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Heimatmuseen im Osten : Alles original DDR

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Teil eines Gesamtexponats: Modelle von Küchenmöbeln aus dem VEB Holzindustrie Wittstock
          7 Min.

          Wer in Eisenhüttenstadt, dieser einst „Ersten Sozialistischen Stadt Deutschlands“, nach dem Weg fragt, wird von den Einwohnern an Punkten entlanggeführt, die es nicht mehr gibt. „Gehen Sie an der alten Schule vorbei, und biegen Sie am Sowjetischen Ehrenmal rechts ab“, sagen sie. Aber dann führt der Weg nur an verlassenen Fabriken, Denkmälern und ehemaligen Gaststätten entlang, und einige der Bauten, an denen man sich orientieren sollte, sind längst abgerissen. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Kluft zwischen der erinnerten und der gegenwärtigen Landschaft in Ostdeutschland an vielen Orten spürbar. Diese Orientierungslosigkeit ist in den Heimatmuseen der ehemaligen DDR, die nach der Wende ihr Geschichtsbild schlagartig ändern mussten, heute noch akut zu fühlen.

          Während der Begriff der „Heimat“ in der Bundesrepublik meist Bilder von idyllischen Landschaften hervorrief und oft mit „Heimattümelei“ assoziiert war, stand er in der DDR für die internationale Ideologie des Sozialismus und die gebaute Welt der Menschen, anstatt unberührter Natur. Heimatmuseen spiegelten daher meist das Geschichtsbild der DDR wider, das lokale und alltägliche Geschichte zugunsten der internationalen in den Hintergrund drängte. Nach der Wende haben es sich einige dieser Museen zur Aufgabe gemacht, aus dem kollektivistischen Heimatbild ein individuelles zu formen. Sie wurden zu Gedächtnis-Laboren, in denen, anders als in den großen Museen, die in nationalen und historischen Debatten gefangen sind, der Prozess des Erinnerns aktiv auf einer lokalen und persönlichen Ebene stattfand. Fast alle standen dabei vor der Frage, wo sie im Nachhinein das Individuelle des Heimatbegriffes herausarbeiten konnten, der zumeist im Kollektiv erlebt worden war. Und wo sie dieses kollektive Erleben von propagandistischen Kontaminationen reinigen mussten, ohne dabei das Zugehörigkeitsgefühl zu zerreißen, auf das es Besuchern eines Heimatmuseums vor allem ankommt.

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          Den Betrieb gibt es immer noch: Waren aus dem VEB Obertrikotagenbetrieb Wittstock „Ernst Lück”
          Den Betrieb gibt es immer noch: Waren aus dem VEB Obertrikotagenbetrieb Wittstock „Ernst Lück” : Bild: Andreas Pein

          Im Heimatmuseum Wittstock muss, wer zum Teil der Dauerausstellung will, der die Zeit nach 1945 dokumentiert, zuerst an einer rekonstruierten Handwerkerwohnküche aus dem 19. Jahrhundert und ein paar prächtigen alten Möbeln vorbei, bis er sich in einem kleinen Raum, vollgestopft mit Text-Tafeln, befindet. Die Ausstellung beginnt mit dem schweren Anfang nach der Befreiung vom Faschismus, erläutert im Detail die Bodenreform und dokumentiert mit textlastigen Plakaten und Statistiken die Entwicklung der Industrie, lokaler Betriebe, der SED, der FDJ und lokaler Sportvereine. Die Geschichte Wittstocks spielt eine unbedeutende Rolle. Wenn man den ironischen Kommentar eines australischen Besuchers am Anfang der Ausstellung verpasst, könnte man denken, man sei noch in der DDR.

          Während die meisten Heimatmuseen ihre Ausstellungen zur DDR-Geschichte nach der Wende geschlossen haben, wurde im Heimatmuseum Wittstock dieser Teil der Dauerausstellung seit 1984 nicht verändert. Die Entscheidung, ihn auch nach der Wende so und fast unkommentiert zu erhalten, wurde vom damaligen Direktor, Wolfgang Dost, getroffen und war nicht unumstritten. Seiner Meinung nach dient die Ausstellung heutzutage als pädagogisches Mittel, um Schulgruppen die DDR-Rhetorik beizubringen. „Es ist ein Gesamtexponat“, sagt er.

          Obwohl die Ausstellung nicht an privaten Erlebnissen interessiert ist, erzeugt sie trotzdem persönliche Erinnerungen. Das trifft sowohl auf die Vitrine mit Kleidung des lokalen Obertrikotagenbetriebs zu als auch auf die vielen Gruppenbilder. Ironischerweise scheint die Strategie der DDR-Propaganda, Menschenmassen aufzunehmen, um den Wiedererkennungseffekt im Kollektiv auszulösen, noch heute aufzugehen. Viele Besucher entdecken darauf sich oder Verwandte wieder. „Auf der einen Seite ist es ein Stück politischer Vergangenheit, auf der anderen ein Stück eigener Biographie“, sagt Dost. Die Reaktionen auf die Ausstellung seien anfangs oft negativ gewesen, viele Besucher hätten sie als „sozialistischen Russenkram“ bezeichnet, heute verhielten sie sich eigentlich immer positiv, da man sich „mit der Zeit mehr und mehr distanziert“, wie Dost sagt. Er habe die Ausstellung erhalten, damit sich die Leute ihre eigene Meinung bilden. Statt Urteile zu fällen, habe er Urteile ermöglichen wollen, sagt Dost. Das sei eine bewusste Reaktion auf die DDR-Geschichtsschreibung gewesen. Die Ausstellung aber bleibt ein Fossil, erstarrt in der Sicht der DDR.

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          Im Heimatmuseum Wittenberge steht ein älterer Mann vor einem großen Schild, auf dem steht: „Meine Hand für mein Produkt“. Es ist eine Produktionstafel aus dem ehemaligen VEB-Nähmaschinenwerk Wittenberge, der Mann zählt an einer Hand die abgewickelten Wittenberger Betriebe ab. „Zellwollenfabrik, Nähmaschinenwerk“, sagt er, „alles weg.“ Er war in der DDR Angestellter des Nähmaschinenwerks, nach der Wende hat er diese Ausstellung mitgestaltet. Sie trägt den Titel: „Ein VEB war mehr als ein Produktionsbetrieb - die Geschichte des Nähmaschinenwerks von 1945 bis 1991“.

          Die Stimmung in der ehemaligen Industriestadt Wittenberge ist düster. Bis zur Wende arbeitete die Mehrheit der Einwohner im Nähmaschinenwerk „Veritas“, ehemals „Singer“, in dem ihnen wie in vielen volkseigenen Betrieben Kinderbetreuung, Einkaufsmöglichkeiten, Sportgemeinschaften, Berufsausbildung, medizinische Versorgung und Ferieneinrichtungen zur Verfügung standen. 1991 wurde das Werk geschlossen. Bis dahin war das Heimatmuseum ein „Arbeiter- und Industriemuseum“, eine Art Traditionskabinett, das die Entwicklung der lokalen Betriebe, mit besonderem Schwerpunkt auf dem Nähmaschinenwerk, dokumentierte. Die regionale Geschichte Wittenberges seit dem zwölften Jahrhundert spielte kaum eine Rolle. Obwohl die propagandistischen Ausstellungen nach der Wende geschlossen wurden, hat das Museum den Schwerpunkt Industriegeschichte beibehalten. Seit zwei Jahren läuft die Ausstellung über das VEB-Nähmaschinenwerk und dokumentiert anhand von alten Uniformen, Videos und Themen wie „Berufsausbildung“ das Leben im Werk.

          Die heutige Direktorin des Heimatmuseums, Birka Stövesandt hatte die Idee, die DDR-Zeit anhand der Geschichte des Werks aufzuarbeiten. Der jüngeren Generation wollte sie die „Angst vor Technik“ nehmen, im Museum gibt es deshalb auch eine Werkstätte, in der Kindern Handwerkliches beigebracht wird. Für die ältere Generation wollte sie so die Vergangenheit zurückholen. Ehemalige Arbeiter des Werks waren deshalb eng an der Ausstellung beteiligt, viele haben Fotos, Brigadebücher und Sozialversicherungsausweise dafür gegeben. Doch das Erinnern sei auch schmerzhaft gewesen, sagt der frühere Betriebsleiter Günther Bertholdt. Er habe zehn Jahre gebraucht, bis er überhaupt an der Ruine des Werks vorbeigehen konnte. „Es ist eine Welt für sich gewesen, und mit einem Kugelschreiberstrich war alles vorbei“, sagt die Museumsdirektorin. Sie plant Erinnerungstreffen, zu denen die ehemaligen Mitarbeiter sich im Museum treffen, Anekdoten austauschen und sich erinnern können. Die Ausstellung hat so viel Anklang gefunden, dass Birka Stövesandt inzwischen oft von ehemaligen Angestellten anderer Betriebe gefragt wird, ob sie nicht eine Ausstellung über deren Betrieb machen könnte. „Aber ich will kein Traditionskabinett werden“, sagt sie.

          Während viele Heimatmuseen in Ostdeutschland die Zeit zwischen Kriegsende und Wende heute ausklammern, sind einige in Orten mit hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung, wie in Wittenberge, Stätten der Trauerbewältigung geworden. Die Ausstellung über das Nähmaschinenwerk ist nicht nur eine Erinnerung an frühere Zeiten, es ist auch der Versuch, eine Lebenseinstellung, die Produktion und Selbstversorgung betont, einer jüngeren Generation zu erklären, von der viele die Stadt bald verlassen werden, um woanders eine bessere Zukunft zu suchen.

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          Eisenhüttenstadt wurde 1950 als „Sozialistische Idealstadt“ erbaut, sie trug von 1953 bis 1961 den Namen Stalins und wurden neben dem Gelände des Stahlwerks Eisenhüttenstadtkombinat Ost (EKO) angelegt. Da die Stadt wortwörtlich mit den Händen der Einwohner aus den Trümmern des Weltkrieges errichtet wurde, passte sie gut in den „Auferstanden aus Ruinen“-Gründungs-Mythos der DDR. Heute ist die Stadt, mit ihren Arbeiterwohnpalästen und den inzwischen verkommenden Plattenbauten, ein lebendes Museum der untergegangenen DDR. Das Heimatmuseum war früher stark im Visier der Partei - der letzte Direktor war ein Spion der Stasi - und präsentierte deshalb besonders plakative und propagandistische Ausstellungen über das Kombinat und die Geschichte der DDR.

          Nach der Wende musste das Museum sein Geschichtsbild schlagartig ändern. Das war schwierig, da die Stadt vor der DDR keine eigene Geschichte hat. Trotzdem griff das Museum, wie die meisten anderen nach der Wende, auf die „guten alten Zeiten“ vor der DDR und dem Zweiten Weltkrieg zurück. Wo einst Dokumente und Fotos vom schweren Anfang des EKOs hingen, gab es nun eine Ausstellung über die Frauen des Nachbarortes Fürstenberg in den zwanziger und dreißiger Jahren und eine breite Auswahl von Artikeln aus Omas Küche.

          Seit drei Jahren wird in Eisenhüttenstadt die DDR-Zeit in zwei Ausstellungen dargestellt: Eine befasst sich mit der Kluft zwischen Kirche und Staat in der DDR, die andere mit den Gründerjahren von Stalinstadt. Letztere besteht, passend zur Kluft zwischen Traum und Realität, in der sozialistischen Utopie, hauptsächlich aus Modellen, Plänen, Gemälden, Fotografien und idealistischen Postern. Zu den wenigen gegenständlichen Exponaten gehören die Axt, mit welcher der Industrieminister Fritz Selbmann am 18. August 1950 die erste Kiefer fällte, um Platz für die Großbaustelle des Kombinats zu machen, und das Buch der Stadt, in dem sich der Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, eingetragen hat. Der Direktor des Museums, Hartmut Preuss, sagt, die Ausstellung sei unter der Gründergeneration beliebt und löse Erinnerungen aus an die Stadt, die man gemeinsam erbaut habe. Was früher propagandistisch dargestellt wurde, wird heute historisiert. Stärker als an anderen Orten in Ostdeutschland zeigt sich in Eisenhüttenstadt damit, wie lokale Geschichte von der Geschichte der DDR überformt und daraus nicht zu lösen ist.

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          Als die Stasi-Akten 1992 für die Bevölkerung geöffnet wurden, waren viele Ostdeutsche zum ersten Mal mit einem Text konfrontiert, der einer (Auto-)Biographie ihres Lebens nahekam. Während die offizielle Geschichtsschreibung der DDR das Alltägliche und Persönliche ausließ, wurde hier das kleinste, persönlichste Detail notiert. Aber es ist eine Biographie ohne Subjektivität, von einem Fremden geschrieben - das ist auch das Problem, mit dem die Heimatmuseen der ehemaligen DDR konfrontiert sind. Wie schreibt man vierzig Jahre Geschichte ex post facto, und wie erzeugt man ein lokales Heimatgefühl im Nachhinein? Obwohl die Museen sich vom Schock, den die Wende bedeutete, inzwischen erholt haben, tun viele sich noch schwer, ein Bild der DDR aus heutiger Sicht zu schaffen. Die beschriebenen Museen gehören zu den wenigen, die sich überhaupt mit der DDR befassen.

          Die Heimatmuseen können und wollen kein einheitliches Bild der DDR erzeugen. Dennoch hat man besonders in Orten wie Wittenberge das Gefühl, dass sich die Menschen gemeinsam erinnern möchten anstatt privat. Sie haben ihre Vergangenheit kollektiv erlebt, aber die einzigen Spuren dieser Erfahrung sind in offizieller Propaganda erstarrt, wie etwa in den Gruppenfotos in Wittstock. In vielen dieser Heimatmuseen ist Heimat noch die Welt der Arbeit, die gebaute Welt, und nicht das romantische, regionale Landschaftsidyll des Westens. In einer Zeit, wo sich das kollektive Gedächtnis immer stärker in individuelle Erinnerungen zersplittert, findet man in diesen Museen das letzte Aufflackern eines kollektiven, obgleich schmerzhaft fragmentierten Gedächtnisses.

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