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Mauerfall : Wir waren das Volk

Montagsdemonstration am 23. Leipzig, Oktober 1989 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Vier Worte, die die Welt verändert haben: „Wir sind das Volk“. Die Losung der Montagsdemos in der untergehenden DDR ist Legende. Hunderttausende riefen sie am Ende. Doch wer rief sie zuerst? Eine Suche.

          Am 3. Oktober 1989 erhält Erich Honecker ein verschlüsseltes Fernschreiben aus Leipzig. Wort für Wort kann der Staatsratsvorsitzende darin nachlesen, was Tausende Bürger am Vorabend bei ihrem Marsch durch die Innenstadt im Chor gerufen hatten: „Neues Forum zulassen“, „Wir bleiben hier“, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, „Jetzt oder nie“, „Gorbi, Gorbi“ und „Freiheit für die Inhaftierten“. Aber der Satz, der das Ende von Honeckers Regime bedeuten sollte, der Satz, der zusammen mit den Bildern von den Leipziger Montagsdemonstrationen um die Welt ging, der Satz „Wir sind das Volk“, dieser Satz taucht in Honeckers Geheimbericht nicht auf.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Vier Worte, die die Welt verändert haben. Aber wie sind sie da hingekommen?

          „Das kann man sich doch ganz leicht vor Augen führen“, sagt Hartmut Zwahr. „Sie laufen in einer großen Menschenmenge mit, dann drehen Sie sich im Laufen zu den anderen um, legen die Hände als Trichter um den Mund und rufen laut, was Ihnen gerade eingefallen ist. Und dann nimmt die Menge Ihre Parole auf, oder sie nimmt sie nicht auf.“

          So könnte es gewesen sein. Aber wessen Hände haben den Trichter gebildet, als zum ersten Mal der Ruf „Wir sind das Volk“ erklang, damals im Herbst des Jahres 1989 in Leipzig? Von wem stammt der Satz? War er eine geniale Eingebung in einem historischen Moment, oder wurde er gezielt in die Welt gesetzt, ausgetüftelt im innersten Zirkel der Bürgerrechtler? Und wieso kann sich heute niemand daran erinnern, wann er ihn zum ersten Mal gehört hat, ob am 2. oder am 9. Oktober, ob drinnen in der Nikolaikirche oder draußen auf dem Vorplatz? Vergisst die Friedliche Revolution ihre Väter?

          Das Umfeld war diffus

          „Ob das ein Ausruf der Oppositionellen oder der Ausreisewilligen war, lässt sich nicht mehr entscheiden. Aber zweifellos stammt der Satz aus dem Umfeld der Nikolaikirche“, sagt Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig. Doch dieses Umfeld war diffus, es hatte keine feste Struktur, war nie straff organisiert und wurde für die Staatssicherheit deshalb auch nie greifbar. Dass eine Handvoll überwiegend junger Leute, verstreut auf Städte wie Leipzig, Dresden und Plauen, ausreichte, um eine Bewegung in Gang zu setzen, der sich am Ende Millionen DDR-Bürger anschlossen, überstieg das Vorstellungsvermögen der Stasi. Sie suchte nach einem Phantom, das es nicht gab. Das Volk, so glaubte sie, spricht nicht von selbst, es murrt höchstens.

          „Das MfS wusste gar nicht, wen es verhaften sollte, um die Bewegung lahmzulegen“, sagt Uwe Schwabe. „Es gab keinen Kopf, keine Anführer. Das war ein Volksaufstand, das hatte niemand von uns in der Hand.“ Aber es gab diejenigen, die Transparente trugen, und die anderen, die den Transparenten folgten. Es gab die wenigen, die vor den Demonstrationen alte Bettlaken beschrifteten und Flugblätter entwarfen, und es gab die anderen, die in die Sprechchöre einfielen. Es gab die vielen, die demonstrierten, als die Botschaft in Prag besetzt war und Ungarn die Grenze zu Österreich öffnete, und es gab die wenigen, die schon in den Monaten und Jahren zuvor gegen die „illegitime Staatsmacht aufbegehrten“, wie Rainer Eckert sagte. „Reden Sie mal mit Uwe Schwabe“, hatte Eckert gesagt, der könne wissen, von wem der Satz stammt.

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