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Im F.A.Z.-Gespräch: Georg Mascolo : Die Menschen wollten nicht mehr warten

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Wie einzigartig seine Aufnahmen waren, ging ihm erst spät auf: Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo Bild: Axel Martens

Der heutige „Spiegel“-Chef Georg Mascolo hatte den Fall der Mauer mit seinem Filmteam am 9. November 1989 aus nächster Nähe erlebt. Er war seinem Instinkt gefolgt. Die Bilder, die er am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße machte, schrieben Geschichte. Beinahe hätte es sie nicht gegeben.

          Der heutige „Spiegel“-Chef Georg Mascolo hat den Fall der Mauer mit seinem Filmteam am 9. November 1989 aus nächster Nähe erlebt. Er war seinem Instinkt gefolgt. Die Bilder, die er am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße machte, schrieben Geschichte. Beinahe hätte es sie nicht gegeben.

          Herr Mascolo, am 9. November 1989 waren Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort: am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin. Sie haben als Einziger gefilmt, wie sich die Mauer öffnete. Wie kam es dazu?

          Dass wir am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße waren, liegt an einer Entscheidung, die wir am frühen Abend desselben Tages in Ost-Berlin getroffen haben. Viele der aus dem Westen angereisten Korrespondenten hielten sich in der Bar des Grandhotels in Berlin-Mitte auf und diskutierten die Frage, was Günter Schabowski auf seiner Pressekonferenz gemeint haben könnte. Niemand hatte eine Vorstellung von dem, was in den nächsten Stunden passieren würde. Ich war allerdings davon überzeugt, dass man es ganz sicher nicht an der Hotelbar in Berlin-Mitte herausfinden kann, und traf deshalb gemeinsam mit meinem Kamerateam die Entscheidung, an den Prenzlauer Berg zu fahren.

          Jubelnde Berliner am Grenzübergang Bornholmer Straße

          Warum dorthin?

          Ich erinnerte mich daran, was der damalige Spiegel-TV-Chefredakteur Stefan Aust mir geraten hatte. Er sagte: Geh dahin, wo die Menschen sind. Ich hatte mir angeschaut, wo das in Berlin sein könnte, und war sicher, dass der Prenzlauer Berg die richtige Umgebung wäre. Dort lebten Künstler, Intellektuelle, Oppositionelle. Und die Wohnhäuser reichten direkt an den Grenzübergang Bornholmer Straße heran.

          Aust hatte Sie nach Berlin geschickt. Hatten Sie einen genauen Auftrag?

          Nein. Spiegel TV hatte schon im Sommer 1989 begonnen, die Ereignisse in Osteuropa intensiv zu begleiten. Dabei waren immer sehr ungewöhnliche Stücke herausgekommen. Wir hatten es uns zum Grundsatz gemacht, an allen entscheidenden Orten - zuallererst in Ost-Berlin - ständig präsent zu sein, um dort die Geschichten zu suchen, die man würde erzählen können.

          Haben Sie sich denn einen Reim machen können auf Schabowskis wirren Vortrag zu den Ausreisebestimmungen an diesem Nachmittag? Haben Sie damit gerechnet, dass plötzlich Tausende über die Grenze wollten?

          Nein, dafür reichte meine Phantasie nicht. Und das war auch nicht, wie man heute weiß, was Schabowski gemeint hatte. In den Tagen und Wochen zuvor hatte es in der DDR große Auseinandersetzungen über das neue Reisegesetz gegeben. Der Entwurf, den das Politbüro und das Zentralkomitee der SED vorgelegt hatten, war von den Menschen abgelehnt worden. Das Besondere der Situation in der damaligen DDR war, dass die Menschen nicht mehr darauf warteten, welche Rechte ihnen das Politbüro zugestehen würde. Entscheidend war, was die Menschen sich erstreiten wollten. Das Glück meines Teams war es, dass es in dieser Nacht einen Ort gab, an dem man das beobachten konnte. Das war die Bornholmer Straße.

          Wie sah es aus am Grenzübergang? Wie war die Stimmung?

          Wir kamen an die Bornholmer Straße und mussten den letzten Kilometer zu Fuß gehen, weil sich die Trabbis und Wartburgs schon stauten. Die Autofahrer hupten, die Menschen waren ungeduldig. Wir gingen vor bis zum Schlagbaum des Grenzübergangs, an dem sich Tausende versammelt hatten. Die Grenzer waren in der Defensive. Die Menschen skandierten: Wir wollen rüber. Sie versprachen: Wir gehen rüber, aber wir kommen zurück in die DDR. Sie forderten lautstark die Ausreise aus der DDR.

          Hatten Sie die Befürchtung, dass geschossen werden könnte?

          Diese Befürchtung hatte ich an der Bornholmer Straße nicht, gefährlicher war die Situation am Brandenburger Tor. Die Grenzer an der Bornholmer Straße waren einfach ratlos. Ein Jahr später bin ich zurückgekehrt und habe mit praktisch allen Grenzern die Geschichte dieser Nacht rekonstruiert. Erst da habe ich verstanden, wie alleingelassen sie waren. Der 9. November war nicht der Beginn dieser deutschen Revolution, er war Höhepunkt und das Finale zugleich. Allen war klar, dass die Zeiten, in denen das Regime den Status quo mit der Waffe in der Hand verteidigen würde, vorbei waren. Deshalb gab es an der Bornholmer Straße niemanden, der daran dachte, die Situation mit Waffengewalt unter Kontrolle zu bringen.

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