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„Olbricht Collection“ : Sehr spezielle Stücke

Vanitas Vanitatum: Marilyn Minter, „Handful“, 2008, Emaille auf Metall, 152,4 mal 243,8 Zentimeter: Taxe 60.000/80.000 Euro. Bild: Van Ham

Das ist zum Staunen: Van Ham in Köln versteigert „From a Universal Collector – The Olbricht Collection“. Dazu gehören Objekte aus der Wunderkammer.

          3 Min.

          Als vor ein paar Monaten bekannt wurde, dass Thomas Olbricht nicht nur sein Privatmuseum „me Collectors Room“ in Berlin nach zehn Jahren schließt, sondern Anfang August dann auch, dass er sich von rund fünfhundert Stücken seiner singulären Privatsammlung in einer Auktion trennt, erregte das hohe Aufmerksamkeit in der Kunstgemeinde. Denn Olbrichts Kollektion ist eine Besonderheit, umfasst sie doch nicht nur moderne und zeitgenössische Kunst – und diese nicht entlang dem Mainstream –, sondern auch sehr spezielle Stücke, wie sie sich in den „Kunstkammern“ seit der Renaissance befanden. Wenn Olbricht, selbst Naturwissenschaftler und Mediziner, jetzt im Vorwort zu den zwei Auktionskatalogen schreibt: „Die Sammlung rankt sich im Wesentlichen um grundsätzliche Themen des Menschseins: um Werden und Vergehen, Leben und Sexualität“, trifft er den Kern, der den Schätzen gemeinsam ist, die er als Univeralsammler akkumuliert hat – und zugleich den Nerv unserer nach Orientierung suchenden Gegenwart.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          In den Kunst- oder Wunderkammern ging es – zunächst vor allem Adligen, die sie zusammenstellten – beginnend im 16. Jahrhundert um die Vereinigung von Artificialia, Naturalia, Scientifica, Exotica und Memorabilia – kurz: Ein damals neues Menschenbild, das sich aus Natur und Kunst und deren hybriden Erscheinungen formte, sollte Gestalt erhalten. Der erste Katalog bündelt in 240 Losnummern, neben diversen Varia wie Möbeln und Spielzeug, derartige Kabinett-Stücke. Dort finden sich, um nur einige Beispiele zu nennen, ein grade sechs Zentimeter hoher, feinst geschnitzter elfenbeinerner Januskopf mit Christus und Schädel aus dem 16. oder 17. Jahrhundert (Taxe 2000/3000 Euro), neben anderen solcher zierlichen Vanitas-Objekte; oder ein heiliger Vitus in seinem Flammenkessel, um 1520 aus Lindenholz geschnitzt (2000/2500), neben dem drei Jahrhunderte späteren Miniaturmodell einer Guillotine samt Geköpftem (800/1000).

          Vanitaskopf eines Rosenkranzes, 16./17. Jahrhundert, Elfenbein, 6,1 Zentimeter hoch: Taxe 2000/3000 Euro. Bilderstrecke
          „Olbricht Collection“ : Sehr spezielle Stücke

          In der Abteilung „Mirabilia“ bringt eine dreißig Millionen Jahre alte Gogotte-Formation, eine Versteinerung aus dem Oligozän, zum Staunen, die der Künstler Hans Arp Anfang des 20. Jahrhunderts nicht eleganter hätte erfinden können (3200/4000). Eines der drei teuersten Wunderdinge ist ein dreißig Zentimeter hohes, fossiles Ei des ausgestorbenen Elefantenvogels aus Madagaskar (8.000/12.000). Im Angebot zu beachten ist dabei, gut sichtbar gemacht im Online-Katalog, dass einige Lose, die Präparate geschützter Tiere betreffen, zumindest vorerst zurückgezogen wurden und dass für einige andere der Export aus Deutschland wegen des Kulturgüterschutzes nicht gestattet ist.

          Derartige Beschränkungen betreffen den zweiten Teil mit gut 130 Losen an moderner und zeitgenössischer Kunst nicht, in dem ebenfalls das individuelle Interesse des Sammlers Ausdruck findet, zumal am menschlichen Körper und seinen Zurichtungen. Spitzenlose sind dort ein typisch grell-ironisches „Screaming Couple“ von George Condo (300.000/500.000), gefolgt von Daniel Richters starkem Großformat „Das Recht“ aus dem Jahr 2001 (250.000/350.000). Es gibt eine beachtliche Suite mit Kirchner-Graphik, darunter das Pastell „Zwei weibliche Akte“ von 1908 (60.000/80.000). Kenner werden sich für drei Fotoarbeiten Cindy Shermans interessieren, zumal ein frühes „Untitled Film Still #39“ (80.000/120.000), wie überhaupt die Fotokunst eine wichtige Rolle spielt, etwa mit Jeff Walls Leuchtkasten „Staining Bench, Furniture Manufacturers, Vancouver, 2013“ (40.000/60.000) oder Gregory Crewdsons großformatigem „Untitled. Winter (Sunday Roast)“ von 2005 (20.000/30.000); aus Thomas Ruffs konzeptueller, in die Abstraktion reichender Werkreihe kommt „Substrat 31“ von 2002 (30.000/50.000).

          Vielfach und in allen Spielarten vertreten ist Skulptur, von Ewald Matarés Kleinplastik eines Steinbocks (25.000/35.000) über Stephan Balkenhols „Märtyrer“ im Siedetopf aus Wawa-Holz (20.000/30.000) und ein groteskes „Chess Set“ von Jake&Dinos Chapman (15.000/20.000) bis hin zu weiblichen nackten „Three Black Sculptures“ aus Paraffin-Wachs auf Stahltischen von Vanessa Beecroft (40.000/60.000). Die vielleicht aufregendste Position bei der Malerei ist Marilyn Minters fast 2,5 Meter breite, erotisch verwirrende „Handful“ mit Perlenschnüren in pinkfarbenen Krallen, 2008 in Emaillelack auf Metall gebannt (60.000/80.000).

          In den zwei Teilen der Auktion am 26. September bei Van Ham in Köln – bei der selbstverständlich schon zuvor online und dann, außer im von Covid-19 bedingt nur in lichten Reihen besetzten Saal, im Lifestream auch telefonisch geboten werden kann – wird die Provenienz eine maßgebliche Rolle spielen. Vor allem manche der im Auktionsmarkt ungewöhnlichen Wunderkammer-Objekte könnten Liebhaber auf den Plan rufen, die vielleicht bisher noch gar nicht darum wussten. Entsprechend freundlich sind die Schätzungen angesetzt. Es versteht sich von selbst, dass Thomas Olbricht die Hauptstücke seiner immensen Sammlung bei sich behält, denn mit ihnen wird er weiter daran bauen. Und hoffentlich, wie schon all die Jahre zuvor, die Öffentlichkeit großzügig daran teilhaben lassen.

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