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Maueröffnung im Film : Des Zettels Traum

  • -Aktualisiert am

Im Zentrum steht Schabowskis Zettel, um den sich seit zwanzig Jahren allerhand Legenden ranken. Wusste Schabowski überhaupt, was er da vorlas? Hatten die Journalisten einen Tipp bekommen, wonach sie fragen sollten? Ein abgekartetes Spiel, um die Führungsriege um Krenz zu überrumpeln? Spielte Schabowski sein eigenes Spiel, wollte er der Mann sein, der die Mauer sprengte? Oder war das alles nur eine Aneinanderreihung von Zufällen?

Verkannte Tragweite

Der Film erzählt eine plausible Geschichte, untermauert mit Interviews und Akten. Nicht alles ist wirklich neu, die Geschichte muss nicht umgeschrieben werden. Aber doch einleuchtend und nachvollziehbar inszeniert. Danach hatte Gerhard Lauter, Leiter des Pass- und Meldewesens der DDR, den Auftrag, ein neues Reisegesetz zu erarbeiten. Es sollte eine Regelung für die ständige Ausreise werden. Lauter im Filminterview: „Dort hab' ich gesagt: Das bringt doch das Fass zum Überlaufen! Der Kessel brodelt, und das hebt den Deckel weg!“ Lauter und seine drei Mitarbeiter, zwei von der Stasi, beschließen eigenmächtig, den Auftrag zu ändern: „Wir haben einfach geschrieben: Privatreisen und ständige Ausreisen sind für jedermann ab sofort, unverzüglich usw. möglich . . .“ Die Regelung sollte am 10. November morgens um vier Uhr bekanntgegeben werden.

Im Zentralkomitee der SED debattierten währenddessen hohe Genossen hinter verschlossenen Türen über die Zukunft der DDR. Einer fehlte: Günter Schabowski. Gegen Mittag bringt ein Fahrer das Ausreise-Papier zum Politbüro ins ZK-Gebäude. Egon Krenz liest es mit monotoner Stimme der Herrschaftsriege der DDR vor. Das Originaltonband wird in dem Film der entsprechend inszenierten Szene unterlegt. Krenz resigniert: „Wie wir's machen, machen wir's verkehrt.“ Doch niemand unter den Spitzengenossen begreift offenbar die Tragweite des Beschlusses. Sie haben keine Ahnung, dass die Öffnung der Mauer das Ende der DDR sein wird. Schabowski erscheint, als die Genossen noch diskutieren. Krenz schiebt ihm den Zettel zu und sagt: „Mensch, hör mal, nimm das mit in die heutige Pressekonferenz.“

Die Sperrfrist, so sagt Schabowski, wird nicht erwähnt. Und so geht er mit der politischen Bombe in seine Pressekonferenz. Der Rest ist bekannt. Die Ahnungslosigkeit der regierenden Parteigenossen erscheint aus heutiger Sicht geradezu abenteuerlich. Die Führungskader der DDR hatten sich meilenweit von der Wirklichkeit entfernt. Ihr sozialistisches Regime hing machtpolitisch am Haken der Sowjetunion und wirtschaftlich am Tropf der Bundesrepublik. Dass so etwas - zumal in Zeiten der Entspannung - nicht gutgehen konnte, war spätestens im letzten Sommer der DDR klargeworden, als Tausende von DDR-Bürgern über Ungarn „rübermachten“ in den Westen.

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