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Heimatmuseen im Osten : Alles original DDR

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Teil eines Gesamtexponats: Modelle von Küchenmöbeln aus dem VEB Holzindustrie Wittstock Bild: Andreas Pein

Nach der Wende mussten die Heimatmuseen in Ostdeutschland entscheiden, wie sie an ein Land erinnern wollten, das es nicht mehr gab. Beispiele zwischen Trauer und Propaganda aus Wittstock, Eisenhüttenstadt und Wittenberge.

          Wer in Eisenhüttenstadt, dieser einst „Ersten Sozialistischen Stadt Deutschlands“, nach dem Weg fragt, wird von den Einwohnern an Punkten entlanggeführt, die es nicht mehr gibt. „Gehen Sie an der alten Schule vorbei, und biegen Sie am Sowjetischen Ehrenmal rechts ab“, sagen sie. Aber dann führt der Weg nur an verlassenen Fabriken, Denkmälern und ehemaligen Gaststätten entlang, und einige der Bauten, an denen man sich orientieren sollte, sind längst abgerissen. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Kluft zwischen der erinnerten und der gegenwärtigen Landschaft in Ostdeutschland an vielen Orten spürbar. Diese Orientierungslosigkeit ist in den Heimatmuseen der ehemaligen DDR, die nach der Wende ihr Geschichtsbild schlagartig ändern mussten, heute noch akut zu fühlen.

          Während der Begriff der „Heimat“ in der Bundesrepublik meist Bilder von idyllischen Landschaften hervorrief und oft mit „Heimattümelei“ assoziiert war, stand er in der DDR für die internationale Ideologie des Sozialismus und die gebaute Welt der Menschen, anstatt unberührter Natur. Heimatmuseen spiegelten daher meist das Geschichtsbild der DDR wider, das lokale und alltägliche Geschichte zugunsten der internationalen in den Hintergrund drängte. Nach der Wende haben es sich einige dieser Museen zur Aufgabe gemacht, aus dem kollektivistischen Heimatbild ein individuelles zu formen. Sie wurden zu Gedächtnis-Laboren, in denen, anders als in den großen Museen, die in nationalen und historischen Debatten gefangen sind, der Prozess des Erinnerns aktiv auf einer lokalen und persönlichen Ebene stattfand. Fast alle standen dabei vor der Frage, wo sie im Nachhinein das Individuelle des Heimatbegriffes herausarbeiten konnten, der zumeist im Kollektiv erlebt worden war. Und wo sie dieses kollektive Erleben von propagandistischen Kontaminationen reinigen mussten, ohne dabei das Zugehörigkeitsgefühl zu zerreißen, auf das es Besuchern eines Heimatmuseums vor allem ankommt.

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          Den Betrieb gibt es immer noch: Waren aus dem VEB Obertrikotagenbetrieb Wittstock „Ernst Lück”

          Im Heimatmuseum Wittstock muss, wer zum Teil der Dauerausstellung will, der die Zeit nach 1945 dokumentiert, zuerst an einer rekonstruierten Handwerkerwohnküche aus dem 19. Jahrhundert und ein paar prächtigen alten Möbeln vorbei, bis er sich in einem kleinen Raum, vollgestopft mit Text-Tafeln, befindet. Die Ausstellung beginnt mit dem schweren Anfang nach der Befreiung vom Faschismus, erläutert im Detail die Bodenreform und dokumentiert mit textlastigen Plakaten und Statistiken die Entwicklung der Industrie, lokaler Betriebe, der SED, der FDJ und lokaler Sportvereine. Die Geschichte Wittstocks spielt eine unbedeutende Rolle. Wenn man den ironischen Kommentar eines australischen Besuchers am Anfang der Ausstellung verpasst, könnte man denken, man sei noch in der DDR.

          Während die meisten Heimatmuseen ihre Ausstellungen zur DDR-Geschichte nach der Wende geschlossen haben, wurde im Heimatmuseum Wittstock dieser Teil der Dauerausstellung seit 1984 nicht verändert. Die Entscheidung, ihn auch nach der Wende so und fast unkommentiert zu erhalten, wurde vom damaligen Direktor, Wolfgang Dost, getroffen und war nicht unumstritten. Seiner Meinung nach dient die Ausstellung heutzutage als pädagogisches Mittel, um Schulgruppen die DDR-Rhetorik beizubringen. „Es ist ein Gesamtexponat“, sagt er.

          Obwohl die Ausstellung nicht an privaten Erlebnissen interessiert ist, erzeugt sie trotzdem persönliche Erinnerungen. Das trifft sowohl auf die Vitrine mit Kleidung des lokalen Obertrikotagenbetriebs zu als auch auf die vielen Gruppenbilder. Ironischerweise scheint die Strategie der DDR-Propaganda, Menschenmassen aufzunehmen, um den Wiedererkennungseffekt im Kollektiv auszulösen, noch heute aufzugehen. Viele Besucher entdecken darauf sich oder Verwandte wieder. „Auf der einen Seite ist es ein Stück politischer Vergangenheit, auf der anderen ein Stück eigener Biographie“, sagt Dost. Die Reaktionen auf die Ausstellung seien anfangs oft negativ gewesen, viele Besucher hätten sie als „sozialistischen Russenkram“ bezeichnet, heute verhielten sie sich eigentlich immer positiv, da man sich „mit der Zeit mehr und mehr distanziert“, wie Dost sagt. Er habe die Ausstellung erhalten, damit sich die Leute ihre eigene Meinung bilden. Statt Urteile zu fällen, habe er Urteile ermöglichen wollen, sagt Dost. Das sei eine bewusste Reaktion auf die DDR-Geschichtsschreibung gewesen. Die Ausstellung aber bleibt ein Fossil, erstarrt in der Sicht der DDR.

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