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Nachruf auf Walter Scheel : Der Unterschätzte

  • -Aktualisiert am

Walter Scheel vor der Glienicker Brücke, 1978. Bild: Ullstein

Spielerisch stieg Walter Scheel in höchste Regierungsämter auf und prägte die Bundesrepublik. Den meisten Deutschen ist ein Auftritt als Sänger in Erinnerung geblieben – das passt zu seinem Erfolgsrezept: unterschätzt zu werden. Ein Nachruf.

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          „Walter Scheel hat die undefinierbare Eigenschaft, sympathisch zu sein“, schrieb Walter Henkels 1974 im Vorwort zu seinem Anekdotenbüchlein „Aber der Wagen, der rollt ...“. Eine hinreichende Erklärung dafür, dass der FDP-Politiker 1972 mit einem einzigen Sangesauftritt im Fernsehen die Beliebtheitswerte aller anderen Politiker überflügelt hatte, war das für den „Bonner Chronisten“ Henkels aber noch nicht. Den Schlüssel zur Lösung des Rätsels fand er in einem Vergleich mit dem „Alten aus Rhöndorf“: „Was Adenauer konnte, das kann auch Scheel: spielen.“

          Den Zeitgenossen, die Scheel aus der Nähe beobachteten, fiel die scheinbar spielerische Leichtigkeit seines Aufstiegs in höchste Staatsämter auf. Das wurde geradezu kennzeichnend für seinen Werdegang. Als einen „netten Mann“ beschrieb ihn 1968 Hermann Schreiber im „Spiegel“ – „geselligkeitsfördernd wie ein Longdrink, expressiv wie ein Fremdenführer mit Abitur – ein Mann, dessen Habitus die Assoziation ‚Stil‘ nahe legt, ohne dass man gleich erkennen kann, warum eigentlich“. Mit negativen Vorzeichen versah diese Eigenschaften Günter Grass, der politische Barde der sozialliberalen Koalition: Die Bundesrepublik brauche „einen unbequemen Präsidenten“, wetterte der Schriftsteller 1974, nicht einen, „der sich mit einer Schallplatte legitimiert und volkstümelt“.

          Sie alle ließen sich täuschen von der Maske des Spötters, der stets zu Anekdoten aufgelegt war, und dem Lebensstil des wohlhabenden Geschäftsmanns, der aus kleinen Verhältnissen stammte; sein Vater war Facharbeiter in einer Stahlwarenfirma in Solingen, wo er am 8. Juli 1919 geboren wurde. Scheels eigentliches Erfolgsrezept war, stets unterschätzt zu werden.

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          1956 kam er Adenauer in die Quere

          Erst im Rückblick entpuppte sich das Spielerische in Scheels Wesen als die hohe Kunst des Spiels um die politische Macht – und seine Bonhomie als perfekte Tarnung eines ans Draufgängerische grenzenden Wagemuts. Es hätte allerdings auch früher schon auffallen können, dass für den ehemaligen Jagdflieger, der an der verlustreichen Verteidigung Berlins teilgenommen hatte, politische Ämter mehr waren als Eintrittskarten für Cocktailpartys.

          Schon 1956 kam Scheel erstmals Adenauer in die Quere. Damals gehörte er in der nordrhein-westfälischen FDP, der er 1946 beigetreten war, zu den sogenannten Jungtürken um Willy Weyer, die Adenauers Versuch vereitelten, die Sitzverteilung im Bundestag in Richtung eines Mehrheitswahlrechts zu verschieben. Indem sie in Düsseldorf den Bruch der Koalition mit der CDU herbeiführten und der SPD zur Macht verhalfen, brachten sie auch die Unionsmehrheit im Bundesrat zu Fall. Fünf Jahre später war Scheel Bundesminister.

          Für ihn wurde das Entwicklungshilfeministerium geschaffen. Schon ein Jahr nach seinem Eintritt in die letzte Regierung Adenauer traten die fünf Minister der FDP vorübergehend zurück, um den von der „Spiegel“-Affäre belasteten Verteidigungsminister Strauß zum Rückzug zu zwingen. Die FDP-Minister kehrten erst ins Kabinett zurück, nachdem Adenauer seinen Rückzug für 1963 angekündigt hatte. An der Seite Ludwig Erhards, dessen Nachfolger als Kanzler, zogen sie 1965 in die Bundestagswahl. Ein Jahr später aber schon verließ die FDP im Streit über den Haushalt das sinkende Schiff der Regierung Erhard.

          Ihm war bewusst, dass er die FDP an den Rand des Abgrunds brachte

          Die dreijährige Oppositionszeit bis 1969, die Zeit der Großen Koalition, wusste Scheel zu nutzen, um Erich Mende an der Spitze der Partei abzulösen. Erst von da an konnte er das politische Spiel auf eigene Rechnung und eigenes Risiko betreiben. Er tat es mit einem Instinkt für günstige Gelegenheiten. In zwei Schritten führte er den Machtwechsel herbei: Am Vorabend der Bundesversammlung 1969 schwor er die Wahlmänner und -frauen der FDP auf Gustav Heinemann ein, den Präsidentschaftskandidaten der SPD; im Jahr darauf legte er seine Partei auf eine Koalition mit der SPD fest.

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          Dass er die FDP (und sich selbst als Vorsitzenden) damit an den Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: „Aber wer nur fasziniert der Wählermeinung nachläuft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung aufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der Politik sein“, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Bei der folgenden Bundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Aber es reichte, um den Grund zu legen für eine 29 Jahre währende Regierungsbeteiligung der FDP – und für seinen eigenen Aufstieg über das Bundesaußenministerium ins höchste Staatsamt.

          Die Lust am Spiel mit der Macht verlor er auch als Ruheständler nicht. „Ich war an zwei (Koalitions-)Wechseln aktiv beteiligt“, verriet er in den neunziger Jahren, „1969 und 1982. Darum weiß ich, dass die FDP dabei jedes Mal in Lebensgefahr gerät.“ Wäre es nach ihm gegangen, hätte die FDP 1994 einen dritten Wechsel herbeigeführt. Im Parteipräsidium riet er dazu, den SPD-Präsidentschaftskandidaten Rau gegen Herzog zu unterstützen, um der FDP einen Platz an der Seite der nächsten Regierungspartei zu sichern.

          Doch so glatt wie 1969 wäre die Rechnung nicht aufgegangen. Inzwischen hatten sich die Grünen so weit etabliert, dass die Zeit für ein rot-grünes „Projekt“ herangereift war. Der damalige FDP-Vorsitzende Kinkel befürchtete wohl zu Recht, dass die SPD die Unterstützung für Rau zwar dankend annehmen, aber wahrscheinlich nicht honorieren würde. Als sich dann 1995 Wolfgang Gerhardt und Jürgen Möllemann um die Nachfolge Kinkels bewarben, trat der Ehrenvorsitzende Scheel mit folgender Stellenbeschreibung indirekt für Möllemann (und eigentlich auch für sich selbst) ein: Der künftige Vorsitzende müsse neben klaren politischen Positionen und Durchsetzungsvermögen „auch ein hohes Maß an Risikobereitschaft“ mitbringen. Er müsse „einen Schuss Abenteurerblut“ haben.

          Akzente in der Verhandlung der Ostverträge

          So überschießend wie bei Möllemann brodelte das Abenteurerblut in Scheels Adern aber nie. Er wusste seinen Wagemut mit Verstand und Disziplin zu zügeln. In der sozialliberalen Koalition nahm er als Außenminister zunächst die dienende Rolle gegenüber den Architekten der neuen Ostpolitik, Brandt und Bahr, ein. Beide wussten aber auch, dass sie in Scheel einen überzeugten Verfechter der Verständigung mit den östlichen Nachbarn an ihrer Seite hatten. Dem einstigen Luftwaffenoffizier, der den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht hatte, war die Aussöhnung mit den ehemaligen Gegnern ein ebenso politisches wie persönliches Anliegen. Scheel war auch der erste Bundesaußenminister, der Israel besuchte.

          Mit Hut: Walter Scheel 2013 in Bad Krozingen, wo er im Seniorenheim gelebt hat.
          Mit Hut: Walter Scheel 2013 in Bad Krozingen, wo er im Seniorenheim gelebt hat. : Bild: dpa

          Erst in der Schlussphase der Verhandlungen über die Ostverträge setzte er eigene Akzente. Dem sowjetischen Außenminister Gromyko wollte Scheel das Zugeständnis abgerungen haben, dass statt der „Unveränderbarkeit“ der Grenzen in Europa nur deren „Unverletzbarkeit“ festgeschrieben worden sei. Außerdem habe er dafür gesorgt, schrieb Scheel 2007, dass der Moskauer Vertrag Deutschland nicht daran hindere, „auf einen Zustand des Friedens in Europa hinzuwirken, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangt“. Diese Klausel im Begleitbrief zu dem Vertrag brach schließlich die Ablehnungsfront der Unionsparteien auf. Er selbst allerdings verlor allmählich den Glauben daran, dass der Passus noch einmal Bedeutung erlangen könnte. Ausgerechnet in seiner Festrede zum 17. Juni 1986 im Deutschen Bundestag riet er dazu, sich von dem Gedanken an die Wiedervereinigung zu lösen.

          Eine glückliche Hand hatte Scheel in seiner Personalpolitik. Sein Generalsekretär Karl-Hermann Flach schärfte das linksliberale Profil der FDP, Ralf Dahrendorf leistete ihm als Staatsminister im Auswärtigen Amt gute Dienste. Neben ihm wuchs Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher in seine Führungsrolle hinein. Schon von 1972 an stabilisierten sich die Wahlergebnisse der FDP, wuchs ihr Gewicht in der sozialliberalen Koalition.

          Dass Bundespräsident Heinemann auf eine zweite Amtszeit verzichten und die SPD gleichzeitig durch den Rücktritt Brandts in eine schwere Führungskrise stürzen würde, hatte niemand voraussehen können. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener Parteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur.

          Vor Beginn der Koalitionsgespräche mit Willy Brandt 1969.
          Vor Beginn der Koalitionsgespräche mit Willy Brandt 1969. : Bild: dpa

          Kein bequemer Präsident

          Mit diesem letzten großen Schachzug als aktiver Politiker hat er sich allerdings vorzeitig selbst matt gesetzt. Zumindest kann es nicht in seiner Lebensplanung gelegen haben, schon kurz vor Erreichen des sechzigsten Lebensjahrs politisch auf dem Abstellgleis zu landen. Als sich Scheels Amtsjahre in der Bonner Villa Hammerschmidt dem Ende zuneigten, hatte die sozialliberale Koalition ihre Mehrheit in der Bundesversammlung verloren. In den Unionsparteien, auf deren Stimmen er für eine Wiederwahl angewiesen gewesen wäre, war nicht vergessen, dass Scheel 1969 durch die Wahl des Bundespräsidenten den Machtwechsel herbeigeführt hatte. Unter diesen Umständen verzichtete Scheel 1979 auf eine zweite Kandidatur.

          Ein bequemer Präsident war er aber auch für die Regierung Schmidt nicht immer. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der die Gewissensprüfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der Bundesrat übergangen worden war. Statur gewann er als Redner und durch den Rückhalt, den er den demokratischen Institutionen auf dem Höhepunkt des linksextremistischen Terrors gab. Auch seine eigene Ausmusterung aus der Politik trug Scheel mit Haltung.

          Seine Popularität als „Altbundespräsident“ wurde von der seiner zweiten Frau fast noch übertroffen. Die Röntgenärztin Mildred Scheel war die Gründerin und bis zu ihrem Tod 1985 das Gesicht der Deutschen Krebshilfe. In den mehr als dreißig Jahren, die ihm im Ruhestand vergönnt waren, stellte sich Walter Scheel ehrenamtlich in den Dienst zahlreicher kultureller, sportlicher und europapolitischer Initiativen. Seine letzten Jahre verbrachte er mit seiner dritten Frau im badischen Bad Krozingen. Am Mittwoch ist Walter Scheel im Alter von 97 Jahren gestorben.

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