https://www.faz.net/-gpc-8kqdh

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

Nachruf auf Walter Scheel : Der Unterschätzte

  • -Aktualisiert am

Ihm war bewusst, dass er die FDP an den Rand des Abgrunds brachte

Die dreijährige Oppositionszeit bis 1969, die Zeit der Großen Koalition, wusste Scheel zu nutzen, um Erich Mende an der Spitze der Partei abzulösen. Erst von da an konnte er das politische Spiel auf eigene Rechnung und eigenes Risiko betreiben. Er tat es mit einem Instinkt für günstige Gelegenheiten. In zwei Schritten führte er den Machtwechsel herbei: Am Vorabend der Bundesversammlung 1969 schwor er die Wahlmänner und -frauen der FDP auf Gustav Heinemann ein, den Präsidentschaftskandidaten der SPD; im Jahr darauf legte er seine Partei auf eine Koalition mit der SPD fest.

Bilderstrecke
Zum Tod von Walter Scheel : Leidenschaftlicher Sänger und Staatsmann

Dass er die FDP (und sich selbst als Vorsitzenden) damit an den Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: „Aber wer nur fasziniert der Wählermeinung nachläuft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung aufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der Politik sein“, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Bei der folgenden Bundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Aber es reichte, um den Grund zu legen für eine 29 Jahre währende Regierungsbeteiligung der FDP – und für seinen eigenen Aufstieg über das Bundesaußenministerium ins höchste Staatsamt.

Die Lust am Spiel mit der Macht verlor er auch als Ruheständler nicht. „Ich war an zwei (Koalitions-)Wechseln aktiv beteiligt“, verriet er in den neunziger Jahren, „1969 und 1982. Darum weiß ich, dass die FDP dabei jedes Mal in Lebensgefahr gerät.“ Wäre es nach ihm gegangen, hätte die FDP 1994 einen dritten Wechsel herbeigeführt. Im Parteipräsidium riet er dazu, den SPD-Präsidentschaftskandidaten Rau gegen Herzog zu unterstützen, um der FDP einen Platz an der Seite der nächsten Regierungspartei zu sichern.

Doch so glatt wie 1969 wäre die Rechnung nicht aufgegangen. Inzwischen hatten sich die Grünen so weit etabliert, dass die Zeit für ein rot-grünes „Projekt“ herangereift war. Der damalige FDP-Vorsitzende Kinkel befürchtete wohl zu Recht, dass die SPD die Unterstützung für Rau zwar dankend annehmen, aber wahrscheinlich nicht honorieren würde. Als sich dann 1995 Wolfgang Gerhardt und Jürgen Möllemann um die Nachfolge Kinkels bewarben, trat der Ehrenvorsitzende Scheel mit folgender Stellenbeschreibung indirekt für Möllemann (und eigentlich auch für sich selbst) ein: Der künftige Vorsitzende müsse neben klaren politischen Positionen und Durchsetzungsvermögen „auch ein hohes Maß an Risikobereitschaft“ mitbringen. Er müsse „einen Schuss Abenteurerblut“ haben.

Akzente in der Verhandlung der Ostverträge

So überschießend wie bei Möllemann brodelte das Abenteurerblut in Scheels Adern aber nie. Er wusste seinen Wagemut mit Verstand und Disziplin zu zügeln. In der sozialliberalen Koalition nahm er als Außenminister zunächst die dienende Rolle gegenüber den Architekten der neuen Ostpolitik, Brandt und Bahr, ein. Beide wussten aber auch, dass sie in Scheel einen überzeugten Verfechter der Verständigung mit den östlichen Nachbarn an ihrer Seite hatten. Dem einstigen Luftwaffenoffizier, der den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht hatte, war die Aussöhnung mit den ehemaligen Gegnern ein ebenso politisches wie persönliches Anliegen. Scheel war auch der erste Bundesaußenminister, der Israel besuchte.

Weitere Themen

Eigenständig und zuweilen unbequem

Zum Tod von Wolfgang Clement : Eigenständig und zuweilen unbequem

Er hat Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren stets größer gedacht als seine alte sozialdemokratische Partei. 2008 verließ Wolfgang Clement die SPD. Im gesellschaftlichen und politischen Leben blieb er aber bis ins hohe Alter präsent. Ein Nachruf.

Topmeldungen

Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

Trump gegen Biden : So reagiert das Netz auf den Schlagabtausch

Das erste Fernsehduell zwischen Präsident Trump und seinem Herausforderer sorgt auch in den sozialen Medien für jede Menge Reaktionen. Viele sind ähnlich hitzig wie die Debatte selbst. Andere Twitter-Nutzer werden kreativ.
Rupert Stadler sitzt in München im Gerichtssaal.

Früherer Audi-Chef : Mit der S-Klasse zum Gericht

Rupert Stadler hat eine neue Rolle: Er muss sich im Diesel-Prozess verantworten. Früher, in seiner Rolle als Vorstandschef der prestigeträchtigen VW-Marke Audi, fand er mehr Gefallen an öffentlichen Auftritten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.