https://www.faz.net/-gpf-pj7e

15 Jahre danach : „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

  • -Aktualisiert am

Begrüßung mit Bruderkuß: Gorbatschow und Honecker Bild: dpa

Nach seinem DDR-Besuch vor 15 Jahren wurde Gorbatschow überall mit dem Jahrhundertspruch zitiert. Doch der historische Satz war auf keiner Aufnahme zu finden. Wer hat ihn wirklich gesagt?

          6 Min.

          Der 40.Geburtstag der DDR, damals, vor ziemlich genau fünfzehn Jahren, war ein eher unglücklicher: Dem Staat lief gerade das Volk weg. Züge mit Hunderten von Flüchtlingen aus der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag rollten durchs Land. Tag für Tag krochen junge Leute in Ungarn durch einen aufgeschnittenen Zaun in den Westen.

          Derweil sangen in der Volkskammer alte Männer mit Arbeiterliedern gegen den Wind des Wandels an, als könnte das noch helfen. Zum Staatsgeburtstag kam Michail Gorbatschow nach Ost-Berlin. Was würde er sagen bei seinem Besuch im Frontstaat, fragte sich die Welt. Doch als der Kreml-Chef wieder abreiste und überall mit den Worten „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zitiert wurde - und diese Worte eine gewaltige Wirkung entfalteten -, da war Gorbatschows Jahrhundertspruch auf keinem Tonband, keiner Filmrolle zu finden.

          „Er kam direkt auf uns zu“

          Wie also ist er in die Welt gekommen? Der 6.Oktober 1989 war ein klarer Herbsttag. Die Limousine des sowjetischen Staatsgastes rollte durch ein leer geräumtes Ost-Berlin, dessen Boulevards jetzt noch breiter aussahen als sonst. Gruppen jubelten am Straßenrand, manchmal rief jemand „Gorbi“, und Fahnen wehten. An der Neuen Wache unter den Linden stoppte die Wagenkolonne. Und dann: Nach der Kranzniederlegung für die Opfer des Faschismus trat Gorbatschow vor das Mahnmal und nahm überraschend Blickkontakt mit der Kamera der ARD auf.

          „Er kam direkt auf uns zu“, erinnert sich Claus Richter, damals bei der „Tagesschau“, an soviel Reporterglück. Hatte es das schon mal gegeben - einen Sowjetführer, der vor der Westpresse spontan eine Erklärung abgibt? Es war ein langes Statement. DDR-Dolmetscher Arno Lange übersetzte im Hintergrund, aber an die genauen Worte erinnerte sich, wie so oft beim Fernsehen, nachher niemand mehr.

          Alles passierte zur gleichen Zeit

          Sondern an Gorbatschows pochende Schläfen, den malenden Unterkiefer - an die eigene Gänsehaut beim Gefühl, daß sich in diesem Moment die Geschichte ballte und man zusah. Die Szene an sich war die Botschaft. Ungefähr 30 Millionen Zuschauer sahen die Sternstunde am Abend in der „Tagesschau“. Am Tag danach, am 7. Oktober, passierte alles zur gleichen Zeit. Während der Staatsbesuch nach sozialistischem Prunkritual ablief, sammelten sich auf den Straßen die ersten Demonstranten.

          Auch lagen die Spannungen zwischen Hardliner Honecker und Reformer Gorbatschow jetzt offen. Am Vormittag nahmen die beiden gemeinsam die Truppenparade ab, aber nachher war Gorbatschow im DDR-Fernsehen am Bildrand immer mal wieder abgeschnitten. Grauenvoll muß die Stimmung um die Mittagszeit beim Vier-Augen-Gespräch der beiden und bei der Sitzung mit dem Politbüro im Schloß Niederschönhausen gewesen sein.

          In der DDR ein Fanal

          Am Nachmittag saßen die Cutter beim ostdeutschen Fernsehen in Adlershof und schnitten die provozierenden „Gorbi“-Rufe aus den Filmen. Als der russische Staatschef gegen Abend beim Festakt seine Toasts auf die DDR ausbrachte, begannen die großen Demos ganz in der Nähe am Alexanderplatz. Die ersten Kommentatoren im Westen zeigten sich enttäuscht über die Zurückhaltung des sowjetischen Staatschefs, da stand plötzlich in allen Medien dieser Satz: „Wer zu spät kommt...“ wurde ein Schlüsselwort zur deutschen Einheit - der Anfang vom Ende der DDR.

          Weitere Themen

          Biden: Welt muss zusammenhalten Video-Seite öffnen

          Rede bei UN : Biden: Welt muss zusammenhalten

          In seiner ersten Rede als Präsident vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sagte Biden am Dienstag in New York, die Welt müsse niemals wie zuvor zusammenarbeiten, um die globalen Herausforderungen zu meistern.

          Topmeldungen

          Idar-Oberstein: Blumen und Kerzen sind vor der Tankstelle aufgestellt, in der ein Angestellter erschossen wurde.

          Idar-Oberstein : Allgegenwärtige Enthemmung

          Aus den widerlichen Reaktionen im Netz ist nicht auf das Tatmotiv in Idar-Oberstein zu schließen. Man muss aber nicht nach Idar-Oberstein schauen, um zu wissen, dass jeder „Extremismus“ in Bestialität enden kann.
          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 7. September in Paris

          U-Boot-Streit mit Amerika : Warum Frankreich den Eklat herbeiführte

          Im U-Boot-Streit mit Amerika, Großbritannien und Australien hat Paris seine Botschafter aus Washington und Canberra zurückberufen. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklären beide die Hintergründe und, wie sich die NATO aus ihrer Sicht ändern muss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.