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Fall des Eisernen Vorhangs : Die Helden von der grünen Grenze

  • -Aktualisiert am

DDR-Bürger bei der Flucht über die ungarisch-österreichische Grenze bei Sopron Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Vor zwanzig Jahren halfen die Ungarn DDR-Bürgern bei der Flucht. Pfarrer Kozma nahm tausende Menschen in seiner Gemeinde auf und Oberstleutnant Bella sah ganz ruhig zu, wie sie am 19. August 1989 seinen Grenzposten überrannten. Jetzt wird gefeiert.

          Ein Held der heldenreichen Zeit war der Priester. Er hat es bis in einen Roman geschafft. „Kozma heißt der Pfarrer“, lässt Ingo Schulze einen jungen Mann sagen und ihn dabei an seinem dünnen rötlichen Bart zupfen. „Ihr müsst nach der Szarvas Gábor út fragen, nach der Kirche und diesem Pfarrer, angeblich kennt ihn dort jeder.“

          Ingo Schulze, der ostdeutsche Schriftsteller, hat aus dem Spätsommer 1989, aus den ostdeutschen Hoffnungen und Sehnsüchten, die mit ihm verknüpft waren, Belletristik gemacht. Jeder hatte von dem Pfarrer gehört, kannte ihn. Nicht nur erfundene junge Männer mit dünnem rötlichem Bart.

          Viel Schulterklopfen, aber sonst nichts

          Die Straße Szarvas Gábor út liegt im 12. Bezirk von Budapest, in Zugliget, einem grünen Stadtteil auf einem der sieben Hügel der Donaustadt. Bessere Leute wohnen dort, die Häuser verkünden es. Die Kirche, die der junge Mann mit dem dünnen Bart empfiehlt, heißt „Zur Heiligen Familie“, und der Pfarrer Imre Kozma ist heute 69 Jahre alt, ein freundlicher, noch immer tatkräftiger Herr, der weiß, dass er zum Lauf der deutsch-deutschen Geschichte beigetragen hat, dass seine christliche Nächstenliebe weltpolitische Folgen zeitigte. Darauf ist er stolz - und auf seine Ungarn.

          Imre Kozma (Mitte) vor einem Überrest der Mauer in Budapest, beim Besuch des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder

          Von den Deutschen dagegen ist er offenbar enttäuscht. „Ja, ja, es gab viel Schulterklopfen, viele Feierlichkeiten“, sagt er. „Abgesehen davon nichts.“ Wobei er sein Bundesverdienstkreuz zum Schulterklopfen zählt.

          Es regnet ohne Unterlass an diesem Tag. Im Kirchgarten tropft es von den Bäumen; das Stück Berliner Mauer und der Trabi, überzogen mit Folien von Zeitungsausschnitten jener Tage, sehen traurig aus. Dabei gibt es dafür wahrlich keinen Grund.

          Schließlich sitzt Pfarrer Kozma drinnen vor einer meterhohen Wand, an der lauter Stoffherzen hängen. Manche ganz in Rot, viele mit anderen Farben abgesetzt, mit Karo-, Streifen- oder Blümchenmuster. „Näht ein Herz!“, hat der ungarische Malteser Hilfsdienst, dessen Präsident Kozma ist, auf seiner Internetseite und über seine Einrichtungen ausgerufen.

          Ungarn mit großem Herz und „Weltpass“

          Sie nähen und nähen - weil der 14. August naht, der „Tag der Aufnahme“. Jedes Jahr feiert die Gemeinde, dass sie am 14. August 1989 die ersten DDR-Flüchtlinge in Zelten in ihrem Garten hat unterbringen können. „Wir feiern uns selbst“, nennt das Kozma. Über Nacht hatten sie auf Bitte des westdeutschen Botschafters Arnot die Zelte aufgestellt, die mobilen Küchen organisiert. Sie nähen auch fürs Jubiläum der ungarischen Malteser. Vor zwanzig Jahren wurde ihr Verband gegründet.

          „Ungarn hat das größte Herz“ lautet daher das Motto. Tausende Herzen sind es schon, sagt Kozma. Bis zum August sollen es noch viel mehr werden, dann sollen sie vor dem Parlament in Budapest aufgehängt werden.

          Die Ostdeutschen, die dem Honecker-Regime entfliehen wollten, kamen in Massen. Etwa 30.000 hielten sich zu jener Zeit allein in Budapest auf. Sie waren überall, belagerten die Botschaft und das Generalkonsulat der Bundesrepublik, campierten in Parks, übernachteten in ihren Autos. Denn sie wussten, dass Ungarn das marode Signalsystem an seiner Westgrenze schon seit Mai abbaute, die elektrischen Warnanlagen abgestellt waren.

          Der Unterhalt war zu teuer geworden, und die kommunistische Partei- und Staatsführung brauchte es nicht gegen das eigene Volk. Die Ungarn konnten ganz legal gehen, wohin sie wollten, sie hatten Reisefreiheit, schon seit Anfang 1988 einen „Weltpass“.

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