https://www.faz.net/-gpf-14arv

9. November 1989 : Kempowskis kollektives Tagebuch

  • -Aktualisiert am

Walter Kempowski ein Jahr vor seinem Tod Bild: F.A.Z./Helmut Fricke

Walter Kempowskis Aufzeichnungen zum 9. November 1989 sind bekannt. Unbekannt ist, dass er dazu auch ein „kollektives“ Tagebuch angelegt hat - mit Notizen von Schriftstellern, Künstlern und Journalisten.

          3 Min.

          Am Tag nach dem Mauerfall notierte Walter Kempowski: „Warum hat niemand den Choral: Nun danket alle Gott! angestimmt? - Weil niemand mehr den Text kennt. - Aber woher kennen sie den Schlager: So ein Tag so . . . ?“ Laut dem Schlager soll ein Tag, „so wunderschön wie heute, nie vergeh'n“. Das hatte Faust auch schon gesagt: „Verweile doch, du bist so schön.“ Schreibt das der ehemalige Schulmeister, der erneut feststellen muss, dass seinen Landsleuten die Bildungstradition abhanden gekommen ist? Ihm ging es nicht um Noten - Kempowski suchte nur nach dem angemessenen Ausdruck für ein Ereignis, dem die bloße Freudenbekundung und die beliebte Frage, wo man damals war, nicht gerecht werden. Er verlangte nach metaphysischer Einordnung, die Demut erzwingt.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Deswegen fährt Kempowski am 11. November 1989 nach Lübeck, in die Stadt Thomas Manns und Willy Brandts: „Ich ging aus Dankbarkeitsgründen schließlich in den Dom“, in dem außer ihm kein Mensch ist. Viele seiner Notizen zeigen einen religiösen Einschlag. Dass er ein Ehepaar aus Schwerin aufgabelt und ins Café Niederegger einlädt, beschreibt er wie die Weihnachtsgeschichte: „Wir konnten keinen Platz finden in der Herberge.“

          Konsequenz seines manischen historischen Gespürs

          Kempowskis Tagebuchnotizen zum 9. November 1989, den er wie die meisten Bundesbürger vor dem Fernsehapparat verbrachte, sind bekannt; sie finden sich in dem Band „Alkor“. Unbekannt ist indes, dass er dazu auch ein „kollektives“ Tagebuch angelegt hat, für das er die persönlichen Aufzeichnungen von rund dreißig Schriftstellern, Künstlern und Journalisten sammelte. Die meisten davon sind publiziert, so etwa von Ernst Jünger, Christoph Hein, Julian Green, Johannes Gross und Horst Teltschik; andere, wie die von Jürgen Becker und Dieter Wellershoff blieben unbekannt. Kempowski hatte dem Ganzen, das die „Welt am Sonntag“ nun auszugsweise abgedruckt hat, den Arbeitstitel „Whispering. Ein kollektives Tagebuch von 1989“ gegeben.

          Die Publikation des tausendseitigen Manuskripts, das in der Berliner Akademie der Künste verwahrt wird, sei, wie die „Welt am Sonntag“ insinuiert, Kempowskis Verlag Knaus „als riskant“ erschienen. Dort war am Sonntag niemand zu erreichen. Aber nicht die Existenz der Notate ist bemerkenswert, sondern die Tatsache, dass Kempowski mit ihnen offenbar sein gewaltiges, dem Zweiten Weltkrieg gewidmetes „Echolot“-Projekt im Kleinen wiederholen wollte. Wenn es richtig ist, was Stefan Aust seinerzeit sagte, dass nämlich mit der Grenzöffnung der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen sei, dann muss uns dieses neuerliche Dokument Kempowskischer Sammelwut nicht als persönliche Schrulle, sondern als Konsequenz seines manischen historischen Gespürs erscheinen: „Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe zu retten, was zu retten ist.“

          Den heute Alten hält niemand den Mund zu

          So heißt es im Vorwort zum „Echolot“, das fortfährt: „Wir sollten den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen.“ Aus der Banalität, dass wir nun alle zwanzig Jahre älter und viele der damals Beteiligten wirklich alt sind, folgt, dass der Abstand, der uns vom Mauerfall trennt, schon fast halb so groß ist wie die Distanz, die Kempowski vom Kriegsende trennte, als er sein „Echolot“ begann. Den heute Alten hält niemand den Mund zu; aber wenn man sie fragt, äußern sie sich oft nur unter zwei Aspekten: wer es immer schon gewusst und darauf hingearbeitet habe, dass die Mauer fallen würde; und wer sich darüber zu wenig gefreut habe.

          Beides scheint heute müßig; es suggeriert, dass es so etwas wie eine einzige Perspektive gibt, die Staatsräson werden kann. Kempowski hat ihr misstraut und sich sozusagen auf die Lauer gelegt, um möglichst viele Stimmen einzufangen und daraus eine kollektive, in sich höchst widersprüchliche Erinnerung zu fertigen. So sehen wir, dass am Tag nach der Grenzöffnung ein NVA-Soldat von der „Vorbereitung zum Einsatzbefehl“ spricht, andere zaghaft schon das Wort „Wiedervereinigung“ wagen und Ulrich Schacht, der wie Kempowski in DDR-Haft saß, eine gesamtnationale Bewährung kommen sieht: „Es ist unsere Pflicht zu beweisen, dass auch achtzig Millionen Deutsche nicht automatisch zur kollektiven Bestie werden, nur, weil man sie nicht mehr teilt.“

          Kempowski wusste, dass auf den einen Erzähler, von dem die literarische Öffentlichkeit womöglich immer noch den Wenderoman erwartet, kein Verlass sein würde. Auch nach dem Mauerfall blieb er Skeptiker, der dem allgemeinen Stimmengewirr diese Erkenntnis entnahm: „Die Definition des Humanen wird unscharf.“ Die Stimmung von damals, der eine Augenblick lässt sich nicht konservieren. Nur Sorgfalt schärft den historischen Sinn - durch jenes Aufbewahren, in dem Kempowski Meister war: „Die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.