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Notfallmedizin : "Nüchtern zusammenfassen, was geschehen ist"

  • Aktualisiert am

Wie bewältigt man eine Katastrophe? Der Bundeswehrpsychologe Bernd Willkomm kennt die Spätfolgen traumatischer Erlebnisse.

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          Von Bernd Willkomms Büro auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ist es nicht weit bis zu jenem Flugfeld, auf dem das Olympia-Attentat von 1972 in einem Blutbad endete. Der 55jährige, der damals als Student im Pressekorps der Olympiade arbeitete, hat mit solchen und ähnlichen Katastrophen seither Erfahrung gesammelt. Der Diplompsychologe am Flugmedizinischen Institut der Bundesluftwaffe leitete unter anderem die Krisenintervention der Bundeswehr nach dem ICE-Unglück von Eschede. Er führte auch ein deutsches Kriseninterventionsteam, das im September 2001 die Angehörigen deutscher Firmen in New York betreute, und begleitete die Tornado-Piloten der Bundeswehr bei ihrem ersten Kampfeinsatz über dem Kosovo.

          Was sagt man einem Menschen, der gerade Zeuge eines Attentates geworden ist?

          Den Menschen in New York haben wir nach dem Attentat auf das World Trade Center zunächst einmal gesagt, daß das, was sie erlebt haben, uns alle überrascht hat. Wir alle haben die Gefahr unterschätzt. Und dann haben wir nüchtern zusammengefaßt, was geschehen ist. Das tun wir immer. Die Augenzeugen einer Katastrophe sind häufig völlig aufgelöst, ihr Bewußtsein verzerrt die Ereignisse. Bei uns rief damals eine Frau an, die gerade auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in den Twin Towers gewesen war, als direkt vor ihr Menschen auf das Pflaster "klatschten", wie sie es ausdrückte. Wir mußten eineinhalb Stunden auf sie einreden, bevor sie überhaupt bereit war, ihre Wohnung zu verlassen und zu uns zu kommen.

          Wie geht es dann weiter?

          Ihre schrecklichen Erfahrungen können wir den Betroffenen natürlich nicht nehmen. Aber wir können sie in einen Bezugsrahmen setzen. Die Gefahr, die unter dem Eindruck einer Katastrophe übergroß erscheint, ist in Wirklichkeit relativ. Wir nennen das "kognitives reframing".

          Und das hilft?

          Es hilft tatsächlich, sich vor Augen zu führen, daß die objektive Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, unendlich geringer ist als jene, einem Gehirnschlag zum Opfer zu fallen. Natürlich kann es immer passieren, daß ein Flugzeug abstürzt oder eine Bombe explodiert. Wir erklären den Menschen aber: Es hilft jetzt nichts, sich zu verstecken, und objektiv ist es auch Unsinn. Das Leben ist immer lebensgefährlich, und aus dieser Erkenntnis gibt es nur eine mögliche Konsequenz: Lebe dein Leben. Lebe es bewußt. Jeder Tag ist ein Geschenk.

          Wie lernt man, nach einer Katastrophe die richtigen Worte zu finden?

          Wir arbeiten nach der Methode des Critical Incident Stress Managements (CISM). Das ist ein erprobtes Modell, das von Amerikanern entwickelt wurde - einer Nation, die uns aufgrund ihrer Vietnam-Erfahrung in Sachen Traumabehandlung mindestens ein Jahrzehnt voraus ist. Bei diesem Streßmanagement wird zunächst versucht, die sich häufig aufschaukelnden, affektiv-emotionalen Reaktionen in Gesprächen zu reduzieren. Wichtig ist es auch, den Betroffenen das Gefühl der Einzigartigkeit ihrer schlimmen Erfahrungen zu nehmen. Viele empfinden sich und ihre Reaktionen als nicht normal. Wir sagen ihnen dann: Angst, Albträume oder Flashbacks sind normale Reaktionen eines normalen Menschen auf eine nicht normale Situation. Und diese Reaktion muß man akzeptieren, analysieren, und dann möglichst schnell die Kontrolle über sich wiederzufinden versuchen. Das kann ein paar Stunden oder ein paar Monate dauern.

          So schnell läßt sich eine traumatisierte Psyche wieder ins Gleichgewicht bringen?

          Nicht vollständig und nicht für immer. Von Einsatzkräften wie Rettungssanitätern oder Soldaten wissen wir, daß nach Extremsituationen bei etwa einem Drittel mit Spätfolgen zu rechnen ist. Viele kommen auch mit der Rückkehr in die Normalität nicht zurecht - ich kenne den Fall eines Bundeswehroffiziers, der nach dem Kosovo-Einsatz die Dächer seines bayerischen Dorfes nur noch brennend vor sich sah. Ein anderer riß mitten im Sonntagsspaziergang plötzlich seine Kinder zu Boden, als die in den Wald laufen wollten. In seinem Kopf spukten immer noch die Bilder von Kindern aus seinem Einsatzgebiet, die durch Landminen verstümmelt wurden. Auch unter den Helfern beim ICE-Unglück von Eschede hat es später mehrere Selbstmorde gegeben. Für einen Helfer gibt es ja nichts Schlimmeres, als nicht helfen zu können - und in Eschede konnte vielen Opfern leider niemand mehr helfen.

          Vor solcher Ohnmachtserfahrung sind Sie selbst gefeit?

          Natürlich nicht, und deshalb beenden wir unsere Arbeit auch immer mit einem Debriefing für das Kriseninterventionsteam selbst. Eine weitere Regel für Kriseninterventionskräfte lautet, daß sie sich vom Ereignis selbst möglichst fernzuhalten haben, um die nötige innere Distanz zu wahren. Ground Zero habe ich mir auch erst nach Beendigung unseres Einsatzes angesehen.

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