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Ordoliberalismus : Das verwaiste Erbe der Freiburger Schule

Eine Freiburger Schule existierte im Jahre 1957 nicht mehr. Sinnbildlich steht hierfür Euckens alter Lehrstuhl. Nachdem sein Schüler Leonhard Miksch nur wenige Monate nach Eucken ebenfalls verstorben war, blieb der Lehrstuhl lange vakant. Der Tradition verpflichtet blieben ein von dem Eucken-Schüler K. Paul Hensel in Marburg begründetes Institut, das sich dem wirtschaftlichen Systemvergleich widmete und über Jahrzehnte die liberale Fahne an einer politisch nach links abdriftenden Fakultät hochhielt, sowie das noch heute erscheinende Ordo-Jahrbuch. Auch in der Publizistik erhoben dem Ordoliberalismus verbundene Journalisten noch viele Jahre lang ihre Stimme.

Das änderte aber nichts daran, dass Mitte der fünfziger Jahre talentierte junge Ökonomen wie Rudolf Richter und Herbert Giersch sich mehr für die Lehre von John Maynard Keynes interessierten als für das aus ihrer Sicht verstaubte, nicht genügend theoretische und ideologiebeladene ordoliberale Werk. Als Forum diente der Theoretische Ausschuss des Vereins für Socialpolitik und ihr Lehrmeister der Kieler Ökonom Erich Schneider, dessen Lehrbücher weit verbreitet waren. "Wir jungen Leute waren damals durchweg Keynesianer und lachten über Freiburg", erinnerte sich Richter später. "Was die älteren Mitglieder anging, sah das nicht viel anders aus." Natürlich gab es damals und später liberale Ökonomen in Deutschland wie Hans Willgerodt und Christian Watrin in Köln, Manfred J. M. Neumann in Bonn oder Joachim Starbatty in Tübingen. Aber wichtige theoretische Leistungen blieben aus, sieht man von dem bis heute unterschätzten Werk Wolfgang Stützels (Saarbrücken) ab, der mit seinem Schüler Wolfram Engels später zu den Gründern des Kronberger Kreises zählte.

Theoretische Weiterentwicklungen fanden in den Vereinigten Staaten statt, dort aber ohne Verweis auf Eucken, der im Ausland kaum gelesen wurde. Die Liste ist lang und umfasst unter anderem den modernen Institutionalismus, Wirtschaftsgeschichte im Stile Douglass Norths und den Evolutionismus Friedrich A. von Hayeks, der 1962 den Lehrstuhl Euckens in Freiburg übernahm. Den Weg nach Deutschland fand besonders der Konstitutionalismus James M. Buchanans, dessen Schüler Viktor Vanberg das Eucken-Institut in Freiburg leitet und der am ehesten Berührungspunkte mit dem Ordoliberalismus besitzt.

Der ökonomische Liberalismus erhob in den achtziger Jahren in Deutschland noch einmal machtvoll seine Stimme. Sein Anführer war der vom Keynesianer zum Liberalen mutierte Herbert Giersch, die Zentrale das Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Die Kieler Botschaft war für Liberale weder neu noch originell. Sie bestand aus der klassischen liberalen Trias freier Märkte, stabilen Geldes und niedriger Steuern, garniert mit etwas Hayek'schem Evolutionismus und Schumpeter'scher Lobpreisung des wagenden Unternehmers. Im damaligen Zeitgeist war das aber nicht selbstverständlich. Der vorübergehend starke Einfluss der Kieler beruhte auf Gierschs Erkenntnis, dass ökonomische Botschaften über Medien transportiert werden müssen, und auf seinem Talent als Netzwerker. Von seinen Schülern brachte es Gerhard Fels zum Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft, Juergen B. Donges zum Vorsitzenden des Sachverständigenrats und Karl-Heinz Paqué zum Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt.

Geeint traten die liberalen Geister gegen den Euro an. Ihr Scheitern steht als Symbol für ihre Marginalisierung in der politischen Debatte, auch wenn immer noch Inseln wie das Eucken-Institut, mehrere Hayek-Zirkel und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft existieren. Doch die moderne Ökonomik befindet sich ganz woanders: Wer heute einen angesehenen Lehrstuhl anstrebt, muss mathematisch formulierte und empirisch fundierte Publikationen in einschlägigen Fachzeitschriften vorweisen. Auch junge Ökonomen befassen sich mit der Rolle von Markt und Staat, aber auf eine Weise, die mit der früheren nichts mehr zu tun hat. Die ideologische Unterfütterung und das Verständnis für Dogmengeschichte, die vielen Altvorderen noch selbstverständlich waren, bedeuten ihnen nichts mehr. So bleibt das Erbe Euckens verwaist.

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