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Muammar al Gaddafi : "Bruder Oberst" aus einer anderen Welt

  • -Aktualisiert am

Gaddafi bei einem Gipfeltreffen in Gambia im Jahr 2006 Bild: dapd

Muammar al Gaddafi trat wie andere Staatschefs seiner Zeit an, um die arabische Welt in die Moderne zu führen. Doch der Aufbruch mündete in eine brutale Diktatur. Mit dem Ausbruch der „Arabellion“ endete auch seine Zeit.

          Entmachtet war Muammar al Gaddafi schon seit langem. Nun ist er offenbar bei den Kämpfen um seine Heimatstadt Sirte getötet worden. Bis zuletzt hatte man befürchtet, der Autokrat werde seine Ankündigungen doch noch wahrmachen können und an die Macht zurückkehren - etwa mit Hilfe von Söldnern aus Schwarzafrika. Der Vorsitzende der Übergangsregierung in Tripolis, Mahmud Dschibril, hatte noch einen Tag, bevor Meldungen von der Ergreifung des gestürzten Diktators die Runde machten, vor einer möglichen Rückkehr Gaddafis gewarnt.

          Es gebe Hinweise darauf, eine Kolonne von 68 Fahrzeugen nähere sich von Südlibyen aus der Hauptstadt Tripolis. Es sei Gaddafi gelungen, etwa 12.000 Kämpfer zu rekrutieren, um abermals nach der Macht zu greifen. Unter Gaddafis Herrschaft waren viele Arbeitskräfte, aber auch Söldner aus den südlichen Nachbarländern Libyens ins Land geholt worden. Ein Teil von Gaddafis Familie hatte sich vor einiger Zeit in den benachbarten Staat Niger und auch nach Algerien abgesetzt. Von Gaddafi hatte seit dem 27. August jede Spur gefehlt.

          Ein undatiertes Foto zeigt den jungen Oberst

          Mit seinem Sturz endete eine politische "Karriere", die insgesamt etwas mehr als 42 Jahre dauerte und fast ständig für Gesprächsstoff in der Weltpolitik sorgte - lange Zeit wegen Gewalttaten, bisweilen wegen diplomatischer "Vermittlungsbemühungen" in Entführungsfällen, oft aber auch aufgrund bloßer Bizarrerie. Zuletzt gaben ihm die Regimegegner, die ihn mit tätiger Hilfe der Nato stürzten, in Anspielung auf seine schwer zu bändigenden, seit Jahren schon sichtbar dunkel gefärbten Haare den abschätzigen Spitznamen "schwarzer Krollenkopf". Gaddafis Konterfei, das zu Zeiten seiner Herrschaft allgegenwärtig in den Straßen Cafés und öffentlichen Gebäuden war, dient jetzt als Fußabstreifer - eine alte orientalische Methode, jemanden mit Verachtung zu strafen.

          Gaddafi kam am 1. September 1969 an die Macht - und herrschte mehr als 40 Jahre lang

          Am Anfang seiner Ära hatten viele Libyer den Revolutionsführer durchaus respektvoll "Bruder Oberst" genannt. Später erwarb sich Gaddafi viele Spitznamen: Terrorpate wurde er genannt, politischer Derwisch, Irrlicht der arabischen Welt. Der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan nannte Gaddafi einst einen "irren Hund".

          Dabei wusste der angebliche "Irre von Tripolis" die meiste Zeit wahrscheinlich sehr wohl, was er tat. Angefangen hatte der am 7. oder 19. Juni 1942 in einem Zelt bei Sirte geborene Muammar al Gaddafi seinen politischen Lebensweg ganz ungestüm: als durchaus charismatischer junger Offizier, der ideologisch gewissermaßen auf der Höhe seiner Zeit war, als er nach dem 1. September 1969 an die Macht kam.

          Ein Beduinenjunge aus dem Stamm der Al Gaddafa, dessen Kindheit man sich ungefähr so archaisch vorstellen muss, wie Ibrahim al Koni - der größte Schriftsteller und Dichter Libyens, vielleicht sogar Nordafrikas - in seinen Romanen und Erzählungen die Wüstenkinder darstellt. Gaddafi erlebte den kolonialistischen Einfluss der Italiener, danach den der Briten in seinem Land, wuchs in der seit 1951 bestehenden konservativ geprägten Monarchie unter König Idris I. al Senussi auf, deren eigentliches Zentrum die Cyrenaika (Qurayna) war, jener östliche Landesteil, von dem im Frühjahr dieses Jahres die Rebellion ausging, die nun zu Gaddafis Sturz führte.

          In der Armee machte er Karriere

          In der Armee konnte der junge Gaddafi Karriere machen - was auch in anderen Ländern seiner Region für die unteren Schichten galt. Die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren ein Zeitalter nationalistischer Konvulsionen und Exzesse in der arabischen Welt. Brennpunkt dieser Unruhe war Kairo, wo sich 1952 die "Freien Offiziere" unter Führung von Mohammed Nagib und Gamal Abdel Nasser, dem Sohn eines Postbeamten, an die Macht geputscht hatten. Ihr Vorbild beeinflusste die gesamte Region: von Algerien, wo sich die Bevölkerung seit 1954 in einem blutigen nationalen Befreiungskrieg gegen die Franzosen erhob, bis nach Syrien und in den Irak, wo man den ägyptischen Offizieren und ihrer Ideologie sogar bis zur Karikatur nacheiferte, indem man Nassers Rhetorik imitierte. Damaskus und Bagdad erlebten Umstürze, die monarchistische alte Ordnung stürzte wie in Ägypten die des Königs Faruk und wurde durch einen arabisch-nationalistischen "Progressismus" abgelöst.

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