichte ab. Beflügelt von der Anwesenheit des westlichen Teams, erhöhte sich der Druck der Masse auf die Grenzer. Sekunde für Sekunde aufgezeichnet in stundenlangen Videokassetten. Unsichtbar für die Reporter agierten die Stasi- und Grenztruppen-Offiziere in ihrer Baracke. Sie telefonierten mit ihren Vorgesetzten, doch die waren genauso ratlos wie sie selbst. Diese Szenen, aus zahlreichen Interviews mit allen Beteiligten rekonstruiert, zeigen den Polizeistaat in seiner ganzen erbärmlichen Hilflosigkeit. Der diensthabende Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger ruft seine Mitarbeiter ins Dienstzimmer. „Ich wollte von denen wissen, was ich tun soll. Das musst du doch wissen! Du bist der Chef! Ich sag': Soll ich die DDR-Bürger ausreisen lassen? Oder soll ich schießen lassen? Um Gottes willen!“

Harald Jäger entschied. Selbständig. Allein. Ohne Befehl von oben. „Ich hab' gedacht, so, jetzt reicht es mir. Jetzt entscheidest du auf eigene Faust.“ Er gibt die Anweisung, den Schlagbaum zu öffnen.

Er öffnet eine Schleuse. Unkontrolliert fluten die Menschen in den Westen. Es ist der Moment, in dem die Mauer fällt und mit ihm die DDR, in dem der Kommunismus von Berlin bis Moskau zerbricht, in dem die Weltordnung der Nachkriegszeit Vergangenheit wird. Der historische Augenblick, in dem der Zweite Weltkrieg vierzig Jahre nach Kriegsende wirklich zu Ende geht.

Das Dokumentarmaterial dieser Nacht hält das fest. Die Spielszenen füllen die filmischen Lücken. Und gleichzeitig entwerten sie das Originalmaterial: Wenn die Imitation aussieht wie die Wirklichkeit, welchen Wert hat dann noch das authentische Abbild der Wirklichkeit? Eine grundsätzliche Frage des Dokumentarfilms mit „Re-enactment“, die hier besonders deutlich wird. Doch wenn man über diesen vielleicht etwas altmodischen Schatten springt, dann kann man das kaum besser machen, als es Marc Brasse und Florian Huber gezeigt haben: für die ARD - mit den zwanzig Jahre alten Materialien der Kollegen von Spiegel TV. Wobei man sich auch fragen kann, warum ein solcher Film auf deren eigenen Sendeplätzen keinen Platz mehr findet.

Am Ende des Films sagt Günter Schabowski: „Das Schicksal jeder Diktatur ist das. Wenn Sie anfangen, die Diktatur durch gewisse Reformen zu lockern, dann zeigt sich, dass Diktaturen durch Reformen nicht zu verbessern sind. Sondern sie sind durch Reformen nur abzuschaffen.“

Und auch der Stasi-Offizier, der den Befehl zur Öffnung der Grenze gab, ist heute froh über die Wende vor zwanzig Jahren. „Bei allen Widersprüchen, die diese neue Gesellschaftsordnung für mich darstellt, bin ich froh, dass es den 9. November gegeben hat. Denn wer die DDR so kennengelernt hat, wie ich sie habe kennenlernen müssen, vom ersten Jahr an bis zum bitteren Ende, der ist froh, dass die DDR nicht mehr existiert. Und ich möchte sie nicht wiederhaben.“

Es waren nicht nur die Flüchtlinge, die Christen und die Bürgerrechtler, die das Ende der DDR herbeiführten. Es waren auch Offiziere wie Gerhard Lauter und Harald Jäger, die das Tor in die Freiheit öffneten.

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