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Philosophie : Und sie vergeht doch

Das Verrinnen der Zeit sei eine Illusion, sagen viele und berufen sich dabei auf die moderne Physik - zu Unrecht, wie der Philosoph Tim Maudlin meint.

          6 Min.

          Man stelle sich vor, auf einer Astronomentagung lege jemand eine Folie mit dem Satz "Die Erde ist eine Scheibe" auf den Projektor. So ähnlich muß es vielen der Physiker und Philosophen vorgekommen sein, die sich Ende vergangener Woche am Potsdamer Einstein-Forum zu einer Konferenz zum Thema "Zeit" trafen. War da an der Wand des Vortragssaales doch folgendes zu lesen: "Die absolute Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer eigenen Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand." Das Zitat stammt aus dem Gründungsdokument der mathematischen Physik, Isaak Newtons Philosophiae naturalis principia mathematica aus dem Jahr 1687. Ein ehrwürdiges Werk, aber gerade diese Stelle gilt heute als ausgesprochen anstößig. Nein, werden sich viele Tagungsteilnehmer gedacht haben, das kann er unmöglich ernst meinen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tim Maudlin meint es ernst. "Ich weiß, bei solchen Äußerungen drehen Philosophen gewöhnlich durch", sagt der Wissenschaftsphilosoph von der Rutgers University in New Jersey, "aber ich glaube in der Tat, daß Newton in einem Punkt recht hatte: Es ist ein fundamentales, irreduzibles Faktum der Struktur der Welt, daß die Zeit vergeht." Das Vergehen der Zeit ist für Maudlin eine Asymmetrie der Wirklichkeit, die sich von anderen Asymmetrien (etwa räumlichen wie der des Oben und Unten im Schwerefeld eines Planeten) dadurch unterscheidet, daß sie unumkehrbar ist: Zeit hat nur eine Richtung. Und diese Asymmetrie ist nach Maudlin fundamental, also nicht auf Naturgesetze oder philosophische Prinzipien rückführbar.

          Kant und Newton

          Damit legt sich der junge Professor nicht nur mit den meisten seiner Fachkollegen an, sondern mit fast allen Geistesgrößen, die je über die Zeit nachgedacht haben. So waren für Parmenides von Elea (etwa 515 bis 445 vor Christus) alle Veränderungen, die wir an der Welt und uns selber wahrnehmen, nur Schein. Aristoteles stellte die Realität des Wandels zwar nicht in Frage, hielt die Zeit aber für etwas Abgeleitetes: Ohne Dinge, die sich bewegen, gibt es keine Zeit. Unter Physikern dürfte diese Auffassung in der Form "Zeit ist das, was Uhren messen" auch heute vorherrschen, während Philosophen es meist mit Immanuel Kant halten. Der bewunderte Newton sehr, mochte aber auch nicht glauben, es könne Zeit "ohne Beziehung zu einem äußeren Gegenstand" geben. Bei Kant ist es unser Wahrnehmungsapparat, mit dem wir die Zeit in die Welt hineintragen.

          Für Tim Maudlin ist keines dieser Konzepte zwingend. Und von den Einwänden, die gegen die Realität des Vergehens der Zeit gewöhnlich vorgebracht werden, sei keiner stichhaltig, sagt er - und begründete es in seinem Potsdamer Vortrag eindrucksvoll. Etliche beruhen sowieso auf Mißverständnissen. Etwa das Argument, Fließen sei doch eine Bewegung von etwas während eines Zeitabschnitts, weshalb ein Fließen der Zeit eine Art Zeit zweiter Ordnung voraussetze, die dann ihrerseits erklärt werden müsse. Aber es geht ja um Vergehen, nicht um Fließen oder Bewegen. "Flüsse fließen und Lokomotiven bewegen sich" sagt er, "aber eben nur, weil die Zeit vergeht."

          Wider die Relativitätstheorie?

          So sehr das einleuchtet, vielen erscheint die These deswegen falsch, weil sie glauben, sie widerspräche der modernen Physik. Tatsächlich erwies sich die Vorstellung einer an allen Orten simultan ablaufenden (und in diesem Sinne absoluten) Zeit als unvereinbar mit Einsteins Relativitätstheorie. Einstein konnte zeigen, daß der Zeitpunkt, an dem ein Beobachter etwa einen Blitz registriert, davon abhängt, mit welcher Geschwindigkeit er sich relativ zum Ort des Gewitters bewegt. Verschiedene Beobachter werden auf ihren mitgeführten Uhren daher für den Zeitpunkt des Blitzes verschiedene Uhrzeiten ablesen. Da aber kein Beobachter eine privilegierte Stellung hat (auch der nicht, der relativ zum Blitz ruht), ist es unmöglich zu sagen, wann es nun "wirklich" geblitzt habe.

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