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15 Jahre danach : „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

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Wenn man sich die Worte entspannt betrachtet, dann sind sie einfach eine betuliche Spruchweisheit. Damals aber war es, als habe alle Welt auf den Spruch gewartet. Die Medien brauchten ihn, denn dies war die einzige griffige Formulierung in einem Meer von diplomatischen Konjunktiven. Und in der DDR war er ein Fanal. Der erste Dissens zwischen der DDR und der Sowjetunion. Ein Signal zum Aufbruch, ausgerechnet von der Besatzungsmacht.

Geheime Botschaft

Da die Ostdeutschen Weltmeister waren im kryptischen Lesen, entdeckten sie dazu noch die geheime Botschaft, daß die sowjetischen Panzer in der Kaserne bleiben würden. Bei dieser davongaloppierenden Geschichte fragte erst mal niemand, wann der russische Staatsmann den Satz fürs Geschichtsbuch denn gesagt hatte. Für das kollektive Gedächtnis war das ohnehin klar: Natürlich da, wo wir ihn alle im Fernsehen gesehen hatten - bei seinem Auftritt vor der Neuen Wache.

Anfangs protestierte Claus Richter, der Mann, der den „Tagesschau“-Beitrag gedreht hatte, noch dagegen und zeigte ihn zum Beweis einem Kollegen von der dpa. Schau her, die Worte sind so nicht gefallen. Schließlich benutzte er sie selbst, mit schlechtem Gewissen. Auch Arno Lange, der Gorbatschow vor der Neuen Wache übersetzt hatte, wehrte sich vergeblich, wenn Freunde, Kollegen, Nachbarn behaupteten, die berühmten Worte seien aus seinem Mund gekommen.

Reform-Mantra

Später hatte Lange Gelegenheit, den Film von der Neuen Wache zu sehen. Er hatte sich nicht getäuscht. Der Kernsatz hieß „Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“ und glich dem gesuchten nur von fern. Der Filmschnipsel machte seine eigene Karriere. Im Deutschen Fernseharchiv in Berlin wurde er hinter Gorbatschows Ankunft auf dem Ost-Berliner Flughafen einsortiert - und dieser Ankunft fortan zugerechnet.

Etliche Fernsehdokumentationen gaben die Erkenntnis weiter, der Merksatz sei in Schönefeld gefallen. Bücher, Aufsätze, Zeitungsartikel schreiben das geflügelte Wort der freien Übersetzung eines Dolmetschers zu: eine Phantom-Arbeit also. Wenn schon nicht vor der Neuen Wache, dann bei den Gesprächen in Niederschönhausen. Tatsächlich wiederholte Gorbatschow vor Honecker und der ostdeutschen Führungsriege fünf-, sechsmal sein Reform-Mantra.

Wir haben in der Sowjetunion die gleichen Probleme

Der Text seiner Rede wurde vier Jahre später veröffentlicht. Der Kreml-Chef argumentiert darin leicht philosophisch mit dem Leben, das Verspätungen bestrafe, was nicht so richtig marxistisch war im Sinne des Vollzugs der Geschichte, aber sehr diplomatisch, und verband das Ganze mit einer Selbstkritik: Wir haben in der Sowjetunion die gleichen Probleme.

Wortwörtlich übersetzte Helmut Ettinger, Star-Dolmetscher der DDR: „Ich halte es für sehr wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chance zu vertun... Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“ Das ist nahe dran am gesuchten Wort. Aber kann sich jemand vorstellen, daß ein Dolmetscher in einem hochbrisanten Gespräch zwischen zwei Ostblock-Chefs die Chuzpe besessen hätte, daraus den flotten Spruch „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zu machen?

Nomenclatura trifft auf „spin doctor“

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