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Oskar Roehler im Gespräch : „Fast schon pathologisch“

  • Aktualisiert am

Oskar Roehler wuchs bei seinen Großeltern auf Bild: Julia Zimmermann

Regisseur Oskar Roehler spricht im F.A.S.-Interview über seinen linken Vater und dessen Verhältnis zu Gudrun Ensslin, seine Mutter, das Leben auf dem Land, über Waffen, Sex und Hinterhofproletariat.

          Sie haben einen Roman geschrieben, der stark an Ihr Leben erinnert. Die Hauptfigur wurde 1959 geboren, knapp eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Diktatur. Wie typisch ist das Leben jenes Robert Freytag für diese Zeit, Herr Roehler?

          Robert Freytag, also mein Alter Ego im Roman, ist sehr früh zu seinen Großeltern gekommen, nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Das war 1963. Die Großeltern waren Flüchtlinge, der Großvater hatte eine NS-Vergangenheit. Als Ehefrau galt das im Grunde auch für die Großmutter, also meine Großmutter.

          Und der Sohn der beiden, also Ihr Vater?

          Sogar mein Vater, der später entschieden auf der politischen Linken stand, prahlte, wenn er zu viel getrunken hatte, gern damit, dass er noch Waffen getragen und das Vaterland verteidigt habe. In seinen Bücherregalen sammelte er Oktavbände, die das Voranschreiten der deutschen Armee von 1939 bis 1943 dokumentierten. Die hatte er als Dreizehn-, Vierzehnjähriger angelegt mit Bildern, die man sammeln konnte. Und immer stand darunter: Und wo ist Vater? So hatte er, Jahrgang 1929, als Junge in Thüringen gesessen und gewartet.

          Ihre Eltern zogen den Sohn nicht auf. Sie wuchsen bei Ihren Großeltern im Frankenland auf.

          Ja, mein Großvater hatte dort eine Fabrik für die Herstellung von Gartenzwergen aufgebaut.

          Wie war Ihre Kindheit?

          Sie fand in einem wirtschaftlich schwach entwickelten Gebiet Deutschlands, in einer Zonenrandlage, statt. Ich habe als Kind noch die Zeit vor der ganz großen Konsumwelle erlebt. Ich hatte kaum Spielzeug, nur ein paar Bücher. Erst meine Cousins, der Älteste sieben Jahre jünger als ich, gerieten dann unter eine Lawine von Spielzeug, das drei Tage benutzt und dann in die Ecke gelegt wurde, der Fernseher drang ins Alltagsleben vor. Das gab es vorher nicht.

          Ihr Vater, aber auch Ihre Mutter, die aus wohlhabenden Verhältnissen kamen, sind ausgerissen, versuchten sich mit unterschiedlichem Erfolg als Schriftsteller, gerieten tief ins linke Milieu jener Zeit und überließen ihr Kind, mit dem sie offenbar wenig anfangen konnten, den Großeltern. War diese Generation, sozusagen die frühen, die Vor-Achtundsechziger, nicht imstande, Kinder großzuziehen?

          Mein Vater war ja schon fast 40 Jahre alt, als es mit den Achtundsechzigern losging. Er hat sich als deren Spiritus Rector gefühlt und hat die Jungen, die eigentlichen Achtundsechziger, auch immer ein bisschen verachtet. Er klüngelte lieber mit Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger herum und anderen, die sich für die großen Weisen hielten. Man hielt sich jüngere Freundinnen. Von meinem Vater ist überliefert, dass er ein Verhältnis mit Gudrun Ensslin hatte. Für die war er die starke Schulter zum Anlehnen. Wie weit das Liebesverhältnis ging, kann ich nicht sagen. Das hat sich im Suff ziemlich verklärt.

          Und Ihre Mutter?

          Die war eine Salonkommunistin, die am liebsten in Monte Carlo gelebt hätte zusammen mit Yves Montand. Aber das Projekt, in der Kaviar-Linken anzukommen, ist misslungen. Dafür war sie zu sehr Deutsche.

          War Ihr Lebenslauf typisch für ein Kind von verzweifelt nach Orientierung suchenden Linken jener Zeit?

          Die meisten Lebensläufe der Kinder aus solchen Verhältnissen waren abenteuerlich. Das gilt auch für die Kinder derjenigen Linken, die in die terroristische Szene gerieten.

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