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11. März : Schock in Spanien: Die Anschläge in Madrid

Zerstörter Waggon: Verheerende Folgen von Bomben mit gewaltiger Sprengkraft Bild:

Der Al-Qaida-Terror nahm Europa in Visier: Bei den Anschlägen am 11. März auf vier Madrider Vorortzüge wurden 191 Menschen getötet und über 1.500 verletzt. Das Drama beeinflußte auch die spanische Wahl.

          6 Min.

          Daß die Tage zwischen dem 11. und dem 14. März 2004, von den Madrider Bombenanschlägen bis zu den Parlamentswahlen, in der jüngeren spanischen Geschichte als außergewöhnliche, hochdramatische Zeitspanne erscheinen werden, steht außer Frage. Nachdem die internationalen Geostrategen das Ergebnis routiniert abgehakt haben und dazu übergegangen waren, sich mit den mutmaßlichen Folgen für die westliche Allianz gegen den Terrorismus zu beschäftigen, brauchte Spanien lange, die Vorgänge zu verstehen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die groben Linien scheinen klar erkennbar zu sein, doch manches bedarf der Klärung. Wie konnte das alles geschehen? Welcher Teufel ritt die Regierung? Was erklärt die Kräfte, welche die Menschen am 11. März in Entsetzen und Trauer, am 12. März zur größten Massenkundgebung des Landes auf die Straßen und am 14. März in Scharen an die Wahlurnen getrieben haben?

          Pannen und Dummheiten

          Nach der Wahl griffen die großen Tageszeitungen den Zeithistorikern vor und lieferten minutiöse Chronologien der Ereignisse. Die staunenswerte Kette der Fehler in der Informationspolitik der spanischen Regierung ist also lückenlos dokumentiert und legt nur die Frage nahe, wie so viele Pannen und Dummheiten in die Frist von gut zweiundsiebzig Stunden passen konnten - von den sofort als parteiisch erkennbaren, aber nicht faktengestützten Mutmaßungen des Innenministers Ángel Acebes über das Motto der Großdemonstration, in welchem mysteriöserweise das Wort „Verfassung“ auftauchte, bis zu einer kurzfristigen Programmänderung im staatlichen spanischen Fernsehen, durch die ein - bisher anonymer - Verantwortlicher den regierenden Konservativen mit einem Dokumentarfilm über Eta Schützenhilfe leisten wollte und sie nur noch tiefer in den Sumpf zog.

          11. März 2004: Drei Tage vor der Wahl sterben in Madrid 190 Menschen bei einem Terroranschlag.

          Da das Management der Volkspartei in den Augen der Weltöffentlichkeit aber so gründlich im Sumpf steckt, daß jegliches Überpudern sinnlos ist, mag die Frage erlaubt sein, ob die Regierung gelogen hat. Auch wenn die Antwort darauf an den Wahlurnen keine Bedeutung mehr hat, sie gehört in die Geschichtsbücher.

          Ein moralischer Unterschied

          Es ist ein moralischer Unterschied, ob der Regierungschef und sein Innenminister unter falschen Annahmen gehandelt haben und (parteiischen) Wunschvorstellungen nachgejagt sind, ob sie mit Formulierungen taktiert, die Ereignisse in ein anderes Licht gerückt, die Indizien zum eigenen Vorteil gedeutet und in wachsender Verzweiflung nur noch die Chance gesehen haben, sich über die Ziellinie des Wahlsonntags zu retten - oder ob sie der Bevölkerung bewußt Lügen aufgetischt haben.

          Und ebendieses Wort, „Lügen“, im Plural, erschien am Sonntag wieder in einem Leitartikel von „El País“. Ein hartes Wort, das niemand gern an seiner Reputation kleben sieht. „Lügner“, so skandierten am vorletzten Samstag auch einige tausend Demonstranten vor dem Sitz der Volkspartei im Zentrum von Madrid.

          Wer soll gelogen haben?

          Doch der Vorwurf der Lüge ist von den Ereignissen zwischen dem 11. und dem 14. März nicht gedeckt. Wenn gelogen wurde, muß es einen Lügner geben. Wer also soll gelogen haben?

          Innenminister Acebes? Nein, er sagte nur öffentlich, was er andere glauben machen wollte, vermutlich sogar selbst glaubte, und stand schon tags darauf als traurig begossener Pudel da.

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