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Otto Rehhagel wird 75 : Der Fußball-Extremist

  • -Aktualisiert am

Jubilar: Otto Rehhagel wird 75 Bild: dpa

Ein Trainerleben erster Klasse: Otto Rehhagel feiert nach Europameistertiteln, Pokalsiegen und Meisterschaften am Freitag sich selbst. Der Meistertrainer wird 75.

          Vor mehr als einem Jahr stand Otto Rehhagel zum letzten Mal im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Sein Versuch, Hertha BSC vor dem Abstieg aus der Fußball-Bundesliga zu bewahren, endete mit einem Skandal, für den er nichts konnte. Im Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf stürmten die euphorisierten Fans der Rheinländer den Platz, die sportlich unterlegen Berliner versuchten über einen Protest das Ergebnis in ihrem Sinne zu korrigieren. Auch das funktionierte nicht. Hertha stieg ab, Rehhagels große Karriere endete traurig. In den letzten drei Monaten seines Schaffens hatten seine Methoden nicht mehr viel bewirkt und auch bei seinem Auftritt vor dem DFB-Sportgericht, wo er als Zeuge für ein Urteil zugunsten seiner Berliner kämpfte, machte er keinen souveränen Eindruck mehr.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Seitdem ist es ruhig geworden um Otto Rehhagel. Nicht, dass er von der Bildfläche verschwunden wäre. Erst am vergangenen Dienstag beehrte er seinen Heimatverein Rot-Weiss Essen, der seine neue Tribüne mit einem Freundschaftsspiel gegen Werder Bremen einweihte, den Klub, mit dem Rehhagel seine größten Erfolge feierte. Aber die große Bühne ist seine Sache nicht mehr, und, richtig bedacht, war sie es nie. Nur musste er 74 Jahre alt werden, bis es alle bemerkten. Denn Otto Rehhagel ist ein Phänomen.

          Aus kleinen Verhältnissen stammend, hielt er sich über Jahrzehnte in der großen Fußballwelt, mal charmant und humorvoll, meist aber grummelnd, grantelnd und mürrisch. Er hatte Erfolg, weil er etwas vom Fußball und von den Menschen versteht und weil ihm ein Wertesystem eine Basis bot, auf der er ruhte und mit der er seine Spieler für sich einnahm. Er grummelte und grantelte, weil ihm das Scheinwerferlicht und der Glanz suspekt waren und die vielen Leute im Geschäft, die wenig Ahnung vom Fußball haben, vor allem die Verkäufer.

          „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“

          Otto Rehhagel lieferte in seiner Karriere mehr Kernsätze und Sprüche als jeder andere Fußballtrainer. Manche Aussagen triefen von Weisheit, mal tiefer, mal schlichter Natur. Manche Sätze streifen den Tatbestand der Plattheit, manche sind einfach nur peinlich. Alle waren sie Ausdruck seines Charakters. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“ „Geld schießt keine Tore.“ „Modern spielt, wer gewinnt.“ Wer kann ihm da nicht Recht geben? Sein Selbstbewusstsein vermochte Rehhagel durchaus auch in selbstironische Bemerkungen zu kleiden: „Jeder kann sagen, was ich will.“ „Die Entscheidungen, die ich treffe, sind immer richtig.“ Aber nicht immer traf er den Ton.

          Kind der Bundesliga: Otto Rehhagel 1963 im ersten Bundesligajahr im Trikot von Hertha BSC Bilderstrecke

          Über seine Erfolge mit den griechischen Nationalspielern sagte er: „Früher taten sie, was sie wollten, jetzt tun sie, was sie können.“ Auch seine Beschreibung deren Mentalität war nicht politisch korrekt: „Gewinnen die Griechen einmal, werden sie gleich Europameister, verlieren sie zweimal, stürzen sie sich ins Meer.“ Was vielen als Tiefpunkt Rehhagel‘scher Formulierungskunst vorkommt, ist nichts weiter als ein großes Kompliment an seine Frau Beate und Zeichen seiner Unbedarftheit: „Das beste Trainingslager, sage ich immer, ist die eigene Frau.“ Als Rehhagel das sagte, war er 26 Jahre alt und noch Spieler.

          Respekt und Zuneigung

          Mit seiner Beate ist Otto noch immer glücklich verheiratet. Und die Griechen haben ihn auch nicht aus dem Land gejagt, sondern zum Volkshelden erkoren. Nicht nur, weil er 2004 deren Nationalmannschaft zum Europameistertitel führte, sondern weil sie von der Herzensgüte, der Ehrlichkeit, Loyalität und Solidarität des Deutschen betört waren. Rehhagel ist Ehrenbürger Athens und begleitete eine Delegation des deutschen Parlaments im vergangenen März nach Griechenland, um die Beziehungen zu verbessern. Die Aktion wurde als voller Erfolg bewertet.

          Der andere Rehhagel klingt so: „Ihre Gedanken, die Sie jetzt haben, die kenne ich. Ich bin viel älter als Sie. Alles, was Sie im Kopf haben, das weiß ich längst, bevor Sie es ausgesprochen haben.“ So reagierte Rehhagel auf eine junge Journalistin, die es gewagt hatte, vor dem EM-Finale eine nur halbwegs kritische Frage zu stellen.

          Seinen Spielern begegnete er mit Respekt und Zuneigung. Selbst ein enfant terrible wie Mario Basler zollte seinem Trainer Hochachtung: „Ich hätte mir keinen besseren Trainer zu Beginn meiner Karriere wünschen können. Er war damals für mich wie eine kleine Vaterfigur. Im Zwischenmenschlichen liegt sein großer Vorteil. Er ist immer ganz stark auf mich eingegangen und hat immer mit seiner menschlichen Art versucht, alles aus mir rauszukitzeln.“ Ein Beispiel dafür ist, wie er auf seinen Bremer Abwehrchef Michael Kutzop einging, der 1986 einen Elfmeter verschoss und damit Bayern München zum Meister machte und nicht Werder. Kutzop kam darüber nicht hinweg, und Rehhagel nahm ihn sich zur Seite. „Passen Sie mal auf, der Ball, der am Tor vorbeiging, ist jetzt schon hinter dem Mond. Der fliegt immer weiter und kommt nie mehr zurück. Das müssen Sie endlich verstehen.“ Rehhagel sagte einmal: „95 Prozent meiner Spieler merken, dass ich meine Spieler liebe.“ Und das, obwohl er sie gerne siezte oder sie als Gruppe manchmal mit „Meine Herren“ ansprach.

          Mit Beate auf der Tribüne

          Die Endlichkeit des Fußballerdaseins war ihm immer bewusst. Einmal forderte er seine Spieler auf, während des Trainings sich einen einsamen Zuschauer anzusehen. „Der wurde mal mit Schalke Meister, heute schaut er nur noch zu. Da werdet ihr auch mal stehen, nutzt die Zeit bis dahin.“ Dieser Abstand gestattete es Rehhagel, mit den größten Triumphen und herbsten Enttäuschungen umzugehen. Europameister mit Griechenland 2004, Europapokalsieger und deutscher Meister mit Werder Bremen, deutscher Meister mit Aufsteiger Kaiserslautern, die Rekordniederlage von 0:12 als Trainer von Borussia Dortmund gegen Mönchengladbach, das Scheitern bei Bayern München nach zehn aufreibenden Monaten in der Schickeria-Stadt - zwischen diesen Extremen bewegte sich seine Trainerkarriere.

          Seine Prognose erfüllte sich nicht: „Mit 50 bist du als Fußball-Trainer reif für die Klapsmühle. Wenn du genug Geld verdient hast, kannst du wenigstens erster Klasse liegen.“ Rehhagel wird an diesem Freitag 75 und erfreut sich bester körperlicher und geistiger Gesundheit. Den Fußball, seine große Liebe, verfolgt er noch immer, gemeinsam mit seiner zweiten großen Liebe, Frau Beate, für die er gewöhnlich eine Ehrentribünenkarte mitbestellt.

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