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Chemtrails und Mondlandung : Ein Kurztrip in den Verschwörungssumpf

  • -Aktualisiert am

Für manche Menschen eine unheilvolle Bedrohung: Flugzeuge am Himmel Bild: dpa

Christian Alt und Christian Schiffer wollen Menschen von ihren Aluhüten befreien – flanieren dabei eher unbedarft zwischen Verschwörungstheorien.

          Das Autorenduo Christian Alt und Christian Schiffer plant einen Kurztrip in den Sumpf der Verschwörungstheorien – im Idealfall, ohne sich allzu sehr schmutzig zu machen. Dass dieser Plan naiv ist, räumen sie in der für das Buch charakteristischen selbstironischen Art anfangs gleich selbst ein: „Wir lesen uns Verschwörungswissen auf Wikipedia an, das wir dann dazu nutzen, um das Kartenhaus der irren Theorien mit einem gezielten Schlag zu Fall zu bringen.“

          Denn je weiter sie auf das konspirationistische Terrain vordringen, desto deutlicher sehen sie, dass Menschen mit von Grund auf alternativen Weltbildern sich nicht von ein paar schnell gelieferten Fakten (die sie ja nicht als solche anerkennen) umstimmen lassen. Und dass – so die zentrale Einsicht des Buches – ein Ausflug in das „Land der Verschwörungstheorien“ kein spaßiges Kurzabenteuer ist.

          Leider ist der Erzählton durchgehend süffisant gehalten („die krassesten Oberverschwörer ever“) und dadurch meist weniger auf präzise Prosa aus als auf clevere Punchlines. Manche davon sind zwar einigermaßen witzig – das Argument der „Reichsbürger“, 1945 hätte zwar die Wehrmacht kapituliert, nie aber das Deutsche Reich, sei ungefähr so wie die Aussage: „Nein, wir sind nicht zu spät gekommen, sondern nur unsere Körper“ –, aber in der Fülle haben sie etwas von einem leicht gezwungenen Late-Night-Monolog. Den Ernst des Gegenstands, den die Autoren zu Recht herausstellen, untergraben sie auf diese Weise selbst.

          Christian Alt und Christian Schiffer: „Angela Merkel ist Hitlers Tochter“

          Ein wenig weitschweifend mutet es zudem an, wenn in eingestreuten Kapiteln altbekannte Verschwörungstheorien abgehandelt werden, ohne dass man wirklich Neues lernt: die vorgetäuschte Mondlandung, die „jüdische Weltverschwörung“, „Chemtrails“, die „Impflüge“. Auch hier wird man das Gefühl nicht los, man lese die schriftliche Version einer gutgelaunten Party-Unterhaltung.

          Lieber hätte man stattdessen mehr über die Begegnungen mit Menschen aus der verschwörungstheoretischen Szene und ihren Gegnern und Opfern erfahren. So treffen sich die Verfasser zum Beispiel mit dem Journalisten Richard Gutjahr, der zufällig sowohl bei dem Lkw-Anschlag in Nizza im Juli 2016 als auch bei dem Amoklauf in dem Münchener Kaufhaus wenige Tage später zugegen war, woraufhin er Drohungen von Menschen erhielt, die in ihm den Strippenzieher einer großen Verschwörung vermuteten. Interessant zu lesen ist auch das Treffen mit einer Frau, die erzählt, sie habe für ihre Einkäufe früher einen halben Tag gebraucht, weil sie überzeugt gewesen sei, dass es kaum Lebensmittel gebe, die nicht von der Bundesregierung vergiftet worden seien.

          Nach einem Vortrag von David Icke, in dem der britische Posterboy der Szene stundenlang vor eingestimmtem Publikum über Echsenmenschen, das „Weltjudentum“ und die „Neue Weltordnung“ redet, beschließen Alt und Schiffer, Aufklärer zu werden: „Lasst uns eine Wissenspyramide bauen.“ Schwerlich lässt sich behaupten, dass sie dieses wohlmeinende und doch unbedarfte Vorhaben mit dem vorliegenden Buch verwirklicht haben. Die Frage, wie man diejenigen erreicht, die im Sumpf der Verschwörungstheorien steckengeblieben sind, bleibt unbeantwortet.

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