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Die Pleite der DDR : Von der Idee, die Mauer zu Geld zu machen

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Die Propaganda der SED hat die DDR zur zehntstärksten Industrienation der Welt hochstilisiert – aber die Realität sah ganz anders aus: Im Herbst 1989 drohte nicht nur der politische, sondern auch der finanzielle Kollaps. In ihrer Hilflosigkeit wollte die DDR sich die Öffnung der Mauer vom Westen bezahlen lassen, um so den Staatsbankrott abzuwenden. Dann kam alles anders.

          Es bleibt das große Geheimnis des Jahres 1989: Wie konnte die Führungsriege der DDR so viele Menschen über Jahre in dem Glauben lassen, hinter der Mauer gebe es eine gesunde, starke Volkswirtschaft? Und warum hat der Westen dieses Märchen geglaubt, um dann umso mehr überrascht zu werden von der Geschwindigkeit, mit der die DDR in sich zusammenbrach? In Wahrheit war die Lage in der DDR so ernst, dass das Politbüro 1989 keinen anderen Ausweg sah, als die Öffnung der Berliner Mauer an den Westen zu verkaufen.

          Die Propaganda der SED hat die DDR zur zehntstärksten Industrienation der Welt hochstilisiert – aber die Realität vor Ort sah ganz anders aus: 16 Jahre musste jemand im Durchschnitt auf ein Auto warten, 25 Jahre auf ein Telefon. Das sagt genug aus über den Wohlstand hinter der Mauer.

          Die Entbehrungen der DDR-Bürger waren dabei nicht so extrem wie in Polen oder Rumänien. Aber die Ostdeutschen verglichen ihren Lebensstandard eben nicht nur mit Ländern des Warschauer Paktes, sondern mit dem der westdeutschen Nachbarn – und der lag deutlich höher. Immerhin konnten 1986/87 in der DDR etwa 100.000 Menschen in 35.000 Häusern nicht genügend heizen. 1988 und 1989 gab es in der DDR kaum noch Fleisch zu kaufen, außer auf dem Schwarzmarkt. Der Versuch, in den achtziger Jahren eine einheimische Mikroelekronik-Technologie aufzubauen, war gescheitert und hatte den Staat Milliarden gekostet, statt wie geplant eine Menge Geld einzuspielen.

          Am Tag nach der Maueröffnung in Berlin: wenige Tage zuvor erbat Schalck-Golodkowski in Bonn noch einen Kredit

          Die staatliche Plankommission warnte: DDR könnte 1991 zahlungsunfähig sein

          Zudem war die DDR massiv verschuldet. Im Oktober 1989 informierte Gerhard Schürer, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, einige Mitglieder des Politbüros über das wirkliche Ausmaß der staatlichen Finanzklemme: Während im Jahr 1970 die Verschuldung im kapitalistischen Ausland lediglich zwei Milliarden Valuta-Mark (eine innerdeutsche Verrechnungseinheit) betragen hatte, war sie 1989 auf 49 Milliarden Valuta-Mark angewachsen. Und die Westverschuldung stieg weiter – Monat für Monat um 500 Millionen Valuta-Mark. Schürer schloss seine Ausführungen mit den Worten, dass „bei Fortsetzung dieser Entwicklung die DDR 1991 zahlungsunfähig ist“.

          Die Führungsriege der SED hat alles darangesetzt, dass diese Informationen nicht nach außen drangen. Und dabei war sie äußerst erfolgreich. Nicht nur die eigenen Bürger blieben über das Ausmaß des Verfalls im Unklaren. Auch der Westen hat die wirtschaftliche Kraft Ostdeutschlands bis zuletzt weit überschätzt. Besonders die Amerikaner haben die Produktivität der DDR viel zu hoch angesetzt. Noch im Jahr 1987 kam der Geheimdienst CIA in seinem „Factbook“ zu dem Schluss, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der DDR 100 Dollar über dem in Westdeutschland liegt.

          Wie der Westen zu einer solch groben Fehldiagnose kommen konnte, gehört zu den größten Rätseln dieser Zeit. So hat Brent Scowcroft, der Sicherheitsberater von Präsident George Bush während der Wende, einige Zeit später erzählt, von den vielen Überraschungen damals habe ihn eines besonders verwundert: wie schwach die Wirtschaft der DDR tatsächlich gewesen ist. Gleichermaßen hat ihn erschüttert, wie die amerikanischen Geheimdienste mit ihren Schätzungen so danebenliegen konnten. Sie hatten die DDR für einen Wirtschaftsgiganten gehalten, dabei war sie ein Gnom.

          Gorbatschow lehnte finanzielle Hilfen für die DDR ab

          Wären die wahren Zahlen vor dem Mauerfall durchgesickert, so hätte die DDR umgehend ihre Kreditwürdigkeit verloren – auch in Bonn, was für die Honecker-Regierung verheerend gewesen wäre. Bei dem Versuch einer deutsch-deutschen Annäherung hat Westdeutschland den Bruderstaat im Osten über Jahre hinweg finanziell unterstützt. Allein die Milliardenkredite aus Bonn von 1983 und 1984 haben den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR noch einmal verzögert.

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