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15 Jahre danach : „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

  • -Aktualisiert am

Ein Orakel, das sich später gegen Erich Honecker selbst wenden konnte? „Die Atmosphäre“, sagte Helmut Ettinger in einem späteren Interview, „war nicht so, daß man Klartext hätte reden können.“ Außerdem: Alles, was im Politbüro passierte, war geheim. Hatte etwa ein Russe diese Worte nach draußen getragen?

Ein paar Stunden nach Gorbatschows Auftritt vor dem Politbüro dann, gegen 18 Uhr, gab Gennadi Gerassimow, persönlicher Sprecher des sowjetischen Staatschefs, eine informelle Pressekonferenz, bei der zwei Welten aufeinanderstießen: Nomenclatura auf „spin doctor“. In der DDR herrschte noch der klassische Betonstil.

Formuliert hat in Gerassimow

Gerassimow dagegen hatte für Gorbatschows Reformen mit dem Sinatra-Lied „My Way“ geworben und den Spruch „Malta ist nicht Jalta“ erfunden. Bei dieser Pressekonferenz fiel der Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zum ersten Mal, und er fiel auf englisch und wahrscheinlich auf russisch. Formuliert hat ihn Gerassimow.

Die deutsche Übersetzung stand um halb sieben abends in einer Meldung der AP, drei Minuten später in einer der dpa. Wie das Wort zustande kam, läßt sich nur zusammenpuzzeln. Gerassimow hatte sich vor die zufällig hier auf Nachrichten wartenden internationalen Presseleute gestellt und ihnen erzählt, worum es bei den Gesprächen zwischen Gorbatschow und Honecker gegangen war.

Ein russischer Soundbite

„Es war irgendwo draußen, wahrscheinlich vor dem Staatsratsgebäude“, erinnert sich Jürgen Metkemeyer, damals AP-Korrespondent und jetzt stellvertretender Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, und sieht sich noch stehen mit Lederjacke und Kassettenrecorder. Er glaubt, daß die griffige Übersetzung des historischen Satzes im sprachlichen Pingpong unter Journalisten entstand, ein Gemeinschaftswerk, so einigen sie sich oft auf Statements.

Das Band löschte er am Anfang der folgenden Woche, es schien nicht wichtig. Heinz Joachim Schöttes, von dem die dpa-Meldung stammt, weiß noch, daß er den Spruch übersetzt hat, aber wo und wann, das ist aus seinem Kopf verschwunden. Gerassimow wußte, was Journalisten brauchen: einen Soundbite. „Ich glaube, Sie wollen das genau von mir wissen“, sagte der sowjetische Außenamtssprecher laut „Chicago Tribune“ und kündigte ein Zitat von Gorbatschow an, das sein Treffen mit Honecker charakterisiere.

„Das hat der Gerassimow zu Ende gedacht“

Und dann kommt es: „Those who are late will be punished by life itself.“ Das höre sich an wie aus einem Glückskeks gezogen, kommentierte der amerikanische Reporter weitsichtig, aber im Kontext osteuropäischer Gipfel seien dies starke Worte. Als die Reporter genau wissen wollten, auf wen sich die Kritik bezogen habe, antwortete Gerassimow sibyllinisch: „Wir sprachen über unsere eigenen Erfahrungen. Aber Journalisten interpretieren die Dinge.“

Er hatte erreicht, was er wollte: Die Botschaft vom entschlossenen Reformer, die Gorbatschow selbst nicht deutlich machen konnte bei seinem Besuch, wurde überall verstanden. Vor gar nicht so langer Zeit machte Michail Gorbatschow auf die Frage, wie es gewesen sei mit dem Zitat, das in Deutschland eine so große Rolle gespielt habe, seinem ehemaligen Sprecher ein Kompliment: „Das hat der Gerassimow zu Ende gedacht.“

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