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Nachruf auf Walter Scheel : Der Unterschätzte

  • -Aktualisiert am
Mit Hut: Walter Scheel 2013 in Bad Krozingen, wo er im Seniorenheim gelebt hat.
Mit Hut: Walter Scheel 2013 in Bad Krozingen, wo er im Seniorenheim gelebt hat. : Bild: dpa

Erst in der Schlussphase der Verhandlungen über die Ostverträge setzte er eigene Akzente. Dem sowjetischen Außenminister Gromyko wollte Scheel das Zugeständnis abgerungen haben, dass statt der „Unveränderbarkeit“ der Grenzen in Europa nur deren „Unverletzbarkeit“ festgeschrieben worden sei. Außerdem habe er dafür gesorgt, schrieb Scheel 2007, dass der Moskauer Vertrag Deutschland nicht daran hindere, „auf einen Zustand des Friedens in Europa hinzuwirken, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangt“. Diese Klausel im Begleitbrief zu dem Vertrag brach schließlich die Ablehnungsfront der Unionsparteien auf. Er selbst allerdings verlor allmählich den Glauben daran, dass der Passus noch einmal Bedeutung erlangen könnte. Ausgerechnet in seiner Festrede zum 17. Juni 1986 im Deutschen Bundestag riet er dazu, sich von dem Gedanken an die Wiedervereinigung zu lösen.

Eine glückliche Hand hatte Scheel in seiner Personalpolitik. Sein Generalsekretär Karl-Hermann Flach schärfte das linksliberale Profil der FDP, Ralf Dahrendorf leistete ihm als Staatsminister im Auswärtigen Amt gute Dienste. Neben ihm wuchs Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher in seine Führungsrolle hinein. Schon von 1972 an stabilisierten sich die Wahlergebnisse der FDP, wuchs ihr Gewicht in der sozialliberalen Koalition.

Dass Bundespräsident Heinemann auf eine zweite Amtszeit verzichten und die SPD gleichzeitig durch den Rücktritt Brandts in eine schwere Führungskrise stürzen würde, hatte niemand voraussehen können. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener Parteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur.

Vor Beginn der Koalitionsgespräche mit Willy Brandt 1969.
Vor Beginn der Koalitionsgespräche mit Willy Brandt 1969. : Bild: dpa

Kein bequemer Präsident

Mit diesem letzten großen Schachzug als aktiver Politiker hat er sich allerdings vorzeitig selbst matt gesetzt. Zumindest kann es nicht in seiner Lebensplanung gelegen haben, schon kurz vor Erreichen des sechzigsten Lebensjahrs politisch auf dem Abstellgleis zu landen. Als sich Scheels Amtsjahre in der Bonner Villa Hammerschmidt dem Ende zuneigten, hatte die sozialliberale Koalition ihre Mehrheit in der Bundesversammlung verloren. In den Unionsparteien, auf deren Stimmen er für eine Wiederwahl angewiesen gewesen wäre, war nicht vergessen, dass Scheel 1969 durch die Wahl des Bundespräsidenten den Machtwechsel herbeigeführt hatte. Unter diesen Umständen verzichtete Scheel 1979 auf eine zweite Kandidatur.

Ein bequemer Präsident war er aber auch für die Regierung Schmidt nicht immer. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der die Gewissensprüfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der Bundesrat übergangen worden war. Statur gewann er als Redner und durch den Rückhalt, den er den demokratischen Institutionen auf dem Höhepunkt des linksextremistischen Terrors gab. Auch seine eigene Ausmusterung aus der Politik trug Scheel mit Haltung.

Seine Popularität als „Altbundespräsident“ wurde von der seiner zweiten Frau fast noch übertroffen. Die Röntgenärztin Mildred Scheel war die Gründerin und bis zu ihrem Tod 1985 das Gesicht der Deutschen Krebshilfe. In den mehr als dreißig Jahren, die ihm im Ruhestand vergönnt waren, stellte sich Walter Scheel ehrenamtlich in den Dienst zahlreicher kultureller, sportlicher und europapolitischer Initiativen. Seine letzten Jahre verbrachte er mit seiner dritten Frau im badischen Bad Krozingen. Am Mittwoch ist Walter Scheel im Alter von 97 Jahren gestorben.

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