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20 Jahre nach dem Mauerfall : Kohls langer Schatten

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Und Kohl? In die Tagespolitik seiner Partei mischt er sich längst nicht mehr ein. Einmal hat er mit Angela Merkel nach der Bundestagswahl telefoniert. Abgesehen von der Begegnung am Samstag, ist ein Treffen mit der einst von ihm auf die politische Bühne gehobenen Frau nicht vorgesehen.

Das politische Erbe Kohls erdrückt die CDU nicht, wie es im Falle Brandts mit der SPD geschieht. Dabei gibt es schon ein Denkmal des Kanzlers der Einheit. Es steht in Berlin. Vier Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft, im November 2002, startete Kohl mit dem Unterfangen, sich zu Lebzeiten unsterblich machen zu lassen. Er ließ den französischen Bildhauer Serge Mangin in sein Berliner Büro Unter den Linden kommen. Mangin hat ein Buch über die Entstehung der Büste veröffentlicht, in dem er minutiös die Zusammenarbeit mit Kohl beschreibt.

Am Abend des Tages der ersten Begegnung mit dem Künstler sagt nicht etwa Kohl, wie das Porträt aussehen soll, sondern Juliane Weber, seine Vertraute, fragt: „Herr Mangin, wie stellen Sie sich das Porträt von Herrn Dr. Kohl vor?“ Und Mangin antwortet: „Überlebensgroß, wenn es sein muss, sogar mit der Tendenz zum Kolossalen, aber subtil im persönlichen Ausdruck.“

Die Geschichte geht in Oggersheim weiter. Nur in Helmut Kohls Garage ist der geeignete Platz, um an der großen Büste zu arbeiten. Hier achtet ein anderer enger Vertrauter Kohls, sein Fahrer Ecki Seeber, darauf, dass eine Glorifizierung Kohls vermieden wird. Zufrieden sieht er zu, wie Mangin mit einem Küchenmesser zehn Zentimeter vom Gipsentwurf der Büste abnimmt, um sie ihrer Monumentalität zu berauben. „Ein Denkmal entsteht“ heißt Mangins Buch. Einer seiner – wohlwollenden – Kritiker nennt Kohl damals „eine Legende im Wartestand“.

Kohls Büste dominiert anders als die Brandts nicht die CDU-Zentrale. Sie steht vielmehr ein Stück entfernt vom Regierungsviertel in der Axel-Springer-Passage an der einstigen Kochstraße. Kohl kämpfte für die deutsche Einheit, für die Hauptstadt Berlin, für den Umzug der Regierung. Jetzt, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so oft kommen kann, steht seine Büste seit zwei Jahren da, wo Berlin authentischer ist als im Regierungsviertel, das das ganze Jahr über von Touristen überflutet wird.

Es ist kein besonders würdiger Platz. Kohls Büste ist eingeklemmt zwischen einem Betonpfeiler und einer Holzwand, die die Abtrennung zu einer Bar darstellt. Sucht man die Büste und fragt in einem der umliegenden Schnellrestaurants, so kann die Antwort heißen: „Was? Die Kohl-Wüste?“ – „Nein, Büste.“ – „Na, hier jedenfalls nicht.“ Die Menschen eilen an dem Werk vorbei, Pappbecher mit Kaffee in der Hand, weinende Kinder im Schlepptau. Kohl mitten im Leben.

Noch einmal in der Mehrheit

Und mitten in seiner Partei? Joachim Hörster, CDU-Mann aus Rheinland-Pfalz und Bundestagsabgeordneter seit 1987, sitzt in seinem Berliner Abgeordnetenbüro, spricht über die neue Regierung. Hörster kennt Kohl, war von 1992 bis zum Jahr 2000 Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, kennt ebenso Angela Merkel. Dass Kohl eine besondere Rolle in der jetzigen schwarz-gelben Konstellation spielte, sein Politikstil gar imitiert würde, erkennt er nicht: „Angela Merkel wird als Ministerin im Kabinett Kohl schon manches über die Zusammensetzung einer Regierung gelernt haben. Aber sie kupfert keineswegs Kohl ab. Sie macht es einfach so, wie es ein Kanzler macht.“ Die CDU sei keine ideologische Partei. Sie reagiere vielmehr auf unterschiedliche Umstände und Entwicklungen mit pragmatischer Politik.

Wenn Merkels Vorgehen jetzt manchmal an das Kohls erinnert, so könnte man den Spieß auch umdrehen und sagen, Kohl hätte es nicht anders als Merkel gemacht. Hörster sagt, in der Finanzkrise wäre das vermutlich so gewesen. Und weiter: „Wahrscheinlich hätte Helmut Kohl auch ein Elterngeld eingeführt, wenn er jetzt noch regiert hätte. Die Entscheidung für ein solches Elterngeld ist ja nichts anderes als die Konsequenz aus bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen, die die CDU zur Kenntnis genommen hat.“

Am Samstag, im Friedrichstadtpalast, ist Kohl noch einmal in der Mehrheit. Nur zwei Minister aus dem Kabinett Merkel sind gekommen. Gleich vier von Kohls ehemaligen Ministern sind da. Genaugenommen sogar fünf, zählt man Angela Merkel mit.

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