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Architekt Volker Staab : Mit einem Geniestreich in die erste Reihe

Blick auf die Wendeltreppe des Neuen Museum Nürnberg Bild: Georg Aerni

Kein Baumeister entwirft mehr Museen in Deutschland als der Berliner Architekt Volker Staab. Seine Entwürfe im Neuen Museum Nürnberg zeigen jetzt auch das, was nie realisiert wurde.

          3 Min.

          Im Jahr 2000 erlebte Nürnberg eine Art Bauwunder. Das damals eröffnete Neue Museum für Kunst und Design, dessen konkav geschwungene Schauseite wie mit dem Skalpell in den Stadtgrundriss geschnitten ist, heilte eine unschön vernarbte Wunde. Aus einem Unort war ein Stadtraum geworden. Statt das ganze Areal zu überbauen, hatte der Architekt einen Teil der Fläche für einen kleinen Platz reserviert. Dadurch sorgte er für die Sichtbarkeit seines Entwurfs, ohne ihn jedoch monumental zu überhöhen. Stattdessen wurde neben der 100 Meter langen gläsernen Fassade noch ein Haus in der ortstypischen Sandsteinbekleidung plaziert, wodurch sich der neu entstandene Klarissenplatz zu altstädtischer Intimität schloss.

          Matthias Alexander

          Redakteur im Feuilleton.

          Der bis dahin unbekannte Architekt, der hier als plastischer Chirurg in einer besonders stark kriegsversehrten Stadt tätig wurde, hieß Volker Staab. Sich selbst hat er mit diesem Geniestreich in die erste Reihe der deutschen Architekten gezaubert. Jetzt kehrt Staab an den Ort zurück, an dem für ihn manches begann. Anlässlich seines zwanzigjährigen Bestehens hat das Neue Museum ihn zu einer Werkschau eingeladen. Der Architekt als sein eigener Kurator ist eine zwiespältige Konstellation – einerseits handelt es sich um eine Selbstentmachtung des gastgebenden Hauses, andererseits ergibt sich so die Gelegenheit, das Selbstbild des Baumeisters ungefiltert kennenzulernen.

          Die Fassade des Neue Museums ist wie mit dem Skalpell durch die Nürnberger Altstadt gezogen
          Die Fassade des Neue Museums ist wie mit dem Skalpell durch die Nürnberger Altstadt gezogen : Bild: Picture-Alliance

          Vor allem im Museumsbau erzielt Staab, der in Braunschweig lehrt und in Berlin sein Büro hat, mit für die Konkurrenz einschüchternder Konstanz Wettbewerbserfolge, zuletzt für die Erweiterung des Bauhaus-Archivs in Berlin. Unter den vollendeten Bauten vielleicht am eindrücklichsten geriet der Umbau des Albertinums in Dresden. Auch dort schuf er sich den Bewegungsspielraum selbst. Es war Staabs Idee, das Depot als Brücke hoch oben über den Innenhof zu spannen und den darunter gewonnenen Raum zum Foyer für das gesamte Haus zu machen.

          Mit der Ausstellung hat es sich Staab nicht leichtgemacht. Als Spielort wählte er die Fassadenräume aus. Das sind sechs Resträume des Nürnberger Baus, die zur Glasfront hin offen sind und den Kuratoren des Hauses immer wieder Kopfzerbrechen bereiten. Sie sind Folge der konzeptionellen Konsequenz des Entwurfs: Angeregt von Aktionen des Architekturkünstlers Gordon Matta-Clark, hat Staab die Glasfassade auch nach innen als harten Schnitt angelegt, so als wäre sie nachträglich durch das Haus getrieben worden, ein Motiv, das bei späteren Entwürfen wieder auftaucht. Auch das ist Staab: Bei aller städtebaulichen Rücksichtnahme, gestalterischen Eleganz, historischen Reflexion und Noblesse in der Materialwahl pflegt er jenen künstlerischen Eigensinn, ohne den gute Architektur nicht entsteht.

          Das Museum der Bayerischen Könige in Hohenschwangau
          Das Museum der Bayerischen Könige in Hohenschwangau : Bild: Marcus Ebener

          Den Besuchern der Ausstellung macht es Staab ebenfalls nicht leicht. Sie stolpern mehr hinein, als dass sie empfangen, eingestimmt und geführt würden. Die wenigen Erläuterungen sind eher allgemein gehalten, lieber lässt Staab Fotografien, Pläne, Grundrisse, Modelle sprechen. Mit dieser Schau verhält es sich wie mit einem Spaziergang durch eine unbekannte Stadt: Man muss sich seinen Weg selbst suchen. Das schärft die Sinne.

          Mit dem Ausstellungstitel „Kontext“ weist Staab auf seine wichtigste Arbeitsmaxime hin, die er schon im Nürnberger Museum idealtypisch erfüllt hat. Dafür, dass er im Diskurs mit dem gegebenen baulichen Umfeld agiert, zahlt er einen Preis, nach eigenen Angaben tut er es gern: Er hat keinen bestimmten, wiedererkennbaren Stil entwickelt; diese Art der Markenbildung à la Gehry lehnt er ab.

          Man wird deshalb auch vergeblich nach einer Entwicklung in seinem Werk suchen. Es besteht aus Punkten, nicht aus Linien. Allenfalls ist in den vergangenen Jahren ein Hang zu Gitterkompositionen zu erkennen, die von ferne an Piet Mondrian erinnern: An der Fassade des Augustinerhofs in Nürnberg lässt sich das ablesen wie am Stützenraster eines geplanten Hörsaalgebäudes in Köln und am Grundriss des dortigen Stadtmuseums.

          Innenansicht des Kunstmuseums in Ahrenshoop an der Ostsee
          Innenansicht des Kunstmuseums in Ahrenshoop an der Ostsee : Bild: Stefan Müller

          Bei aller Kontextualisierung sucht Staab doch die Pointe, wenn auch nicht als Knalleffekt, sondern eher beiläufig: Im Fall der Erweiterung des Bauhaus-Archivs ist das ein fünfgeschossiger Turm aus Glas, der von filigranen Stützen getragen werden wird, die an Treppengeländer aus den fünfziger Jahren erinnern. Das Museum der bayerischen Könige am Fuß von Neuschwanstein hat er mit einem spektakulären Tonnengewölbe aus funkelnden Rauten versehen. Wer Ironie in gebauter Form sucht, der wird hier fündig.

          Einordnung in Zusammenhänge, wie sie besonders demütig am Erweiterungspavillon für das Richard-Wagner-Museum in Bayreuth passiert ist, deutet auf Bescheidenheit hin. Wenn man Staab dennoch Eitelkeit vorwerfen kann, dann zeigt sie sich in Weglassungen: Er verzichtet darauf, die äußeren Einflüsse darzustellen, denen jedes Projekt unterworfen ist. In der mehr als zehnjährigen Projekthistorie der Augustinerhöfe hat Staab mindestens drei fundamental unterschiedliche Entwürfe für die Fassadengestaltung vorgelegt. Die Zwangsläufigkeit, die die Ausstellung bei der Entstehung eines Entwurfs nahelegt, gibt es in der harten Immobilienwirklichkeit nicht, in der Bauherren, Behörden, Bürger und Politiker ein Wörtchen mitreden möchten. Diese Erfahrung macht Staab auch im Fall des Naturkundemuseums namens Biotopia in München, das in der Schau nicht auftaucht. Die Rücksicht, die er auf das Ensemble des Nymphenburger Schlosses genommen zu haben glaubte, reichte nicht aus, auch seine Umplanung ist umstritten.

          Eine Art Traueranzeige gibt es auch in der Ausstellung: Staab zeigt seinen Entwurf für das Museum der Moderne auf dem Kulturforum in Berlin, der ihm eine Anerkennung einbrachte, aber eben nicht den Sieg, der Herzog & de Meuron zufiel. Er legte das Museum als Labyrinth an, eine nach innen spannende, nach außen aber eigenartig unentschlossene Lösung. Der Kontext des Kulturforums war offenbar zu heterogen, um Staabs Genie zu entzünden.

          Kontext. Staab Architekten. Neues Museum Nürnberg; bis zum 10. Januar 2021. Kein Katalog.

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