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„Systemsprenger“ im Kino : Das Toben in ihr hört nie auf

  • -Aktualisiert am

Sie findet nirgendwo zur Ruhe: Helena Zengel als Benni. Bild: © Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Auf der Berlinale hochgelobt und nominiert für einen Oscar: Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ zeichnet das Porträt eines Kindes, das nirgendwo reinpasst.

          3 Min.

          Ein Mädchen steht im Wald. Es ruft laut, verzweifelt laut: „Mama“. Das Echo müsste eigentlich gewaltig sein, doch die Natur verschluckt diesen Ruf nahezu zur Gänze. Und so gibt Benni sich selbst eine Antwort: „Mama hasst mich“. Das ist ein Irrtum, denn Mama liebt Benni natürlich, aber sie wird dieser Liebe nicht gerecht. Sie hat noch zwei weitere Kinder, und einen Lebensgefährten, und Benni hat in ihrem Leben nicht so richtig Platz.

          Und dann ist es mit Benni ja auch nicht leicht. Sie ist ein Sorgenkind, wegen ihrer manchmal schier unkontrollierbaren Aggressionen. Und so steht sie nun eben im Wald, mit einem Mann, der ihr noch einmal eine Chance gibt, mit Michael, dem Schulbegleiter. Drei Wochen in einer Hütte, „einseins“, eine kleine Klientin, ein Betreuer, ein Lernexperiment, das aus den Feedbackschleifen herausführen soll, in denen Benni gefangen ist.

          Therapieexperiment im Wald

          Das Echo, das die Bäume fast verschlucken, ist dafür das beziehungsreichste Bild, das Nora Fingscheidt in ihrem Film „Systemsprenger“ gefunden hat. Denn Benni steht letztendlich vor dem Leben selbst, in seiner institutionell eingehegten Form, und konfrontiert es mit der Frage, ob sie darin einen Platz haben kann.

          Der Filmtitel ist zugleich eine Art Rätsel, denn die Systeme, die Benni zu sprengen droht und auch tatsächlich immer wieder an die Grenze ihrer Möglichkeiten bringt, müssen erst bestimmt werden. Das erste ist das System der Familie. Hier hat alles seinen Ursprung, ohne dass mit einer Rückkehr etwas zu retten wäre. Das zweite ist das System einer Gesellschaft, die Familien nicht mit sich allein lassen will. Benni „braucht einen anderen Rahmen“, heißt es an einer Stelle, und damit ist die Geschichte des Films ganz gut beschrieben: Benni braucht dauernd einen neuen Rahmen, sie „sprengt“ eine Wohngruppe nach der anderen, sie macht Fortschritte in dem Therapiexperiment im Wald, und bringt dann ihren Therapeuten in Schwierigkeiten.

          Für Benni wäre die einzige langfristige Lösung „Mama“, aber gerade weil sie so verzweifelt daran glaubt, macht sie diese Lösung selbst unmöglich.

          Sie wird verdrahtet, bekommt Medikamente, verbringt immer wieder eine Nacht im Krankenhaus, und am Horizont wartet eine Versorgung, für die sie noch zu jung ist: stationäre Psychiatrie. Das würde nichts anders bedeuten als: man schließt sie weg. Damit es dazu nicht kommt, suchen die Menschen, die sich um sie kümmern, eine „langfristige Lösung“. Für Benni wäre die einzige langfristige Lösung „Mama“, aber gerade weil sie so verzweifelt daran glaubt, macht sie diese Lösung auch selbst unmöglich. Es gibt keinen Punkt null in ihrer Existenz, von dem aus sie noch einmal neu beginnen könnte.

          Im Februar dieses Jahres präsentierte Nora Fingscheidt „Systemsprenger“ auf der Berlinale, und wurde dort mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Vor wenigen Wochen wurde der Film als deutscher Kandidat für die Oscars in der Kategorie „Best International Feature Film“ nominiert. Das ist eine interessante Wahl, denn „Systemsprenger“ ist für deutsche Verhältnisse vergleichsweise untypisch. Es gibt hierzulande kaum eine ausgeprägte Tradition für das, was Nora Fingscheidt versucht. Am ehesten könnte man noch „24 Wochen“ (2016) von Anne Zohra Berrached als Vergleich heranziehen, ein Drama über eine Spätabtreibung. Früher sprach man in solchen Fällen von Problemfilmen. In der Regel sind es Individuen, die in solchen Geschichten an ihre Grenzen geraten. Nora Fingscheidt geht aber noch einen Schritt weiter, denn sie findet in Benni eine Figur, an der man eigentlich grundsätzlich verzweifeln könnte.

          „Ich muss jetzt leider weitermachen“

          Dass das nicht geschieht, ist der eigentliche Stachel des Films. Denn er zeigt ja nicht nur Benni, mit schmerzhafter Intensität dargestellt von Helena Zengel. Er zeigt vor allem auch die, die es mit Benni zu tun bekommen. Er zeigt die Routinen, auf die Benni trifft. „Ich muss jetzt leider weitermachen“, sagt die Ärztin im Krankenhaus, und lässt den Betreuer Michael Haller (Albrecht Schuch, bekannt aus „Bad Banks„) einfach stehen. Er sieht Benni in diesem Moment hinter Glas, festgeschnallt, sediert. Dieser Blick aus den leeren Augen des Kindes auf eine verschlossene Tür ist in diesem Fall das Echo seiner gescheiterten therapeutischen Bemühungen. Zu diesem Blick kehrt Fingscheidt immer wieder zurück, wie in einer erzählerischen Kontraktion, in der Benni dann aber nicht apathisch wird, sondern Kraft zu sammeln scheint für den nächsten Ausbruch.

          Selbst in relativ konsequent erzählten, harten Sozialdramen wie ab und zu bei Ken Loach („Ladybird, Ladybird„) gibt es Reste von geläufigen Dramaturgien, die zumindest in Ansätzen so etwas wie Fortschritte erkennen lassen. In „Systemsprenger“ sind die drei oder fünf Akte, in die Drehbücher so gern unterteilt werden, allenfalls in Ansätzen zu erkennen, es gibt keine retardierenden Momente, auf die dann ein besonders befriedigender Fortschritt folgen könnte, sondern vor allem das verstörende Beharren von Benni auf ihrer Not.

          Nora Fingscheidt nützt allerdings die filmischen Mittel, um Benni damit nicht allein zu lassen. Sie gibt dem inneren und äußeren Toben eine Form, die ziemlich gut eine Zwischenposition findet: zwischen einem kühlen, observierenden Blick und einer Identifikation mit dem Kind, zu dem ja vieles einladen würde, nicht zuletzt die starke Darstellerin. Der Soundtrack führt noch am ehesten in das Innere dieser scheinbar unerreichbaren Seele. Fingscheidt setzt mit dieser treibenden Musik aber nur Akzente. Sie illustriert nicht. Auch das ist angemessen, wie fast alles in einem Film, der zuletzt sogar einen Hinweis gibt, dass Benni auch noch Sprengkraft für ein anderes System hat: für ein Kino, das zwischen Zeigedrang und Erzählkonvention selten ein Bewusstsein für die Grenzen seiner Möglichkeiten verrät. Hier werden sie zumindest als Sprünge im Sicherheitsglas angedeutet.

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